Investieren : Wenn Öl seine Sicherheitsprämie verliert
Durch schwindende Berechenbarkeit bei fossilen Energien können mit diesen heute nicht mehr zwangsläufig sichere Erträge generiert werden, argumentiert Ihsan Sat, Sustainable Asset Manager bei Warburg Invest. Erneuerbare Energie auf der anderen Seite ist nicht gleichzusetzen mit einer riskanten Wette auf morgen.
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Lange waren die Investmentargumente für Öl- und Gaswerte vergleichsweise eindeutig: etablierte Nachfrage, vorhandene Infrastruktur, hohe Erträge und eine zentrale Rolle in der globalen Energieversorgung. Selbst wer den langfristigen Druck durch Klimapolitik, Elektrifizierung und technologische Veränderung sah, konnte argumentieren: Kurzfristig bleiben fossile Geschäftsmodelle berechenbar.
Gerade im Vergleich zu erneuerbaren Energien war das ein zentraler Vorteil. Erneuerbare standen für strukturelles Wachstum, waren aber stärker abhängig von Zinsen, Förderregeln, Netzausbau, Genehmigungsverfahren und regulatorischer Stabilität. Für Investoren ergab sich daraus ein scheinbar klarer Zielkonflikt: fossile Energie als kurzfristig verlässlicher Cashflow, erneuerbare Energie als langfristige Wachstumsoption.
Diese Logik wird brüchiger. Nicht weil große Öl- und Gaskonzerne plötzlich dasselbe Risikoprofil hätten wie junge Cleantech-Unternehmen. Viele von ihnen verfügen weiterhin über starke Bilanzen, hohe Dividenden, globale Infrastruktur und erhebliche politische Bedeutung. Schwächer wird aber ein anderer Teil ihres Investmentarguments: die Annahme, dass fossile Cashflows kurzfristig deutlich besser kalkulierbar sind als die ihrer erneuerbaren Alternativen.
Ölmarkt ist so fragmentiert wie nie zuvor
Besonders sichtbar wird diese veränderte Risikolage im Ölmarkt selbst. Lange galt die Opec als Akteur, der den Markt zwar politisierte, ihn aber zugleich ordnete: Förderquoten, Reservekapazitäten und saudische Marktführung sollten Preisschocks begrenzen. Inzwischen wirkt dieser Zusammenhang weniger gegeben. Frühere Mitglieder wie jüngst die Vereinigten Arabischen Emirate haben die Organisation verlassen oder ihre Mitgliedschaft ausgesetzt, während innerhalb der Opec+ die Interessen stärker auseinanderdriften. Einige Produzenten wollen Kapazitäten ausweiten, andere rufen höhere Preise zur Stabilisierung ihrer Staatshaushalte ab. Die Opec bleibt damit mächtig, aber Macht ist nicht dasselbe wie Berechenbarkeit.
Die Folge ist ein Marktumfeld, in dem selbst zentrale Energieinstitutionen die künftige Nachfrage sehr unterschiedlich einschätzen. Eine Analyse des Baker Institute zeigt, dass die kurzfristigen Prognosen der Ölnachfrage von Opec und der Internationalen Energieagentur (IEA) in den Jahren 2023 und 2024 deutlich weiter voneinander abwichen als im langjährigen Durchschnitt. Auch gegenwärtig bestehen erhebliche Unterschiede zwischen IEA und Opec. Während die IEA unter aktuellen Markt- und Krisenannahmen für 2026 inzwischen mit rückläufiger Ölnachfrage rechnet, hält die Opec weiterhin an Wachstumserwartungen fest. Für Investoren ist dabei weniger entscheidend, welche Prognose am Ende richtig ist. Relevant ist bereits die Spannbreite. Wenn zentrale Energieinstitutionen nicht nur über das Ausmaß, sondern auch über die Richtung der Nachfrageentwicklung uneins sind, wird die Bewertung künftiger Cashflows schwieriger.
Diese Unsicherheit zeigt sich auch in den Erwartungen der Analysten gemäß Reuters-Umfragen. Vor der Pandemie war die Spannbreite der Schätzungen zum globalen Nachfragewachstum noch vergleichsweise eng. Für 2024 und 2025 lagen die Prognosen dagegen deutlich weiter auseinander.
Damit verändert sich auch die Debatte über fossile Energie. Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob Öl, Gas und Kohle langfristig zu den Klimazielen passen. Es geht auch um eine nüchternere Fragestellung: Wie verlässlich sind diese Geschäftsmodelle noch, wenn Nachfrage, Preise und politische Eingriffe schwerer vorhersehbar werden?
Die alte Schablone passt weniger gut als früher
Das heißt nicht, dass erneuerbare Energien automatisch die einfachere Wahl sind. Auch sie bergen eigene Risiken. Ein Solarpark mit langfristigem Stromabnahmevertrag hat ein besseres Risikoprofil als ein Windturbinenhersteller oder ein junges Wasserstoffunternehmen. Zinsen, Strompreise, Netzanschlüsse und politische Entscheidungen bleiben auch hier wichtig.
Aber die alte Schablone passt weniger gut als früher. Fossile Energien bedeuten nicht zwangsläufig, dass heute sichere Erträge generiert werden können. Erneuerbare Energie auf der anderen Seite ist nicht gleichzusetzen mit einer riskanten Wette auf morgen. Beide Seiten sind stärker von Politik, Märkten und Technologie abhängig, als es die einfache Gegenüberstellung vermuten lässt. Für Anleger kommt es deshalb weniger darauf an, eine Seite pauschal als sicher und die andere als riskant einzuordnen. Entscheidend ist, wo die Risiken tatsächlich liegen und ob sie im Preis schon ausreichend berücksichtigt sind.
Als Fazit ist festzuhalten: Wenn der Stabilitätsvorteil fossiler Energie schrumpft, gewinnt der strukturelle Vorteil erneuerbarer Energien an Gewicht. Nicht als automatisches Kaufargument, aber als stärkeres Gegengewicht im Portfolio. Die Energiewende verändert damit nicht nur die langfristigen Gewinnerwartungen der Branche. Sie verändert auch, was Investoren heute überhaupt noch als defensiv betrachten können.
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