Primärversorgung : Der Bedarf vor Ort ist ausschlaggebend

Daniela Teichert
Daniela Teichert
Matthias Mohrmann
Matthias Mohrmann
Daniela Teichert ist Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost, Matthias Mohrmann stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg. Foto: AOK Nordost, AOK Rheinland/Hamburg

Die Frage ist nicht, ob wir Primärversorgung brauchen. Sondern wie sie der Versorgungsrealität gestaltet wird, um einen gezielte Steuerung von Kranken in die für sie passenden Bereiche zu erreichen. Dafür braucht es einen klaren, verpflichtenden gesetzlichen Rahmen mit bundesweiten Qualitäts- und Strukturstandards, schreiben Daniela Teichert und Matthias Mohrmann, beide AOK. Wie das in der Praxis funktionieren kann, zeigen sie anhand eines Innovationsfonds-Projektes.

von Daniela Teichert, AOK Nordost & Matthias Mohrmann, AOK Rheinland/Hamburg

veröffentlicht am

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Im Innovationsfondsprojekt „Navigation – nachhaltig versorgt im gemeindenahen Gesundheitszentrum“ testen wir gemeinsam mit dem Geko Stadtteil-Gesundheits-Zentrum in Berlin-Neukölln und der Poliklinik Veddel in Hamburg neue Formen interprofessioneller Primärversorgung für Menschen mit besonderen gesundheitlichen und sozialen Belastungen. Im Mittelpunkt steht ein Team aus unterschiedlichen Professionen. Dazu gehören unter anderem Hausärztinnen und Hausärzte, Psychologinnen und Psychologen sowie Sozialarbeitende. Eine zentrale Rolle übernehmen speziell qualifizierte Pflegefachkräfte als Community Health Nurses. Sie ermitteln den individuellen Bedarf, koordinieren die Versorgung und gehen dorthin, wo die Menschen leben.

„Navigation“ ist dabei explizit kein „Ersatzarztmodell“. Es geht darum, was der Mensch benötigt und welche Aufgaben dabei von welcher Profession am besten übernommen werden können. Ein Mensch mit mehreren Erkrankungen, psychischen Belastungen und sozialen Problemen braucht nicht zwangsläufig als erstes einen weiteren Arzttermin. Er braucht jemanden, der gemeinsam mit ihm klärt: Was ist eigentlich das Problem? Was wird jetzt benötigt? Passt das in den Lebensalltag? Und wer kann wirklich konkret helfen?

Wer krank ist, will nicht zuerst die Logik von Sektoren, Zuständigkeiten und Abrechnungssystemen verstehen. Er oder sie will möglichst schnell die richtige Hilfe bekommen. Das zeigt auch eine Forsa-Befragung im Auftrag des AOK-Bundesverbandes von 2025. Die Mehrheit der Befragten sprachen sich darin für eine verbindliche Ersteinschätzung, feste Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner sowie die Übertragung von mehr Aufgaben an nichtärztliche Gesundheitsberufe aus.

„One size fits all“ funktioniert nicht

Für das Projekt „Navigation“ wurden bewusst zwei sehr unterschiedliche städtische Räume ausgewählt. In beiden haben die Menschen gesundheitliche und soziale Bedarfe, aber andere Rahmenbedingungen. Die Poliklinik Veddel zeigt, was eine Primärversorgung, die sich am Gemeinwesen orientiert, in einem kleinen, klar umrissenen Quartier leisten kann. Das Geko im nördlichen Teil des Berliner Bezirks Neukölln zeigt, wie Primärversorgung in einem hochkomplexen urbanen Umfeld funktionieren kann.

Denn die Primärversorgungszentren funktionieren nicht nach dem Prinzip „one size fits all“. Der Kern ist gleich, aber die Ausprägung muss sich regional anpassen an die soziale Lage, an die Gesundheitskompetenz, an Sprachbarrieren, Morbidität und vorhandene Versorgungsstrukturen.

Entscheidend ist eine gute Zusammenarbeit der Professionen

Für eine gute interprofessionelle Primärversorgung braucht es mehr als neue Strukturen. Sie funktioniert nur, wenn Informationen verfügbar sind, die beteiligten Professionen miteinander kommunizieren und die Kompetenzen der jeweils anderen anerkannt werden. Die elektronische Patientenakte und eine leistungsfähige Telematikinfrastruktur sind dafür unverzichtbar. Entscheidend bleibt aber die Zusammenarbeit: gemeinsame Versorgungsplanung, Fallkonferenzen, transparente Kommunikation und die aktive Einbindung der Patientinnen und Patienten.

Auch der Fachkräftemangel zwingt zu diesem Perspektivwechsel. Eine aktuelle IGES-Prognose zeigt, wie groß der Handlungsdruck ist. Waren 2024 bundesweit schon rund 4400 Hausarztsitze unbesetzt, könnten es 2040 rund 12.000 sein. Das wäre deutschlandweit etwa jeder fünfte Hausarztsitz. Das Gesundheitssystem kann deshalb nicht einfach darauf hoffen, künftig genügend Ärztinnen und Ärzte zu gewinnen. Stattdessen muss Versorgung so organisiert werden, dass jede auch nichtärztliche Versorgungsprofession ihre Stärken einbringen kann.

Selektivverträge können nicht die endgültige Lösung sein

Krankenkassen wie die AOK können viel dazu beitragen. Wir verfügen über Routinedaten und damit über einen detaillierten Blick auf die Versorgungssituation. In Innovationsfondsprojekten haben wir den nötigen finanziellen und rechtlichen Spielraum, gemeinsam mit unseren Partnern neue, bedarfsgerechte Versorgungsmodelle zu erproben und wissenschaftlich zu evaluieren. Aber hier liegt auch die Krux: Ein erfolgreiches Programm darf nicht mit dem Auslaufen einer Projektförderung enden.

Aus diesem Grund wollen wir unsere Erfahrungen aus dem Innovationsfondsprojekt „Navigation“ in die Entwicklung einer verpflichtenden Primärversorgung einbringen, zu deren Einführung die Politik ja ein klares Bekenntnis abgegeben hat. Wir wollen die guten Erfahrungen und positiven Effekte für eine dauerhafte Versorgung nutzen: „Navigation“ ist der Beweis dafür, dass eine Primärversorgungsstruktur funktionieren kann. Die Politik kann bei der Ausgestaltung und Etablierung von nachhaltigen Strukturen einer Primärversorgung von unseren Erfahrungen profitieren.

Beitragszahlende nicht auf den Kosten sitzen lassen

Wer die Primärversorgung konsequent zu Ende denkt, muss aber auch über deren Finanzierung nachdenken. Ein Primärversorgungszentrum kann nicht allein von den Beitragszahlenden der Gesetzlichen Krankenversicherung finanziert werden, wenn soziale Beratung, Prävention, Gesundheitsförderung oder Unterstützung bei bürokratischen Hürden mit zu seinem Portfolio gehören. Hier müssen weitere Kostenträger und die kommunale Ebene bei der Finanzierung mit herangezogen werden.

Abschließend lässt sich zusammenfassen: Primärversorgung kann nicht aus der Perspektive unseres sektoralen Systems gedacht werden. Sie muss aus der Perspektive der Menschen gedacht werden, die ihren Weg durch unser Gesundheitssystem finden müssen. Wenn Menschen leichter Zugang zur passenden Versorgung bekommen, wenn sie Orientierung haben und wenn erfolgreiche Modelle zur Grundlage dauerhafter Strukturen werden, dann haben wir einen entscheidenden Schritt gemacht.

Daniela Teichert ist Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost, Matthias Mohrmann stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg.

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