Nachhaltigkeitsberichterstattung : Die ersten CSRD-konformen Berichte machen Nachhaltigkeit greifbar
Unternehmen haben ihre ersten Nachhaltigkeitsberichte gemäß der Richtlinie CSRD veröffentlicht. Sie sind länger und stärker auf Kennzahlen fokussiert als die bisherigen Berichte und haben einen standardisierteren Aufbau. Nun kommt es darauf an, dass Nachhaltigkeit Innovationen antreibt, meint Lukas Vogt, Chef der Nachhaltigkeitssoftware-Firma Sunhat. Durch den „Omnibus“ der EU könnten wichtige Daten verloren gehen.
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Während die EU noch am Rahmen schraubt, füllen die ersten Unternehmen bereits die Leinwand: Seit Jahresbeginn haben weit über 50 europäische Konzerne Geschäftsberichte mit CSRD-konformen Nachhaltigkeitsreportings veröffentlicht. Die wissenschaftliche Initiative Sustainability Reporting Navigator vereint die ESG-Community und sammelt per Crowdsourcing Berichte und Daten.
Was fällt auf? Von den ersten 50 CSRD-konformen Berichten stammen ganze 26 aus Dänemark. Aus Deutschland hingegen nur einer. Wer genauer hinsieht, erkennt in dieser kleinen Zahl einen eindrücklichen Vorgeschmack auf das, was im kommenden Jahr alle größeren Unternehmen in der EU erwartet – und noch mehr: dass uns Skandinavien in puncto Nachhaltigkeit erneut einen Schritt voraus sein könnte. Dass dänische Konzerne weit vorn liegen, dürfte unter anderem an klaren Bekenntnissen in Sachen Umweltpolitik liegen, was sich unter anderem an den großen Bestrebungen ablesen lässt, den Sitz der Europäischen Umweltagentur (EEA) in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen anzusiedeln.
Mehr Seiten, aber auch mehr Struktur
Professor Maximilian Müller, Financial-Accounting-Experte von der Universität zu Köln, hat sich die ersten Berichte genauer angesehen. Sein Fazit: Die neuen CSRD-Berichte sind im Schnitt 92 Seiten lang und damit 24 Prozent länger als ihre Vorgänger aus der Zeit der eher frei ausgestalteten NFRD (Non-Financial Reporting Directive). Mehr Seiten heißt nicht automatisch bessere Daten – jedoch deuten sie darauf hin, dass die Berichtspflichten umfangreicher geworden sind. Gleichzeitig fällt auf, dass der Aufbau stärker standardisiert ist. Wer zuvor in jedem Nachhaltigkeitsbericht ein eigenes System der Leistungsindikatoren (KPIs) suchen musste, findet jetzt eine besser vergleichbare Struktur, was den Lesern – von Investoren über Nichtregierungsorganisationen bis hin zu Unternehmenspartnern – die Recherche erleichtern dürfte.
Spannend ist dabei die Beobachtung, dass ein Drittel der Unternehmen ihre Berichte sogar kürzer oder unverändert ließ. Warum? Offenbar, weil Nachhaltigkeitsangaben nun in den Lagebericht integriert werden müssen. Das führt zu einer stärkeren Fokussierung auf Kennzahlen statt auf narrative Elemente und Imagebroschüren-Ästhetik. Sprich: Es geht mehr in Richtung prüfbare Fakten und damit näher an die Systematik klassischer Finanzberichterstattung. Wer ab nächstem oder übernächstem Jahr einen CSRD-Bericht veröffentlichen muss, tut also gut daran, den aktuellen Vorreitern über die Schulter zu schauen – am besten bei direkten Wettbewerbern.
Droht eine Rolle rückwärts bei der EU?
Gleichzeitig sorgt die EU-Kommission mit dem sogenannten „Omnibus“-Paket für Furore: Die Pläne, die Zahl der berichtspflichtigen Unternehmen drastisch zu reduzieren, stoßen vielerorts auf Kritik. Von einem echten Rückschritt oder gar einer „Deregulierung“ ist die Rede, beispielsweise auch mit Blick auf den parallel laufenden Clean Industrial Deal (CID). So sollen künftig nur noch Unternehmen ab 1000 Mitarbeitenden CSRD-konform berichten müssen. Und genau hier wird die Widersprüchlichkeit spürbar: Jahrelang appellierte Brüssel an die Wirtschaft, nachhaltiger zu werden, stellte die doppelte Wesentlichkeit – also den Impact der Wirtschaft auf Umwelt und Gesellschaft sowie umgekehrt die Risiken für Unternehmen – als Kernprinzip dar und nun droht ein Abrücken von einigen elementaren Vorgaben.
