Grüngasquote : Wer nur auf heutige Mengen schaut, verkennt die Möglichkeiten

Bengt Bergt
Bengt Bergt, Leiter Public Affairs Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft Foto: Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft

Das Eckpunktepapier des BMWE zur Grüngasquote sei gar nicht so schlecht, findet Bengt Bergt. Es schaffe die Grundlage für Investitionen und schließe eine wichtige Lücke der Wärmewende, ohne andere Technologien zu verdrängen, argumentiert der ehemalige SPD-Abgeordnete.

von Bengt Bergt, Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft

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Die Eckpunkte des Bundeswirtschaftsministeriums zur Grüngas- und Grünölquote markieren eine wichtige energiepolitische Weichenstellung: Erneuerbare und kohlenstoffarme Gase werden ausdrücklich als Instrument für den Klimaschutz anerkannt. Für den Gebäudesektor mit rund 13,9 Millionen Gas- und 4,7 Millionen Ölheizungen eröffnet sich damit ein Weg zur Klimaneutralität, der nicht überall den Austausch der Heizung voraussetzt. Das Konzept verbindet einen schrittweisen Hochlauf bis 2045 mit Technologieoffenheit, handelbarer Quotenerfüllung, Möglichkeiten zur Übertragung von Überschuss- oder Fehlmengen zwischen den Jahren (Banking und Borrowing) sowie Anreizen für Wasserstoff.

Kritiker fragen, ob dafür genügend grüne Gase verfügbar sind und ob sie klimawirksam und bezahlbar bleiben. Beide Fragen sind berechtigt. Doch die Antworten müssen über eine Bestandsaufnahme des heutigen Marktes hinausgehen.

Mengen entstehen durch Nachfrage

Die Debatte über die Verfügbarkeit grüner Gase verengt sich häufig auf die aktuelle Produktion. Das kennen wir vom Ausbau erneuerbarer Energien und vom Wasserstoff. So spielten vor 30 Jahren Wind- und Solarenergie in unserer Stromversorgung kaum eine Rolle. Heute decken erneuerbare Energien mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs. Möglich wurde das durch verlässliche Rahmenbedingungen, die Investitionen und den Aufbau neuer Produktionskapazitäten angereizt haben. Wer nur sieht, was gerade ist, wird sich nie vorstellen, was werden kann.

Gerade beim Biomethan gibt es bereits eine erhebliche Produktionsbasis. In Deutschland wurden 2025 rund 12,3 Terawattstunden Biomethan ins Gasnetz eingespeist. Hinzu kommen etwa 100 Terawattstunden Biogas, die überwiegend vor Ort zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt werden. Ein Teil davon könnte künftig aufbereitet und eingespeist werden. Weitere Potenziale liegen im heimischen Ausbau und in Importen.

Dafür brauchen Unternehmen die Aussicht, zusätzliche Mengen über viele Jahre verkaufen zu können. Die Grüngasquote schafft diesen Nachfragepfad und damit die Grundlage für Investitionen in Anlagen, Netzanschlüsse und Lieferbeziehungen.

Auch beim erneuerbaren Strom hat gesicherte Nachfrage geholfen, einen zunächst kleinen Markt zu entwickeln. Die Quote folgt diesem Grundgedanken, setzt aber ausschließlich auf Wettbewerb: Der Preis soll sich am Markt bilden.

Bezahlbarkeit gehörte schon immer zum Konzept

Erneuerbare und kohlenstoffarme Gase haben ihren Preis. Entscheidend ist, die Kosten des Hochlaufs zu begrenzen. Das Ministerium schlägt dafür wichtige Instrumente vor. Verpflichtet werden die Inverkehrbringer, nicht einzelne Hauseigentümer. Stadtwerke und Gaslieferanten können die Quote bilanziell über ihr Portfolio erfüllen. Banking und Borrowing erlauben den Ausgleich von Über- und Unterschreitungen zwischen den Jahren. Zusammen mit dem Handel von Quotenerfüllungen fördert das einen liquiden Markt und kann Preisspitzen abfedern.

