CDP : „Aufwand für die Offenlegung minimieren“
CDP veröffentlicht Umweltdaten zu etwa 20.000 Unternehmen. Für die Firmen soll es einfacher werden, den Fragebogen auszufüllen, verspricht die neue CDP-Chefin Sherry Madera im Interview von Tagesspiegel Background. Und das Ausfüllen soll ihnen dabei helfen, die Berichtsanforderungen der EU und des ISSB zu nachzukommen.
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Frau Madera, CDP begann als Offenlegungssystem für Klimadaten, das dann auf Naturthemen wie biologische Vielfalt, Wälder, Wasser und Plastik ausgeweitet wurde. Wie werden die Daten genutzt?
Zum Start von CDP ging es darum, Daten überhaupt erst einmal zu erzeugen. Jetzt stellt sich die Frage, wie wir sicherstellen können, dass die Daten effizient erfasst und vielfältig nutzbar sind. Finanzinstitute benötigen diese Daten. Aber dieselben Daten zu Treibhausgasemissionen, zum Entwaldungsmanagement, zum Wasserverbrauch und zur Unternehmensführung werden auch für interne Zwecke eines Betriebes genutzt. Es geht nicht nur um den Zugang zu Kapital und Investoren. Die Daten stellen auch sicher, dass ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet. Die Daten sind zudem auch wichtig zur Überwachung der Lieferketten und vielleicht, um Entscheidungen darüber zu treffen, bei wem eingekauft und an wen verkauft wird. Und dann, vor allem bei Finanzinstituten, geht es auch um die Einhaltung von Vorschriften. Dieselben Daten können genutzt werden, um die Vorgaben der Aufsichtsbehörden zu erfüllen. In dieser Hinsicht tut sich in Europa, wo die Nachhaltigkeitsberichtspflichten-Richtlinie für Unternehmen, CSRD, in diesem Jahr richtig durchgestartet ist, eine ganze Menge.
Wir sollten versuchen, den Aufwand, den ein Unternehmen für die Offenlegung hat, zu minimieren. Schließlich ist jeder Dollar, der für die Offenlegung ausgegeben wird, ein Dollar, der nicht dafür ausgegeben werden kann, eine bessere Lösung fürs Klima zu entwickeln. Wenn wir dies also als unsere obersten Prinzipien betrachten, dann werden die Jahre ab 2024 die Jahre der Umsetzung sein.
Die CSRD sowie die ISSB-Standards für allgemeine und klimabezogene Nachhaltigkeitsdaten, S1 und S2, sorgen dafür, dass zehntausende Unternehmen verpflichtet sein werden, Nachhaltigkeitsdaten zu erfassen und offenzulegen. Wie wird sich dies auf die durch CDP offengelegten Daten auswirken?
CSRD und ISSB sind Anwendungsfälle für die Daten, die durch CDP offengelegt werden. Man legt die Daten einmal offen und kann sie dann vielfach nutzen. Wir arbeiten mit dem ISSB zusammen., Wir werden der erste vollständig angeglichene Berichtsmechanismus für ISSB S2 sein. Wenn Sie also im Rahmen des CDP berichterstatten, werden alle Fragen, die für ISSB S2 beantwortet werden müssen, bereits beantwortet sein. Natürlich werden wir auch viele andere Daten erheben, die nicht vom ISSB erhoben werden. Wir wollen es effizient und effektiv gestalten, für Compliance-Anwendungsfälle an uns zu berichten und diese Daten anschließend weiter für andere Dinge zu nutzen. Wir hoffen, dass das ISSB die Fragmentierung bei Standards minimieren wird. Aber in der Zwischenzeit kann das CDP eine wichtige globale Harmonisierungsfunktion für Daten übernehmen, die in verschiedenen Rechtsräumen offengelegt werden. Wir können diese Datenpunkte vergleichbar machen.
Sie ändern also den CDP-Fragebogen, um ihn mit den Standards des ISSB in Einklang zu bringen. Aber was ist mit anderen Rechtsräumen wie den europäischen Standards, die von der EU-Beratergruppe Efrag vorbereitet wurden?
