Vermögensaufbau : Finanzbranche muss finanzielle Bildung fördern
Um die Finanzbildung in Deutschland steht es schlecht, sagt René Theis, Geschäftsführer der nachhaltigen Investmentplattform Wiwin. Er sieht neben Politik und Bildungseinrichtungen vor allem die eigene Branche in der Verantwortung. In seinem Standpunkt-Gastbeitrag für Tagesspiegel Background Finanzen & Sustainability fordert er, beim Umgang mit Geld nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale und ökologische Aspekte zu vermitteln.
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Jugendliche in Deutschland wünschen sich mehr Finanzbildung – eine Aussage, die für uns normal klingt, obwohl sie uns eigentlich aufschrecken sollte. 80 Prozent der 14- bis 24-Jährigen haben in der aktuellen Jugendstudie des Bankenverbandes (BDB) angegeben, in der Schule wenig oder gar nichts über Wirtschaft und Finanzen gelernt zu haben. Bisherige Bildungsangebote sind rar, oft nicht zielgruppengerecht aufbereitet und weisen inhaltliche Lücken auf – insbesondere, wenn es um Nachhaltigkeit geht.
Die Verantwortung, diesen Missstand in der Finanzbildung anzugehen, wird in der öffentlichen Diskussion zumeist der Politik übertragen – und die Umsetzung primär den Bildungseinrichtungen. Beispielsweise fordert der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) eine nationale Finanzbildungsstrategie ohne Einfluss von Finanzbranche und Wirtschaft. Die Forderung nach Finanzbildung „frei von wirtschaftlichen Interessen“, wie Vera Fricke vom VZBV es formuliert, erscheint zunächst nachvollziehbar.
Finanzbranche nicht ausschließen
Aber die Finanzbranche kategorisch aus der Finanzbildung auszuschließen, ist weder pragmatisch noch sinnvoll. Denn Finanzunternehmen verfügen über ein enormes Know-how in genau den Bereichen, in denen es aktuell hakt.
Die Branche mit ihrer Nähe zu den Märkten und direktem Kontakt zu Anlegerinnen und Anlegern hält aus meiner Sicht die größte Expertise für Finanzwissen, von der andere – in jeglicher Hinsicht – profitieren können. Der Politik sind hier aufgrund der Strukturen und Abstimmungsprozesse sowie der Prioritätensetzung einfach die Hände gebunden.
Politik allein ist nicht die Lösung
Norman Wirth, Vorstand des Bundesverbandes Finanzdienstleistung (AFW), sieht die Verantwortung für mehr Finanzbildung in Deutschland ebenfalls ausschließlich auf politischer Seite. Auch wenn er regulierte Kooperationen zwischen Bildungsanbietern und Finanzdienstleistern nicht grundsätzlich ausschließt, sieht er die Finanzbranche nicht in der Pflicht.
Dabei haben die vergangenen Jahre doch deutlich bewiesen, dass die Politik die Finanzbildung in Deutschland nicht entschlossen genug angeht. Ein „Weiter so“ darf es nicht geben. Es ist vielmehr Zeit für einen Strategiewechsel – bei dem die Finanzbranche endlich mehr Verantwortung bei der finanziellen Bildung übernimmt.
Mehr Tempo und Neutralität
Aber – und das sage ich in aller Deutlichkeit: Finanzbildung muss faktenbasiert und frei von Produktwerbung sein. Niemand, der sich ernsthaft für finanzielle Bildung einsetzt, möchte Verkaufsveranstaltungen für spezifische Finanzprodukte in Schulen sehen, egal ob Lehrkräfte oder Experten aus der Finanzbranche die entsprechenden Inhalte aufbereiten. Gleiches gilt für die Erwachsenenbildung.
Damit eine entsprechende Qualität gewährleistet wird, existieren verschiedene Kontrollansätze für Finanzbildung, so zum Beispiel der Materialkompass des VZBV. Außerdem gibt es Bestrebungen um eine DIN-Norm des Normenausschusses Finanzen (Nafin). Diesem Thema hat sich unsere Branche bereits angenommen: Der Nafin besteht zum Großteil aus Wirtschaftsakteuren.
Eine Ausweitung der Akteure in der Finanzbildung bringt noch einen weiteren Vorteil mit sich: Verbraucher können bei größerem Bildungsangebot Informationen aus unterschiedlichen Quellen abgleichen und so einseitige, werbliche oder gar fehlerhafte Darstellungen selbst erkennen.
Es entstehen mehr Berührungspunkte mit dem Thema Finanzbildung, was wichtig ist, um das eigene Finanzwissen regelmäßig aufzufrischen und finanzielle Entscheidungen zu hinterfragen. Schließlich verändern sich beispielsweise in den unterschiedlichen Lebensphasen finanzielle Bedarfe, Handlungsmöglichkeiten und Werte.
Breite Finanzbildung beinhaltet Werte
Was aber in der Diskussion um finanzielle Bildung in Deutschland bislang völlig vergessen wird, sind Aspekte der Nachhaltigkeit. Finanzbildung gilt als rein wirtschaftliche Thematik, doch finanzielle Entscheidungen haben immer auch soziale und ökologische Folgen.
Hier zeichnet sich die besondere Rolle nachhaltiger Finanzdienstleister ab. Mehr noch als der Rest der Branche beschäftigen wir uns neben den wirtschaftlichen auch mit den sozialen und ökologischen Dimensionen finanzieller Produkte. Als Teil unserer Bestrebungen nach Transparenz und verantwortungsvollem Wirtschaften, sehe ich es als unsere Pflicht, Verbraucherinnen und Verbraucher aufzuklären. Wir können ihnen das nötige Wissen an die Hand geben, sodass sie verstehen, welche Auswirkungen ihr finanzielles Handeln haben kann – positive und negative.
Während es im Konsumbereich seit Jahren große Aufklärungskampagnen zur Nachhaltigkeit gibt, fehlt gegenwärtig in weiten Teilen der Bevölkerung ein solches Bewusstsein in Bezug auf Spar- und Anlagestrategien.
Geld hat immer öko-soziale Folgen
Dabei ist Geld nie neutral. Selbst das Geld auf dem Girokonto oder dem Sparbuch wird von Banken investiert – und zwar möglicherweise in Anlagen, die grundsätzlich nicht zu den Werten der einzelnen Verbraucherin oder des einzelnen Verbrauchers passen. Wer das nicht weiß oder nie erfährt, kann seine Finanzen auch nicht daraufhin ausrichten.
Große Teile der Bevölkerung müssen dringend verstehen, dass sie mit ihrer Geldanlage bereits entscheiden, welche Entwicklung unserer Gesellschaft, unseres Klimas und unserer Lebensgrundlage sie damit beeinflussen. Und dass es nicht nur um eine möglichst hohe Rendite geht.
Eine nachhaltige Finanzbildung kann daher für Verbraucherinnen und Verbraucher die Chance eröffnen, soziale und ökologische Kriterien bewusst einzubeziehen. Aber eben nur, wenn Nachhaltigkeit auch bei der Finanzbildung auf der Agenda steht. Dafür kann und sollte sich gerade die nachhaltige Finanzbranche aktiv einsetzen.
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