TI-Stabilität : Kontrolliert uns!
Der Erstkontakt des Patienten mit dem Gesundheitssystem soll künftig in vielen Fällen digital organisiert und stärker gesteuert werden. Doch ohne mehr Stabilität und verbindlichere Kommunikationsstrukturen in der Telematikinfrastruktur wird das nicht gelingen, meint Philip Groth, Geschäftsführer des Produktherstellers Cherry Digital Health. Er plädiert für strengere Kontrollen der Anbieter und gegen die diskutierte Monopolisierung der Infrastruktur.
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Das Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) steht in den Startlöchern. Der Entwurf denkt bestehende Dienste wie die elektronische Patientennakte (ePA), das E-Rezept und die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) nicht mehr isoliert, sondern als verzahntes Ökosystem. Die ePA wird zur Eingangspforte, inklusive Terminbuchung und Ersteinschätzung. Damit würde sich die Patient Journey grundlegend verändern. Wenn der Erstkontakt des Patienten mit dem Gesundheitssystem in den meisten Fällen rein digital erfolgt, ist das ein Paradigmenwechsel: Die Digitalisierung dient künftig nicht mehr nur der Dokumentation, sondern auch der Steuerung von Versorgung.
Gerade im politischen Raum wird derzeit intensiv über stärkere Patientensteuerung und ein Primärarztprinzip diskutiert. Doch ein digital gesteuertes Versorgungssystem funktioniert nur, wenn Informationen schnell, sicher und standardisiert zwischen allen Beteiligten fließen können. Ein Primärarztsystem ohne verbindliche digitale Kommunikationswege würde zwangsläufig an Medienbrüchen, Faxkommunikation und proprietären Insellösungen scheitern. Wer Versorgung digital steuern will, muss deshalb auch Kommunikation verbindlich standardisieren.
Die Schritte, die mit dem GeDIG nun gegangen werden sollen, sind daher überfällig. Sie stellen jedoch enorme Anforderungen an die technische Basis. Wer die aktuelle Architektur kennt, muss sich fragen: Ist die Telematikinfrastruktur (TI) bereit für dieses Vorhaben? In ihrer heutigen Ausprägung lautet die Antwort leider: Nein. Ohne einen Paradigmenwechsel in Architektur und Regulierung droht das GeDIG an strukturellen Schwächen zu scheitern, und der Paradigmenwechsel in der Versorgungssteuerung entfällt.
Die Achillesferse: Eine Infrastruktur am Limit
Die TI wurde als geschlossenes Netz für den Datenaustausch konzipiert, nicht als offene Plattform für komplexe Prozesse. Für ein E-Rezept etwa müssen 17 IT-Systeme fehlerfrei interagieren, die wie eine Kette hintereinander geschaltet sind. Bricht ein Glied, stoppt der gesamte Prozess. Alternative Routen existieren praktisch nicht.
Die Folge dieses Prinzips erleben die Arztpraxen in regelmäßigen Abständen: Verbindungsabbrüche und Konnektorenfehler legen das System lahm. Mit einem engen Zusammenspiel von E-Rezept, eAU und ePA sowie darauf aufsetzenden Services wie Terminbuchungen oder digitalen Ersteinschätzungen steigt die Komplexität massiv – und damit das Ausfallrisiko. Freiwillige und fragmentierte Kommunikationslösungen reichen dafür nicht mehr aus. Deutschland braucht verbindliche, interoperable Kommunikationsstandards innerhalb der TI.
Um dies in den Griff zu bekommen, macht derzeit eine auf den ersten Blick naheliegende Idee die Runde: ein einheitliches, zentral verwaltetes System mit wenigen oder einzelnen dominanten Anbietern. Im aktuellen Referentenentwurf für das GeDIG heißt es konkret: „Die Gematik soll eine stärker steuernde Rolle übernehmen, um die Betriebsstabilität der Telematikinfrastruktur zu verbessern. Dazu soll sie Komponenten und Dienste im unmittelbaren Zusammenhang mit der Telematikinfrastruktur zentral ausschreiben, bündeln, betreiben oder betreiben lassen.“
Der Weg ist verführerisch. Daraus sollte jedoch keine Monopolisierung von Betrieb und Innovation entstehen. Stabilität entsteht nicht durch einen einzigen Anbieter, sondern durch kontrollierte Interoperabilität auf Basis offener Standards. Herrscht ein zentral orchestriertes Plattformmodell mit wenigen Gatekeepern, drohen Innovationskraft und Wettbewerb verloren zu gehen. Die Suche nach der besten Lösung entfällt zugunsten anderer Parameter.
Das Internet als Vorbild
Statt auf Zentralisierung sollte die TI sich stärker an den Architekturprinzipien moderner, resilienter Netzwerke, zum Beispiel dem Internet, orientieren: Stabilität entsteht durch Dezentralität. Wenn Datenpakete viele Wege zum Ziel haben, kann kein einzelner Ausfall das System stoppen. Statt einem Anbieter gibt es mehrere, die nach offenen Standards operieren und interoperabel sind.
Damit dies möglich ist, sind aber auch die Anbieter in der Pflicht. Wer in der TI Services anbietet, trägt Verantwortung für kritische Infrastruktur. Diese Verantwortung muss sich in verbindlichen Qualitätsstandards, messbaren Service-Level-Agreements und klaren Zertifizierungspflichten niederschlagen. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass die bisherigen Anforderungen dafür nicht ausreichen.
Das allein reicht aber nicht. Deshalb braucht die Gematik nicht nur mehr steuernde Verantwortung, sondern auch wirksame Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Anbietern, die Qualitäts- oder Stabilitätsanforderungen nicht erfüllen. Hier ist der Ansatz im GeDIG, der Gematik „umfassende Befugnisse zur Gefahrenabwehr und Störungsbeseitigung“ zu geben, absolut richtig.
Wenn es gelingt, stärkere Governance mit offener Interoperabilität und verbindlichen Kommunikationsstandards zu verbinden, bietet das GeDIG eine riesige Chance und könnte zum Katalysator einer ganzen Innovationswelle werden. Dann könnte erstmals ein verlässliches digitales Gesundheitsökosystem entstehen, das Versorgung tatsächlich koordiniert statt lediglich digital dokumentiert. Es würde Start-ups, Scale-ups und etablierten Digital-Health-Playern ermöglichen, neue Dienste zu entwickeln, die auf einer stabilen Infrastruktur aufsetzen. So entsteht eine digitale Infrastruktur als Rückgrat der Primärversorgung, die eine effiziente, sektorübergreifende Versorgung ermöglicht.
Dr. Philip Groth ist Geschäftsführer der Cherry Digital Health GmbH. Das Unternehmen entwickelt Lösungen für die Telematikinfrastruktur – darunter Kartenterminals, Softwarelösungen für Kliniken und Pflegeeinrichtungen sowie einen TI-Messenger.
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