Nachhaltigkeitspflichten : Europa drückt auf Pause, doch die Kapitalmärkte auf Vorspulen
Von Berlin bis Brüssel wird die Deregulierung als Atempause gefeiert. Aber der Markt ersetzt den Regulierer und ist ein weitaus brutalerer Vollstrecker, meint Samuele Crippa, langjähriger Nachhaltigkeitsmanager in verschiedenen Unternehmen, Co-Chair des globalen Netzwerks Sustainable Procurement Pledge (SPP) in Dänemark und Vorstand der UN-Unternehmensinitiative Global Compact.
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Betreten Sie einen Vorstandsflur in Europa, und Sie spüren es: Erleichterung. Das Omnibus-Paket der Europäischen Union hat rund 80 Prozent der Unternehmen aus der Nachhaltigkeitsberichtspflicht CSRD entlassen. Die CSDDD, die EU-Sorgfaltspflichten für Lieferketten: vertagt auf 2028, geschrumpft auf rund 1600 Großkonzerne. Die ESRS-Datenpunkte zur CSRD wurden mehr als halbiert.
Das teuerste Aufatmen der europäischen Wirtschaft
Nirgendwo ist das Ausatmen lauter als in Deutschland, dem Maschinenraum des Kontinents: die LKSG-Berichtspflicht zum deutschen Lieferkettengesetz (LKSG) rückwirkend abgeschafft, die Aufsicht auf schwere Verstöße reduziert, das gesamte Gesetz wartet auf seine Ablösung. Der Reflex kam überall gleich: Nachhaltigkeitsteams verkleinern, Datenprojekte einfrieren, Budgets umwidmen.
Es ist das teuerste Aufatmen der europäischen Wirtschaft. Denn die Instanzen, die über Lieferkettendaten in Unternehmen entscheiden, saßen nie in Berlin oder Brüssel. Sie sitzen in Kreditkomitees, Ratingagenturen und Einkaufszentralen ihrer Kunden. Banken, Standardsetzer und Einkaufsabteilungen bepreisen schlechte Lieferkettendaten in aller Stille neu.
Der Gesetzgeber hat auf Pause gedrückt. Der Markt auf Vorspulen.
Die Deregulierung hat das Gesetz geändert. Sonst nichts.
Drei Kräfte laufen der Entlastungserzählung entgegen, und keine liest ein Gesetzblatt.
Banken preisen europaweit die Qualität von Lieferkettendaten in ihre Kreditvergabe ein. Ein Unternehmen, das seinen Scope 3 – die Auswirkungen in der Wertschöpfungskette – nicht belegen kann, bekommt zwar kein Bußgeld mehr. Aber es wird neu bepreist, Basispunkt für Basispunkt. Die Strafe wanderte von der Rechtsabteilung zum Finanzvorstand (CFO) – die meisten CFOs haben es nur noch nicht bemerkt.
Der neue Netto-Null-Emissionsstandard der global anerkannten Initiative Science Based Targets (SBTI) kommt mit Wucht: Der SBTI-Corporate-Net-Zero-Standard V2.0 fordert ab 2028 die externe Prüfung der Basisdaten und kategoriespezifische Scope-3-Ziele, egal was ein Parlament beschließt. Freiwillige Standards sind also soeben härter geworden als die Gesetze, denen die Unternehmen davonlaufen.
Kein Paragraf schützt vor Auftragsverlust
Und die Kunden haben nie aufgehört, zu fragen. Ich sitze auf der Einkaufsseite eines internationalen Konzerns und sage offen, was Zulieferer längst wissen, ob sie in Europa fertigen oder in Asien gießen: Die Datenanfragen werden nicht weniger. Sie werden schärfer, häufiger und gnadenloser geprüft. Der neue Value-Chain-Cap, der kleinere Zulieferer schützen soll, ist juristisch elegant und kommerziell wertlos. Kein Paragraf schützt vor dem Verlust des Auftrags.
