Wettbewerbsfähigkeit im Bankensystem : Europa braucht starke Regionalbanken – und eine smarte Regulierung
Karolin Schriever, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Sparkassenverbands DSGV, fordert konsolidierte Kapitalpuffer-Regeln für Kreditinstitute und einen EU-Rechtsrahmen speziell für Regionalbanken. Die Baseler Standards seien für diese überdimensioniert, argumentiert sie.
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Europa diskutiert viel über strategische Autonomie, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsprogramme. Eine Frage kommt dabei zu kurz: Unterstützt der regulatorische Rahmen des Finanzsektors diese Ziele – oder steht er ihnen im Weg?
Europas Finanzsystem ist stabil und vielfältig. Die Reformen der vergangenen Jahre haben dazu beigetragen. Zugleich ist ein Regelwerk entstanden, dessen Komplexität stetig wächst. Immer neue Anforderungen überlagern sich, ohne dass der Mehrwert jeder einzelnen noch erkennbar wäre. Besonders betroffen sind risikoarme, regional ausgerichtete Geschäftsmodelle – ohne erkennbaren zusätzlichen Nutzen.
Denn Regionalbanken finanzieren, was Europa zusammenhält: kleine und mittlere Unternehmen (KMU), kommunale Infrastruktur, private Haushalte. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Wirtschaftsstruktur: KMU sichern mit einem Anteil von 71,6 Prozent an allen Erwerbstätigen mittlerweile mehr als zwei Drittel aller Jobs in Deutschland. Regional fokussierte Finanzinstitute begleiten Transformationsprozesse vor Ort – in urbanen Zentren ebenso wie in ländlichen Regionen. Ihre Kundennähe und ihr langfristiges Geschäftsmodell sind kein Relikt vergangener Zeiten, sondern ein europäischer Wettbewerbsvorteil.
Wenn Europa sein Investitionspotenzial voll entfalten will, braucht es eine bessere – das heißt smartere – Regulierung: einfacher, kohärenter, proportional – ohne Abstriche bei der Finanzstabilität.
Komplexität reduzieren, Stabilität sichern
Ein Kernproblem liegt im Kapitalrahmenwerk. Über die Jahre sind zahlreiche Puffer und Anforderungen nebeneinander entstanden – mit Überschneidungen und Wechselwirkungen. Das Ergebnis ist ein starrer, höchst komplexer „Capital Stack“, der Kapital bindet, statt es für Investitionen in die Realwirtschaft freizusetzen.
Die Lösung liegt nicht in weniger Schutz, sondern in einem klügeren System. Die unübersichtlichen Pufferanforderungen sollten deshalb konsolidiert werden – ergänzt um eine aufsichtliche Kapitalempfehlung und – wo sachlich geboten – gedeckelte Zuschläge für tatsächlich systemrelevante Institute.
Dazu gehört auch ein Ende des Goldplating: der Neigung, internationale oder europäische Standards zu „vergolden“ und sie bei der Umsetzung in nationales Recht strenger oder umfangreicher zu gestalten, als eigentlich vorgesehen. Ein Beispiel ist der sogenannte Systemrisikopuffer: Bereits auf europäischer Ebene geht die EU mit einem Instrument über die internationalen Baseler Standards hinaus, das Basel gar nicht kennt.
Gesamtkapitalanforderung statt parallele Puffer
Der Einwand liegt nahe: Gefährdet die Abschaffung solcher zusätzlichen Anforderungen nicht die finanzielle Stabilität?
Die klare Antwort lautet: nein. Finanzielle Stabilität bemisst sich nicht an der Anzahl paralleler Puffer, sondern an ihrer Wirksamkeit und Zielgenauigkeit. Wenn mehrere Instrumente kumulativ wirken, ohne klar voneinander abgegrenzt zu sein, entsteht keine zusätzliche Stabilität, sondern Intransparenz und unnötige strukturelle Belastung. So droht Regulierung selbst zum Risiko zu werden. Entscheidend ist eine angemessene Gesamtkapitalanforderung – inklusive der bestehenden Säule-2-Anforderungen –, nicht ein unbegrenztes Nebeneinander immer neuer Aufschläge.
Eine klar strukturierte und gedeckelte Gesamtkapitalanforderung würde Stabilitätsziele verlässlich absichern und zugleich Planungssicherheit schaffen. Kapital könnte dort eingesetzt werden, wo es volkswirtschaftlich wirkt: in der Finanzierung von Innovation, Transformation und Mittelstand.
Gerade jetzt, in einer Phase mit enormem Investitionsbedarf – von der energetischen Sanierung über Digitalisierung bis zur industriellen Modernisierung – ist es entscheidend, dass Kreditinstitute ihre Finanzierungskraft voll entfalten können. Eine kohärente Ausgestaltung des Kapitalrahmens stärkt genau diese Fähigkeit.
