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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Fünf Hausaufgaben für Deutschland im Bereich KI

Ludwig von Reiche, Geschäftsführer von Nvidia Deutschland
Ludwig von Reiche, Geschäftsführer von Nvidia Deutschland Foto: Nvidia

Auch die neue Bundesregierung will die Entwicklung und den Einsatz von KI-Systemen stärken. Nvidia-Deutschlandchef Ludwig von Reiche hat dazu fünf konkrete Forderungen und wünscht sich unter anderem einen jährlichen KI-Audit und regelmäßige KI-Gipfel.

von Ludwig von Reiche

veröffentlicht am 24.01.2022

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Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Weltweit erreichen die Investitionen in KI-Start-ups ständig neue Rekordmarken – zuletzt von 17,9 Mrd. US-Dollar im dritten Quartal 2021. Die Ampel-Koalition will vor diesem Hintergrund in KI investieren, Forschung fördern und regulieren, damit technologischer Fortschritt stets auch menschenzentriert ist. Die EU-Kommission hat ihrerseits mit dem Entwurf einer KI-Verordnung den ersten umfassenden Rechtsrahmen zur Regulierung von Künstlicher Intelligenz vorgelegt.

Der Blick richtet sich dabei vor allem auf die Zukunft: Welche Jobs wird KI einmal übernehmen? Welche neuen Jobs können entstehen? Welche Entscheidungen kann KI treffen? Wie sollte man KI regulieren?

Bereits heute sind KI-Systeme an vielen Stellen längst erfolgreich im Einsatz. Mithilfe Künstlicher Intelligenz gelangen etwa Durchbrüche bei der Gensequenzierung, mit der die im Kampf gegen die COVID-19-Pandemie so hilfreichen mRNA-Impfstoffe entwickelt werden konnten. Das volle Potenzial von mRNA-Medikamenten ist dabei noch lange nicht ausgeschöpft. Ein weiteres Beispiel für den Einsatz ist die Optimierung komplexer Prozesse in Unternehmen, die mit KI schneller, präziser und effizienter werden. Darüber hinaus ebnen KI-Systeme gerade den Weg zum autonomen Fahren. Künstliche Intelligenz spielt also in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen eine wichtige Rolle.

Dennoch hinkt der kommerzielle Einsatz von KI dem technischen Fortschritt in Deutschland hinterher. Die neue Bundesregierung hat das begriffen: Im Koalitionsvertrag sind viele Ansatzpunkte erkennbar, wie das Wissen um Nutzen, Entwicklung und Einsatz von KI-Systemen massiv gestärkt werden soll. Im Unterschied zur Vorgängerregierung darf es aber nicht länger bei Willensbekundungen bleiben. Jetzt sind zügige Umsetzung und Praxisnähe gefragt. Das Entscheidende hierbei ist nicht nur die Entwicklung von KI-Systemen im Labor, sondern deren rasche Erprobung und Einsatz in der Praxis.

Das alles führt zu fünf Kernpunkten, die in Deutschland zeitnah adressiert werden sollten – davon hängt nicht weniger ab als unsere Wettbewerbsfähigkeit im 21. Jahrhundert:

  1. (Aus-)Bildung beschleunigen und Wissen in die Breite tragen: Einhundert zusätzliche KI-Professuren hatte die letzte Bundesregierung 2018 zugesagt – doch weniger als ein Drittel davon waren nach zwei Jahren auch besetzt. Hier müssen wir viel schneller werden: Besetzungsverfahren verkürzen und aktiv um internationale Kandidatinnen und Kandidaten werben. Das Programm der Alexander-von-Humboldt-Professuren könnte durch den Bund ausgeweitet werden, um hier zügiger voranzukommen. Dazu sollte das Verständnis für KI jenseits der Informatik verbreitert werden. Dabei geht es auch um mehr Anwendungswissen in vielen Fächern – nicht nur um Spitzenforschung. Das am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) entwickelte Konzept der Transferlabs könnte als Beispiel für den Transfer von Wissenschaft in die Praxis dienen.