Wir sind sehr stolz auf unsere Zusammenarbeit mit Efrag und prüfen, wie wir mit ihr das Gleiche tun können. Efrag ist nicht zu 100 Prozent auf Klimadaten ausgerichtet. Einige der Fragen liegen im sozialen Bereich, in dem CDP bislang nicht aktiv gewesen ist. Das ist eine Diskussion, die wir mit Efrag führen müssen, doch es gibt bereits erhebliche Überschneidungen zwischen unseren Fragebögen und manchen Bereichen der ESRS.
Viele Unternehmen, die bisher keine Angaben im Rahmen von CDP gemacht haben, werden aufgrund der ISSB- und CSRD-Pflichten Nachhaltigkeits- oder Klimadaten erheben und offenlegen müssen. Erwarten Sie, dass dies auch dazu führt, dass weitere Unternehmen ihre Daten über das CDP zur Verfügung stellen?
Das hoffen wir. Denn je mehr Daten wir haben, desto mehr können wir auch der Wirtschaft helfen, darüber nachzudenken, wie diese Daten genutzt und ausgewertet werden können. Wenn immer mehr Unternehmen zur Offenlegung von Daten verpflichtet werden, bedeutet das jedoch nicht unbedingt, dass auf der Grundlage dieser Daten auch Maßnahmen ergriffen werden. Genau darum geht es uns aber: Um die Offenlegung von Daten, damit Unternehmen die Folgen von ergriffenen Nachhaltigkeitsmaßnahmen messen und steuern können.
Es ist unsere Aufgabe, die Unternehmen auch ein bisschen anzuschubsen. Wenn die Firmen in der Lage sind, ihre Daten über das CDP offenzulegen, dann sollten wir ihnen sagen: „Hey, Sie haben bereits 80 Prozent der Daten offengelegt, welche die Unternehmen am Ende der Lieferkette ihren Zulieferern abfordern. Sie brauchen nur drei oder vier weitere Fragen zu beantworten, und schon haben Sie alle Daten vollständig zusammen. Das ist etwas, was Sie mit Ihren Kunden teilen können und darauf können Sie stolz sein.“
Die Offenlegung von Informationen ist schließlich kein Selbstzweck. Vielmehr geschieht das, um die Informationen Kunden, Aufsichtsbehörden, oder den eigenen Investoren zugänglich zu machen. Das führt zu den richtigen Verhaltensweisen und ermöglicht es Vorständen und Aufsichtsräten, hinter den Kosten und Herausforderungen der Offenlegung zu stehen.
Könnten Sie uns im Hinblick auf die Rettung des Klimas und des Planeten ein Gesamtbild zeichnen: Wo stehen wir, basierend auf dem, was Sie aus den Offenlegungen erfahren?
Wir haben noch einen langen Weg vor uns, wenn wir sicherstellen wollen, dass wir die Informationen, die da draußen sind, auch wirklich nutzen. Es ist ermutigend, dass in Europa die Unternehmen, die ihre Daten qua CDP veröffentlichen, 90 Prozent der Marktkapitalisierung ausmachen. Zudem stieg die Zahl der offenlegenden Firmen 2023 um 23 Prozent. Für Unternehmen ist es aber eine Herausforderung, ihre Transitionspläne mit der nötigen Geschwindigkeit umzusetzen.
Die wirkungsvollsten Maßnahmen sind allerdings in den Lieferketten zu beobachten: Die Unternehmen am Ende der Lieferkette fordern ihre direkten und indirekten Lieferanten auf, Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu ergreifen. Sie tun dies, damit sie weiterhin gute Beziehungen zu ihren Lieferanten pflegen können. Das ist für sie auf lange Sicht weniger kostspielig als ein Lieferantenwechsel.
Was kann die Unternehmen motivieren, nachhaltiger zu werden?
Ein Beispiel ist, dass wir die Daten haben, mit denen die Kapitalkosten potenziell gesenkt werden können und die neue Absatzmöglichkeiten eröffnen. Und das ist sehr überzeugend, denn damit wird die Offenlegung von Klimadaten für den Finanzvorstand wirklich interessant. Es geht auch darum, Unternehmen zukunftssicher zu machen – beispielsweise, indem Lieferketten durch verantwortungsvolle Beschaffung widerstandsfähiger und weniger volatil werden.