Nicht jeder Lieferant muss in jedem Jahr exakt die benötigte Menge selbst beschaffen. Die Pflicht bleibt verbindlich, ihre Erfüllung wird aber flexibler.

Der moderate Einstieg ab 2028 gibt der Branche Zeit, das Angebot auszuweiten. Quotenhöhe, verfügbare Mengen und Infrastruktur müssen dabei zusammenpassen. Zur Wirtschaftlichkeit gehört zudem mehr als der Preis einer Kilowattstunde: Auch neue Heizungsanlagen, Sanierung und Infrastruktur kosten Geld. Je nach Gebäude können unterschiedliche Wege sinnvoll sein.

Wasserstoff schafft zusätzliche Möglichkeiten

Die Quote kann auch dem Wasserstoffhochlauf einen Impuls geben. Grüner Wasserstoff soll zunächst mehrfach angerechnet werden, kohlenstoffarmer Wasserstoff ebenfalls berücksichtigt werden. Das vorgesehene Opt-in erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen, industriell eingesetzten Wasserstoff für die Quote anzurechnen. So entsteht zusätzliche Nachfrage, ohne dass Wasserstoff unmittelbar in jeder Gasheizung eingesetzt werden muss.

Eine solche Anrechnung braucht verlässliche, aber möglichst einfache Nachweise. Herkunft, Eigenschaften und Verwendung müssen zuverlässig dokumentiert werden. Bestehende Systeme sollten miteinander verbunden werden; auch die gemeinsame Quotenerfüllung kleinerer Versorger über ein Pooling könnte Bürokratie reduzieren. Langfristig muss neben der eingesetzten Menge zunehmend die tatsächliche Treibhausgasminderung des gesamten Brennstoffportfolios zählen.

Alle Energieträger müssen ihren Beitrag leisten

Auch Strom und Fernwärme müssen klimaneutral werden. Beim Strom ist der Ausbau erneuerbarer Energien bereits weit fortgeschritten; bei der Fernwärme stehen vielerorts umfangreiche Investitionen an. Die Grüngasquote gibt nun auch der Gasversorgung einen Transformationspfad: Der Anteil erneuerbarer und kohlenstoffarmer Brennstoffe soll bis 2045 auf 100 Prozent steigen. Neue Gase können darüber hinaus zur Dekarbonisierung von Wärmenetzen und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen beitragen. Die Energieträger sollten deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Kein Gegenspieler zur Wärmepumpe

Vor allem steht die Grüngasquote nicht im Gegensatz zur Wärmepumpe. Wo diese technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, wird sie auch künftig genutzt werden. Die Quote ändert daran nichts. Doch die Gebäude in Deutschland sind so unterschiedlich wie ihre Bewohner. Gebäudehülle, Sanierungsbedarf, Investitionsmittel, Eigentümerstruktur und örtliche Gegebenheiten bestimmen mit, welche Heizung passt. Nicht jedes Gebäude lässt sich ohne Weiteres elektrifizieren, und nicht jede Gasheizung wird bis 2045 ausgetauscht sein.

Für diese Fälle eröffnet die Quote eine zusätzliche Perspektive: Nicht nur die Heiztechnik, auch die eingesetzten Brennstoffe können sich verändern. Das BMWE greift damit die Verständigung der Koalition zu einer technologieoffenen Wärmewende auf. Der nächste Schritt sind verlässliche, praxistaugliche Regeln ohne unnötige Bürokratie.

Die Grüngasquote wird die Wärmewende nicht allein bewältigen. Aber sie schließt eine wichtige Lücke, ohne andere Technologien zu verdrängen. Am Ende muss die Lösung zu dem Gebäude und zu den Menschen passen, die die Investition bezahlen.

Bengt Bergt ist Leiter Public Affairs bei Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft, vormals Zukunft Gas. Für die SPD war er von 2021 bis 2025 Bundestagsabgeordneter.

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