  2. Mittelstand ermutigen: Der Mittelstand, das innovative Rückgrat der deutschen Wirtschaft, steht KI noch ambivalent gegenüber. Den Auswirkungen von KI auf die oft notwendige Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen wird vielfach noch nicht genug Beachtung geschenkt. KI muss für den Mittelstand – und dort vor allem für Inhaber und oberste Führungskräfte – greifbar(er) gemacht werden. Informationen über das Potenzial von KI und die Publikation von Beispielen für schnelle und einfache Lösungen sind hierfür wichtig. Das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) sollte daher stärker auf KI ausgerichtet werden.

  3. Start-up-Finanzierung verbessern: Hunderte Start-ups arbeiten in Deutschland im Bereich Künstlicher Intelligenz. Allein am Inception-Programm von NVIDIA sind deutschlandweit knapp 400 junge Unternehmen beteiligt. Hier gilt es vor allem, die Möglichkeiten der Wachstums-Finanzierung massiv und zeitnah zu verbessern. Die Ampel-Koalition will institutionellen Anlegern ermöglichen, in Start-ups zu investieren, wie es andernorts schon lange möglich ist. Geredet wird darüber seit Jahren – nun brauchen wir entschlossenes Handeln.

  4. Umsichtig regulieren: Das regulatorische Umfeld für den Einsatz von KI wird in erster Linie von der EU vorangetrieben: 2022 soll der europäische AI Act verabschiedet werden. Der risikobasierte Ansatz hat sich dabei als Grundlage der Einschätzung von KI-Lösungen weitgehend durchgesetzt, doch es bleiben noch wichtige Einzelfragen zu klären. Ein Schwerpunkt könnten hier Verfahren zur Prüfung von KI-Systemen auf die Vermeidung von Voreingenommenheit (bias) sein. Dass es der deutschen Regierung nicht an Mut fehlt, zeigt ihr Vorgehen bei der Zulassung autonomer Fahrzeuge. Hier wird mit Augenmaß reguliert und bahnbrechenden Innovationen Made in Germany der Weg bereitet.

  5. Experimente ermöglichen: KI-Lösungen entstehen oft im Labor – aber sie müssen in kontrollierten Echtversuchen getestet werden, bevor man sie auf die Welt „loslassen“ kann. Dafür werden Reallabore benötigt, die in Deutschland heute noch rar und schwierig zu errichten sind. Der Entwurf der EU KI-Verordnung sieht so genannte „Regulatory Sandboxes“ vor, die einen möglichen Weg aufzeigen, und die Koalition will ein „Reallabor- und Freiheitszonengesetz“ schaffen. Die Entwicklung solcher Initiativen kann gar nicht schnell genug gehen.

Wir müssen vor allem den Mut haben, KI als Kulturtechnik zu verstehen. Deutschland hat riesige Chancen, bei KI weltweit führend zu werden. Die Start-up-Landschaft in Deutschland zeigt regelmäßig, was in diesem Bereich möglich ist – etwa mit dem gezielten Einsatz von KI-Systemen bei der Entwicklung von Impfstoffen. Die Kosten für den Einstieg sind höchst überschaubar: Cloudanbieter vermieten state-of-the-art KI-Plattformen sogar minutenweise.

Insgesamt sollten wir mehr KI-Innovation fördern und Innovatoren das nötige Wissen schneller zur Verfügung stellen sowie Freiräume beim Einsatz neuartiger Technologien schaffen. Damit das klappt, können Förderprogramme nur der Anfang sein. Noch wichtiger ist es, auf die Ergebnisse zu schauen – und zwar zeitnah. Deswegen mein Appell: Der Fortschritt und vor allem der Nutzen von KI müssen regelmäßig gemessen werden. Nur dann kann die Politik nachhalten, verbessern und gegebenenfalls den Kurs korrigieren. Ein jährlicher KI-Audit und regelmäßige KI-Gipfel wären passende Formate, damit es 2025 nicht heißt: Wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht.

Ludwig von Reiche ist Geschäftsführer der Nvidia GmbH 

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