Öffnen Sie die Geschäftsberichte der lautesten Dekarbonisierer Europas. Ziele, überall. Intensitätskennzahlen. Frisch neu berechnete Baselines. Aber fast nirgends: Verifizierte absolute Reduktionen in der Wertschöpfungskette, wo 70 bis 90 Prozent des Fußabdrucks liegen. Wir haben einen Kontinent gebaut, der Dekarbonisierung fließend kommuniziert und kaum bilanziert. Diese Lücke hat jetzt einen Preis, und er heißt: Kapitalkosten.
Schluss mit Daten als Compliance – sie sind Sourcing-Power
Hier ist der Perspektivwechsel, den Europas Industrie jetzt braucht: Emissionsdaten aus der Lieferkette sind keine Berichtslast. Sie sind eine Wettbewerbswaffe.
Die Fähigkeit, die alles entscheidet, ist sogenannte Enterprise Fluency, unternehmerische Geläufigkeit: Einkaufs-, Qualitäts- und Finanzteams, die Emissionsdaten mit derselben Schärfe lesen, hinterfragen und einsetzen wie Finanzdaten.
Unternehmen, die diese Daten aufbauen, verwandeln sie in Einkaufsmacht: Lieferanten nach Datenqualität auswählen, aus Stärke verhandeln, Ausschreibungen gewinnen, in denen Primärdaten die Eintrittskarte sind.
Außerdem: Geprüfte Daten senken die Risikoprämie der Bank, härten das ESG-Rating, beschleunigen die Sorgfaltsprüfung bei Fusionen und Übernahmen, die M&A-Due-Diligence. Das ist Nachhaltigkeit, die die Kostenstelle verlässt und in die Marge einzieht. Und im deregulierten Europa ist sie freiwillig, was sie zum Differenzierungsmerkmal macht.
Aus Verantwortung kann man sich nicht herausautomatisieren
In dieser Geschichte hat Künstliche Intelligenz (KI) ihren Platz verdient. Eine aktuelle Analyse der Unternehmensberatung BCG zeigt Wesentlichkeitsanalysen, die früher Monate dauerten und heute Wochen, sowie messbare Fortschritte bei Datenaggregation, Carbon Accounting und Berichtserstellung. Sogenannte Large-Language-Models gleichen Beschaffungsdaten ab, vergleichen Emissionsfaktoren und erstellen prüfungsreife Dokumentation in einem Tempo, das kein Team erreicht.
Doch dieselbe Studie benennt den Engpass, und es ist nicht die Technologie: Es ist die fehlende strukturelle Integration und interne Kompetenz. KI im ESG-Reporting hat die Experimentierphase verlassen. Was jetzt zählt, ist die Umsetzung.
Und genau hier schnappt die Falle zu: Unternehmen pumpen investive Ausgaben in Net-Zero-Technologien und schneiden per KI zeitgleich die Menschen heraus, die ihre Daten erst glaubwürdig machen. Ein Algorithmus kann zwar die Emissionsdaten eines Lieferanten binnen Stunden einsammeln. Er kann aber nicht entscheiden, ob diese Daten plausibel sind, und sie nicht vor einem Prüfer verteidigen oder mit dem Lieferanten einen Verbesserungsplan verhandeln.
Ich nenne es das Umsetzungsparadox (Execution Paradox): Man automatisiert exakt die Kompetenz weg, zu der man vierundzwanzig Monate später auditiert wird. Es ist Selbstsabotage mit Produktivitäts-Dashboard.
Der Ausweg ist eine Just Transition, ein gerechter Übergang, im eigenen Haus: Menschen nicht streichen, sondern umschulen für Lieferantenentwicklung, Datenvalidierung, zirkuläre Wertschöpfungsketten. Das ist Risikosteuerung mit Rendite.
Die Jahre bis 2028 sind keine Pause. Sie sind Europas letztes Fenster für Enterprise Fluency, bevor der Markt vollendet, was der Regulierer aufgegeben hat. Wer es nutzt, finanziert sich billiger, beschafft stärker und gewinnt Aufträge. Wer es verschläft, wird von keinem Gesetz bestraft. Europas Unternehmen haben ein Jahrzehnt lang weniger Regulierung gefordert. Sie werden feststellen: Die Bedingungen des Marktes waren nie verhandelbar.
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