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: Steffen Kanitz

Steffen Kanitz, Geschäftsführer Bundesgesellschaft für Endlagerung
Geschäftsführer Bundesgesellschaft für Endlagerung Foto: promo

von Background Redaktion

veröffentlicht am

Warum Steffen Kanitz sich mit Atommüll beschäftigt? „Weil sich ganz viele um den Grundkonflikt pro oder kontra Kernkraft gekümmert haben, aber mein Eindruck ist, dass mit der Entscheidung, 2022 auszusteigen, die öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Thema deutlich abnimmt…, und als Vater von zwei kleinen Kindern komme ich aus der Generation, die von günstiger Energie durch Kernkraftwerke profitiert hat und die jetzt die Verantwortung tragen muss…“

Diese Sätze! Viele Fragen beantwortet Steffen Kanitz genau wie diese, lang, vollgepackt mit Informationen und scheinbar ohne Punkt. Man kennt diese Sätze von Politikern, die interviewt werden, immer im Blick, dass die 
Kamera gleich ausgehen könnte und die Hälfte dem Schnitt zum Opfer fällt, und die Presse oder der politische Gegner sie festnagelt auf etwas, das so doch noch gar nicht stimmt.

2017 aus dem Bundestag geflogen

Dabei hat Kanitz seine politische Karriere beendet. Seit er 2017 aus dem Bundestag ausgeschieden ist, arbeitet er für die 
Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung und seit August 2018 als Geschäftsführer für die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Das 1900 Mitarbeiter starke Unternehmen ist ans Umweltministerium angegliedert und betreibt die Schachtanlage Asse II sowie die bestehenden Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle Konrad und Morsleben. Und sie sucht ein weiteres Endlager – für 27.000 Tonnen hoch radioaktiven Abfall. Bis 2020 will die BGE mögliche Teilregionen für ein Endlager vorstellen, bis 2031 einen Standort bestimmen, 2050 einlagern. Kanitz ist für das heikle Thema Standortsuche zuständig.

Dafür braucht er noch eine andere Gabe als nüchterne Sachlichkeit. Wenn er überlegt, sich ärgert, für etwas kämpft, werden seine Sätze kürzer. Er betont deutlich, macht Pausen. Wirkt mitreißend, wie in einer 
Bundestagsrede vom März 2017. „Meine Damen und Herren von den Linken, wir haben die sichersten Kernkraftwerke der Welt“, sagt Kanitz und zitiert aus einem Antrag: „Sie behaupten, dass Reaktordruckbehälter (in den belgischen Atomkraftwerken Doel und Tihange) den Anforderungen bei schweren Störfällen nicht gewachsen sein können. Das Gegenteil ist der Fall.“ Er läuft rot an, verhaspelt sich, fängt sich wieder. „Sie skandalisieren einen Vorgang und operieren ganz offensichtlich mit falschen Behauptungen, das ist fahrlässig und schäbig.“

Kanitz bewegt sich zwischen 
Sachlichkeit und Emotion, er teilt aus, ohne ins Populistische abzurutschen. Er braucht beides – für ein sperriges, angstbesetztes Thema wie die Endlagerung radioaktiver Abfälle. „Ich mache Politik mit großer Leidenschaft, das gilt besonders für mein Thema Endlagerung“, sagt er. Er betont Moral und Verantwortung, Respekt. Bedankt sich für Fragen, bleibt höflich, fordert Kompromissbereitschaft ein.

Das sei auch in seinem neuen Job so. „Ich bin 
weniger konfrontativ geworden“, sagt er. „Aber ich trete immer noch mit großem Engagement für meine Position ein, weil ich glaube, dass wir Menschen nur so mitnehmen können.“

Projektentwickler  bei Gelsenwasser

Mit 19 Jahren
 tritt der Dortmunder in die Junge Union ein, wird Schatzmeister, studiert Betriebswirtschaft und arbeitet anschließend als Projektentwickler beim Wasser- und Energieversorger Gelsenwasser. 2007 steigt Kanitz zum Kreisvorsitzenden der Dortmunder CDU auf und geht 2013 als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag. Weil die regenerativen Energien schon von anderen Kollegen besetzt waren, wird er Berichterstatter für das Thema Nuklearenergie. „Ich habe gemerkt, dass die Entsorgung radioaktiver Abfälle ein wahnsinnig ideologisch besetztes Thema ist und dass es wenig Kommunikation in der Mitte gibt, die versucht, das Thema nüchtern zu betrachten und tatsächlich lösungsorientiert vorzugehen.“

Bis 2017 wirkt Kanitz in der 
Endlagerkommission daran mit, die beteiligten Institutionen neu zu ordnen. Neben einer Regulierungs- und einer Aufsichtsbehörde werden die Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung und die Bundesgesellschaft für Endlagerung ins Leben gerufen. Die Energieversorger müssen 24 Milliarden Euro an den Staat abführen.

