Den eigenen Umgang hinterfragen : KI-Systeme verstärken die Schwächen von Entscheidern

Philip Meissner
Philip Meissner, Professor für Strategisches Management und Entscheidungsfindung an der ESCP Business School Foto: Tobias Koch

Die KI-Nutzung ist explodiert, die Qualifizierung von Führungskräften und Mitarbeitern hinkt hinterher. Welche Archetypen es beim Umgang mit KI gibt und wie man Fehler bei der eigenen Entscheidungsfindung hinterfragen kann, schreibt Philip Meissner von der ESCP Business School.

von Philip Meissner, ESCP Business School

veröffentlicht am

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82 Prozent der Führungskräfte in DACH-Unternehmen erwarten, dass sich ihre Rolle grundlegend wandelt: weg vom klassischen Entscheider und stattdessen hin zur Prüfung dessen, was KI-Systeme vorschlagen. So die Kernaussage der Studie „Digital Excellence Outlook – AI at Scale" von Valantic und dem Handelsblatt Research Institute, für die über 1.000 C-Level-Entscheider aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt wurden. Die Zahl spiegelt eine verbreitete Annahme wider: Entscheidungsqualität sei künftig vor allem eine Frage der Technologie.

Beim Umgang mit KI gibt es drei Archetypen

Die wissenschaftliche Forschung zeigt ein anderes Bild. Gemeinsam mit Christoph Keding habe ich 140 Führungskräfte mit identischen KI-Empfehlungen konfrontiert. Die Teilnehmenden sollten entscheiden, wie viel Budget sie in eine neue Technologie lenken, die ihnen neue Geschäftsmöglichkeiten erschließen würde. Dafür lag ihnen eine (angebliche) KI-basierte Empfehlung vor. Das Ergebnis: Bei exakt gleichem Input, nämlich in die neue Technologie zu investieren, trafen die Beteiligten völlig unterschiedliche Entscheidungen.

Es gab Führungskräfte, die die Empfehlung weitgehend übernahmen und das Budget deutlich aufstockten – sie hatten ja die Empfehlung der KI im Rücken. Andere misstrauten dem System, behielten lieber selbst die Kontrolle und investierten spürbar zurückhaltender. Zwischen diesen beiden Polen lagen bis zu 18 Prozent Unterschied im eingesetzten Kapital. Für Investitionsentscheidungen im Unternehmen sind das massive Beträge.

Diese Beobachtung lässt die Unterscheidung von drei Entscheidungs-Archetypen zu: Skeptics, die algorithmische Empfehlungen pauschal abwerten; Interactors, die sie mit eigenem Urteil abgleichen; Delegators, die Verantwortung faktisch an das System abgeben.

Das bedeutet: Nicht das KI-Ergebnis bestimmt, welche Entscheidung fällt – den Ausschlag gibt der menschliche Filter.

Den eigenen Entscheidungsstil mit vier Prinzipien herausfordern

Doch was macht eine gute Entscheidung heute aus? Aus der Forschung an der ESCP Business School in Berlin ergeben sich vier belastbare Prinzipien.

Erstens: die eigentliche Entscheidungsfrage präzise identifizieren, statt Symptome zu bearbeiten. So sollte beispielsweise eine Behörde, die über den Kauf einer KI-Software diskutiert, sich zunächst fragen: Welchen Prozess wollen wir eigentlich verbessern und wo kann KI dabei überhaupt helfen?

Zweitens: gezielt Menschen konsultieren, die vergleichbare Probleme bereits gelöst haben, und dabei über das gewohnte Umfeld hinausgreifen. Wer als Stadt seine digitalen Angebote ausweiten will, profitiert von einer weiteren internen Runde meist weniger als vom Austausch mit einer bereits digital-erfahrenen Kommune.

Drittens: aktiv Widerspruch suchen und jeder wichtigen Entscheidung einen Kritiker gegenüberstellen, um die eigene Filterblase zu durchbrechen. Gerade bei Herzensprojekten lohnt es sich, wenn Externe unvoreingenommen hinterfragen.

Viertens: die Vorentscheidung an einer konkreten Probe belasten, bevor sie fällt, mit einem Pre-Mortem etwa. Bei dem stellt man sich vor, das Projekt sei in einem Jahr gescheitert, und benennt die Gründe.

Nicht nur den Umgang mit KI schulen, sondern auch den eigenen Entscheidungsstil

Für Verwaltungen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Organisationen ergibt sich daraus ein anderer Investitionsschwerpunkt. Nicht nur der KI-Einsatz sollte geschult werden, sondern auch der Umgang mit dem Output sowie die Entscheidungsfähigkeit der Führungskräfte selbst. Ohne diese Grundlage verstärken KI-Systeme bestehende Muster – Delegators delegieren stärker, Skeptics verwerfen wertvolle Signale. Die eigentliche Kompetenzlücke liegt beim Menschen, der die Technik einsetzt. Die gute Nachricht ist jedoch: Sie lässt sich schließen.

Philip Meissner ist Inhaber des Lehrstuhls für Strategisches Management und Entscheidungsfindung an der ESCP Business School und berät Unternehmen weltweit zu KI-Strategie und strategischer Vorausschau. Er wurde ausgewählt als Mitglied der Thinkers 50 Radar Class 2025 und ebenso als Mitglied der World Economic Forum Young Global Leader.

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