Finanzielle Stabilität und Investitionskraft stehen dabei nicht im Gegensatz. Im Gegenteil: Ein verlässlicher, aber zugleich funktionaler Rahmen schafft Vertrauen – und Vertrauen ist die Grundlage für Kreditvergabe und Wachstum.
Ein passgenaues Regionalbankenregime
Hinzu kommt: Die Baseler Standards sind primär auf große, international tätige Banken zugeschnitten. Für regional fokussierte Institute mit risikoarmen Retail-Geschäftsmodellen sind viele Vorgaben überdimensioniert. Die regulatorischen Kosten haben inzwischen ein Niveau erreicht, das kleinere Institute strukturell benachteiligt – zulasten von Wettbewerb und Vielfalt.
Europa sollte daher ein echtes Regionalbankenregime schaffen. Aufbauend auf der bestehenden Definition kleiner und nicht-komplexer Institute braucht es substanzielle Erleichterungen bei Meldewesen, Offenlegung, Governance-Vorgaben und im aufsichtlichen Überprüfungsprozess. Ein qualitativer, proportionaler aufsichtlicher Überprüfungs- und Bewertungsprozess (SREP) ohne zusätzliche individuelle Kapitalzuschläge für risikoarme Geschäftsmodelle wäre ein wichtiger Schritt.
Die Vielfalt europäischer Finanzinstitute ist kein Risiko – sie ist Teil der Resilienzarchitektur unseres Kontinents. Dezentrale Strukturen reduzieren Konzentrationsrisiken und stärken den Wettbewerb im Binnenmarkt.
Wettbewerbsfähigkeit als Leitprinzip
Wenn Europa im globalen Wettbewerb bestehen will, muss Wettbewerbsfähigkeit explizit als Zielgröße in den Mandaten der europäischen Aufsichtsbehörden, der Geldwäschebekämpfungsbehörde Amla und des Einheitlichen Aufsichtsmechanismus verankert werden. Regulierung darf nicht isoliert gedacht werden, sondern muss ihre kumulativen Effekte auf Wachstum und Investitionsfähigkeit berücksichtigen.
Welches Potenzial in einer klugen Vereinfachung liegt, zeigt sich im Bereich Sustainable Finance. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben längst erkannt, welchen Mehrwert eine nachhaltige Ausrichtung für ihre Geschäftsmodelle bietet. Nachhaltigkeitsdaten dienen nicht nur der regulatorischen Pflichterfüllung, sondern werden zunehmend zur Steuerung von Prozessen, zur Effizienzsteigerung und zur strategischen Weiterentwicklung genutzt.
Der mit dem „Sustainability Omnibus“ auf europäischer Ebene eingeschlagene Weg weist deshalb in die richtige Richtung: Vereinfachung, Kohärenz und realistische Anforderungen entlang der tatsächlichen Datenverfügbarkeit. Was hier gelungen ist, sollte Leitbild für weitere Reformen sein.
Entscheidend ist, dass Vereinfachungen systematisch in allen relevanten Rechtsakten ankommen – von der Eigenkapitalverordnung CRR und der Eigenkapitalrichtlinie CRD bis zur Nachhaltigkeits-Offenlegungsverordnung SFDR. Ein konsistenter Rahmen schafft Klarheit, erhöht die Akzeptanz und ermöglicht es Instituten und Unternehmen, ihre Ressourcen auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Finanzierung nachhaltiger Investitionen.
Die Initiative der Finanzminister Deutschlands und Frankreichs für einen eigenständigen Financial Services Omnibus setzt ein wichtiges Signal. Ein solches Paket könnte kurzfristig substanzielle Vereinfachungen bringen – noch bevor langwierige Reformprozesse abgeschlossen sind. Europa braucht dieses Tempo.
Stabilität und Investitionskraft gehören zusammen
Letztlich geht es um eine einfache Frage: Wie schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass Investitionen dort ankommen, wo sie gebraucht werden? In Werkhallen, in Start-ups, in kommunalen Projekte, in der energetischen Modernisierung von Wohnraum. Finanzierung ist der Hebel, der wirtschaftliche Transformation konkret macht.
Wenn Regulierung Stabilität sichert und zugleich unternehmerische Initiative ermöglicht, entsteht die Dynamik, die Europa jetzt braucht: Investitionen in Innovation, in Nachhaltigkeit und in die industrielle Basis unseres Kontinents.
Eine Reform des Ordnungsrahmens ist daher kein Rückschritt, sondern Ausdruck regulatorischer Reife. Europa muss bereit sein, aus Erfahrung zu lernen und seine Instrumente weiterzuentwickeln. Mit Augenmaß, mit Tempo und mit Blick auf seine Wettbewerbsfähigkeit.
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