In der Politik lernt Kanitz zu reden, sich ein komplexes Thema zu eigen zu machen und es packend vorzutragen, aber auch zuzuhören und Kompromisse zu finden. Seine Eltern vermitteln ihm 
christliche Werte und den Leitsatz „Beklage Dich nicht über die Dinge, die Dich stören, sondern ändere sie“. In der Schule diskutiert er im Sozialwissenschaftenunterricht die soziale Frage. Die meisten Mitschüler stellen das Verteilen an den Anfang, Kanitz mit zwei Gleichgesinnten das Erwirtschaften. Er ist angefixt. Besucht Veranstaltungen der Jusos und der Jungen Union. Dann entscheidet er sich.

2017 folgt das Aus.
 Für Kanitz unverhofft, er steht auf Platz 16 der Landesliste und hält seinen Wiedereinzug in den Bundestag für sicher. „Ich musste mich erstmal schütteln“, sagt er. Kanitz spricht mit seiner Familie und nimmt dann das Angebot an, Generalbevollmächtigter der Bundeszwischenlagerungsgesellschaft zu werden. Neun Monate später wechselt er als Geschäftsführer in die BGE.

Neben der Standortsuche kümmert sich der 
35-Jährige um die ITForschungEntwicklung und Wissensmanagement sowie die Produktkontrolle – die sichere Abnahme der Abfälle. Kanitz reist viel, er besucht Städte und Kommunen und informiert über das Verfahren zur Standortauswahl. Er spricht mit Bürgermeistern, Abgeordneten und Umweltinitiativen und erläutert das Verfahren. Er arbeitet mit Physikern, Ingenieuren, Anlagenbauern und Informatikern zusammen, momentan aber verstärkt mit Geologen und Juristen, die das Gesetz und die Ausschlusskriterien anwenden.

Die BGE eruiert Teilgebiete, in denen sie weitersuchen will, 
homogene Gesteinsformationen unter Tage, ohne Wasser, ohne Erdbeben, ohne Vulkantätigkeit. Landesbehörden haben mehr als eine Million Datensätze aus dem Bergbau übermittelt, die Kanitz und sein Team auswerten. „Einige Regionen können wir allein aufgrund der Datenanalyse ausschließen.“ Kein Bergbau, keine Schächte, kein angebohrtes Gestein, kein Wasser. Erst danach beginnen eigene geologische Erkundungen.

Gegenwind 
gibt es genug. Nicht nur aus dem Parlament, auch von Umweltinitiativen, Anwohnern, „Experten“, die sich laut Kanitz mit veraltetem Kartenmaterial über geologische Formationen bei angeblich betroffenen Bürgern als Berater anbieten. „Das ärgert mich, und wir versuchen, mit Öffentlichkeitsarbeit dagegen zu steuern“, sagt Kanitz.

Lagerung für eine Million Jahre

Die meisten Angriffe pariert er. „Ich meine, verstanden zu haben, warum Teile der Umweltverbände, die in 
Gorleben waren, sich verletzt fühlen und auch, warum Verletzungen bei Betreibern bestehen und denjenigen, die versucht haben, den gesetzlichen Auftrag auszuführen.“ Gorleben sitzt tief. Dort, wo die Politik in den 1970er Jahren beschloss, ein Endlager zu bauen, ohne die Öffentlichkeit einzubeziehen.

Was hilft? Erklären, immer wieder erklären. Und die Sprache sprechen, der Bürger wie der Fachleute. Kanitz verwendet Ausdrücke wie „
Gestein erörtern“, die er umgehend erklärt, „einfahren“, wenn er über Zechen und einen Anthrazitkohlebergbau spricht, die er als Schüler besucht hat. Bloß nicht die alten Fehler wieder machen. Er klingt gehetzt dabei, als wäre es ein Sprint bis zur Findung eines Endlagers und der Einlagerung der Abfälle. Dabei ist es ein Marathon, eine Äquatorumrundung, die fast ein ganzes Berufsleben umfasst, sein ganzes Berufsleben. 2050 soll der hoch radioaktive Müll eingelagert sein. Für eine Million Jahre sicher. Kanitz wäre dann 66.

Vier Mal die Woche geht Steffen Kanitz laufen, am Wochenende wird er wieder zum Politiker und nimmt Termine wahr, den Kreisvorsitz der Dortmunder CDU hat er behalten. Beim Bäcker diskutiert er mit Nachbarn, wie früher. Bleibt da noch genug Zeit für seine 
Frau und die zwei und vier Jahre alten Kinder? Es ist der einzige Moment, an dem Kanitz im Interview lacht. „Da müssen Sie meine Frau fragen.“ Es klingt wie eine kleine Kapitulation. Ina Linden


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