Ob es wirklich so weit kommt, ist unklar. Denn das Europäische Parlament und die Mitgliedsstaaten müssen dem Omnibus-Paket noch zustimmen. Wenn die geplanten Ausnahmen kommen, würden nicht nur 80 Prozent weniger Unternehmen in den Geltungsbereich fallen, sondern auch wichtige Datenpunkte zu Emissionen und sozialen Risiken unter den Tisch fallen. Das führt wiederum zu weniger Transparenz für Investoren, Behörden und die Öffentlichkeit. Was bleibt von der „Vorbildrolle Europas“, wenn wir unsere eigenen Rahmenwerke aufweichen?
Nachhaltigkeit als Erfolgstreiber
So oder so: Nachhaltigkeit verschwindet nicht. Denn während in Brüssel um Schwellenwerte gefeilscht wird, schreitet der globale Wettbewerb voran. Für jedes Unternehmen, das sich über EU-Vorgaben ärgert, gibt es an einem anderen Ende der Welt fünf weitere, die diese Anforderungen längst erfüllen – und sich dadurch entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern.
Zahlreiche Studien, etwa von Deloitte, zeigen: Wer sich frühzeitig und konsequent an Nachhaltigkeitsstandards orientiert, steht wirtschaftlich oft besser da. Das Reporting führt zu messbaren Prozessverbesserungen, geringerem Ressourcenverbrauch, reduzierten Kosten und einer besseren Positionierung gegenüber Kundschaft und Investoren. Ganz zu schweigen vom Fachkräftemangel: Junge Talente wollen sich nicht für Firmen abstrampeln, die mut- und lustlos jegliche ESG-Bemühungen als „Bürokratiemonster“ abtun.
Nachhaltigkeit ist Action, nicht Aktenordner
Was lernen wir aus den ersten CSRD-konformen Reports? Die Berichte sind umfangreich, faktenorientiert und zeigen deutlich: Nachhaltigkeit wird greifbarer und vergleichbarer. Das heißt aber nicht, dass wir alle noch tiefer im Bürokratiedschungel versinken müssen. Das Reporting lässt sich mit den richtigen Tools und dem klugen Einsatz von Digitalisierung effizient gestalten.
Zugleich ist Berichtspflicht nur ein Baustein. Das Ziel ist nicht, Ordner voller Tabellen in die Archive zu stellen, sondern eine echte Transformation zu ermöglichen. Nachhaltigkeit soll nicht bei Excel-Sheets und Auditprotokollen enden, sondern unternehmerische Innovationen antreiben. Wer jetzt klagt und sich vor der vermeintlichen Bürokratie wegduckt, wird in ein paar Jahren den Anschluss verlieren. Denn die Richtung ist längst vorgegeben: Kunden, Partner, Banken und Investoren fragen verstärkt nach glaubwürdigen ESG-Daten. Genauso dringen Fachkräfte auf ein sinnstiftendes Arbeitsumfeld.
Ja, die EU könnte mit ihren jüngsten Vorstößen einen Teil der Fortschritte wieder einbremsen. Ja, der Bürokratieaufwand bei der CSRD und den delegierten Rechtsakten ist eine Herausforderung. Aber: Nein, wir sollten den Kurs jetzt nicht reaktiv bejammern, sondern proaktiv gestalten. Die ersten Beispiele zeigen, dass stärker vergleichbare und faktenorientierte Berichte durchaus funktionieren. Und das Gerüst der CSRD, inklusive doppelter Wesentlichkeit, bringt Klarheit für Unternehmen, die ernsthaft nachhaltige Wertschöpfung anstreben.
Die Zukunft Europas und seiner Wirtschaft wird nicht darin liegen, möglichst viele Unternehmen aus der Pflicht zu entlassen, sondern stärkere Transparenz sinnvoll und effizient zu gestalten – für mehr Glaubwürdigkeit und für nachhaltiges Wachstum. Wenn wir Nachhaltigkeit als strategische Chance begreifen, wird der Bericht am Ende nur ein Nebenprodukt unserer eigentlichen Leistung sein: verantwortungsbewusstes, resilientes und innovatives Wirtschaften.
Der Fokus sollte auf die positiven Möglichkeiten gelegt werden, die durch klare Nachhaltigkeitsregeln und -berichte entstehen. Nachhaltigkeit bedeutet Action, nicht Aktenordner – und wer das jetzt erkennt, hat beste Voraussetzungen, sich auf den kommenden Märkten zu behaupten.
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