Inwieweit nutzen Anleihegläubiger und Banken die CDP-Daten?
Bei Kreditportfolios werden die Daten verwendet. Investoren, Banken und Vermögensverwalter fragen ihre Portfoliounternehmen nach diesen Informationen, damit sie einschätzen können, ob ihre Kunden günstigere Kapitalkosten erhalten können. Oder um möglicherweise schwierige Diskussionen mit einigen von ihnen zu führen, von denen sie glauben, dass sie nicht in der richtigen Gruppe sind, um weiterhin Kredite zu erhalten. Die von CDP offengelegten Daten können es Banken auch ermöglichen, Unternehmen am Ende der Lieferkette günstige Kapitalkosten für die Lieferkette einzuräumen. Davon profitiert der Endabnehmer in der Lieferkette. Wenn die Finanzierungen in der Lieferkette billiger werden, weil die Unternehmen ihre Daten offenlegen und Bewertungen erhalten, kann das also sehr bedeutsam sein. Schließlich ist oft eine Finanzierung erforderlich, um Kauf und Lieferung zu ermöglichen.
Portfolioanforderungen, staatliche Vorschriften bis hin zu den Stresstests der Zentralbanken sorgen dafür, dass Banken Finanzmittel und Kapital für nachhaltige Geschäfte bereitstellen. Da die Lieferketten global sind, führt dies automatisch zu einer Verbreitung der in Europa geltenden Lieferketten-Regeln auf andere Regionen der Welt. In denen mag zwar die Einhaltung der Vorschriften vielleicht weniger streng sein, was Offenlegungen betrifft. Aber vielleicht ist der Endabnehmer der Lieferkette in Europa.
Welche anderen Themen werden in naher Zukunft wichtig werden?
Der Zustand der Natur rückt immer mehr in das Bewusstsein der Akteure. Die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures – TNFD – macht deutlich, wie wichtig die Biosphäre und unsere natürliche Umwelt sind. Das CDP arbeitet bereits mit der TNFD zusammen. Wir prüfen, welche Daten erfasst werden können. Wir haben ein Konzept der sogenannten Datenlücke und des Datenlochs. Eine Datenlücke bedeutet, dass zwar klar ist, was gemessen werden soll, diese Daten aber nur unzureichend erfasst werden. Die Aufgabe besteht also darin, die Daten gut zu erfassen, wenn sie wichtig sind. Beim Datenloch wiederum ist unklar, welche Daten benötigt werden, um Entscheidungen treffen zu können. Die Natur gehört schon seit einiger Zeit zu dieser Kategorie. Genau da müssen wir ansetzen. Wir müssen festlegen, welche Datenpunkte eine Beurteilung zulassen und wie umfassend sie sein sollen, damit alle Beteiligten davon überzeugt sind, ausreichend informierte Entscheidungen fällen zu können.
Denken Sie darüber nach, zusätzliche Themen in die CDP-Fragebögen aufzunehmen?
Ich denke, wir müssen mehr Zeit darauf verwenden, sicherzustellen, dass wir eine effiziente Offenlegung ermöglichen, bevor wir uns mit weiteren Offenlegungsthemen befassen. Unsere bestehende Zusammenarbeit mit der Efrag, dem ISSB und der TNFD wird allerdings zu weiteren Datenpunkten in unserem Fragebogen führen. Wir werden also ständig ein wenig tiefer in in viele Bereiche vordringen. Dabei versuchen wir, den Fragebogen graduell weiterzuentwickeln, statt ihn umfassend zu erneuern. Anstelle von drei separaten Fragebögen zu Klima, zu Wasser und zu Wald wird es dieses Jahr einen einzigen Fragebogen geben. Zudem werden wir Untergruppen zur Auswahl stellen. Diese erlauben, gezielt die wichtigen Bereiche der Offenlegung abzudecken, einschließlich Fragen zu Biodiversität und Plastik. Das verhindert Überschneidungen und sorgt für mehr Effizienz.
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