Wandel der globalen Gesundheit : Deutschlands Weg vom Geldgeber zum Gestalter
Globale Gesundheit ist ein grundlegendes nationales Interesse, schreibt Sascha van Beek im Standpunkt. Der CDU-Gesundheitspolitiker befürwortet starke deutsche Unterstützung – aber nur, wenn damit mehr strategische Mitbestimmung für Deutschland und strukturelle Reformen einhergehe. Geld allein mache noch keine Strategie aus.
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Im Jahr 2011, nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis, wurde ich nach Tunesien entsandt. Der Zusammenbruch des libyschen Regimes löste eine massive Flüchtlingsbewegung aus. An der Grenze, mitten in der Wüste, entstand ein improvisiertes Flüchtlingslager.
Ich war dort, um die Leitung der UN-OCHA-Mission bei der Koordinierung der humanitären Hilfe zu unterstützen. Eine Woche lang arbeitete ich als Ersthelfer – in einem hart arbeitenden Team, in einem Flüchtlingszelt, wo ich bei der Versorgung mit Wasser, sanitären Einrichtungen, Unterkünften und medizinischer Grundversorgung half.
Wir hatten nichts. Es war chaotisch. Aber wir hatten eine Struktur, die funktionierte. Wir arbeiteten mit tunesischen Behörden, lokalen NGOs und internationalen Teams zusammen. Es war hart, aber wir haben etwas bewirkt.
UN-System hat auch Nachteile
Dann kam das humanitäre Cluster-System der Vereinten Nationen. Die Sitzungen wurden länger, die Prozesse langsamer, die Strukturen schwerfälliger. Bürokratie ersetzte Dringlichkeit. Jede Entscheidung wurde durch eine politische Brille betrachtet. Der einzige Vorteil: Die Koordination wurde von der Wüste in ein Fünf-Sterne-Hotel verlegt. Das mag pointiert klingen, spiegelt aber eine allgemeine Wahrheit wider: Wir bauen oft Systeme auf, die von den Realitäten vor Ort losgelöst sind.
Jetzt, über ein Jahrzehnt später, bin ich wieder in diesem Bereich tätig – nicht als humanitärer Helfer, sondern als Mitglied des Deutschen Bundestages, zuständig für globale Gesundheit in der CDU/CSU-Fraktion.
Und ehrlich gesagt: Nach dem, was ich gesehen und gehört habe, hat sich grundlegend nicht viel geändert. Ich bin deshalb nicht daran interessiert, weitere institutionelle Ebenen zu finanzieren. Ich bin daran interessiert, echte Wirkung vor Ort zu unterstützen. Starke deutsche Unterstützung ist wichtig – aber nur, wenn damit mehr strategische Mitbestimmung für Deutschland und strukturelle Reformen einhergehen.
Geld allein ist keine Strategie
Deutschland hat sich als großzügiger Geldgeber für die globale Gesundheit erwiesen: Wir unterstützen die WHO, UNAIDS, die Impfallianz GAVI, den Global Fund und viele andere. Wir haben während der Covid-Krise Führungsstärke bewiesen. Wir sind zuverlässige finanzielle und politische Verpflichtungen eingegangen.
Aber Geld allein macht noch keine Strategie aus. Andere haben die Agenda geprägt und arbeiten eher für nationale als für multilaterale Interessen. Governance-Reformen bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Gleichzeitig verschiebt sich das Kräfteverhältnis im Bereich der globalen Gesundheit: Die Vereinigten Staaten haben sich zurückgezogen, China gewinnt an Einfluss, und Europa fehlt eine einheitliche Stimme. Um das Vertrauen zurückzugewinnen, muss der Multilateralismus neu definiert und als Investitionsargument neu aufgestellt werden, das zeigt, wie Zusammenarbeit die Sicherheit untermauert, die wirtschaftliche Stabilität fördert und die Widerstandsfähigkeit stärkt.
Genau vor dieser Entscheidung stehen wir jetzt: Bleiben wir ein Sponsor am Rande? Oder treten wir als strategischer Gestalter der globalen Gesundheitspolitik auf, der mit Prioritäten, Partnerschaften und Zielen die Politik bestimmt?
Warum Gestaltung jetzt unerlässlich ist
- Geopolitischer Wandel: Multipolare Mächte nutzen Gesundheitsdiplomatie, um ihren Einfluss auszuweiten. Wenn Demokratien nicht die Führung übernehmen, werden es andere tun.
- Multilateralismus unter Druck: Institutionen wie die WHO sind unverzichtbar und unersetzlich, aber fragil. Ohne echte und agile Reformen und Engagement werden sie weiter an Akzeptanz verlieren.
- Nationales Interesse: Gesundheitsbedrohungen wie Antimikrobielle-Resistenzen, Pandemien und Klimarisiken machen nicht an Grenzen Halt. Internationale Zusammenarbeit ist nicht mehr optional - sie ist ein strategisches nationales Ziel.
Wir beobachten eine zunehmende „My Nation First”-Haltung – auch in Deutschland. Und ja, wir hören die Frage: Warum in Gesundheitssysteme im Ausland investieren, wenn unsere eigenen unter Druck stehen? Diese Fragen kommen aus dem Zentrum unserer eigenen Gesellschaft. Wir können sie ignorieren – oder wir können sie strategisch zu einem Teil unserer eigenen Erzählung machen.
Die globale Gesundheit ist ein grundlegendes nationales Interesse:
- Widerstandsfähige Systeme im Ausland verringern den Migrationsdruck.
- Eine starke Überwachung im Ausland hilft, Gefahren und Krankheitserreger frühzeitig zu erkennen.
- Engagement schafft Soft Power und strategische Allianzen.
- Globale Gesundheitszusammenarbeit öffnet wichtige Märkte für unsere medizinische und pharmazeutische Branche in Deutschland.
Es ist nicht nur Wohltätigkeit. Es ist Stabilitätspolitik. Solidarität und Eigeninteresse sind keine Gegensätze.
Was bedeutet es also, ein „Gestalter“ zu sein?
- Klare Prioritäten setzen: One Health, AMR, digitale Gesundheit, primäre Gesundheitssysteme. Und in die Lücke vorstoßen, die die USA hinterlassen – zum Beispiel im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit.
- Strategische Partnerschaften aufbauen: Insbesondere mit Afrika und Lateinamerika. Eine universelle Gesundheitsversorgung ohne Diskriminierung, Ideologie oder Imperialismus muss weiterhin der Kompass sein.
- Den Multilateralismus stärken: Die Grundfinanzierung der WHO sichern. Mehr deutsche Führungsstärke in der Governance. Reformen sind notwendig, und Deutschland muss dabei eine führende Rolle übernehmen, auch auf politischer Ebene. Wenn WHO-Chef Tedros 2027 ausscheidet, hat Deutschland die Verantwortung zu zeigen, dass es diese Lücke füllen kann. Wir dürfen nicht zurückhaltend sein, sondern müssen mutig vorangehen.
- In Innovation und Wirkung investieren: Dazu gehören öffentlich-private Modelle, Forschungsförderung und Wissensaustausch.
Deutschland bekennt sich weiterhin zum Multilateralismus – aber nicht in seiner veralteten Form. Die USA haben deutlich gemacht, dass es keinen Multilateralismus um des Multilateralismus willen gibt. Multilateralismus muss Ergebnisse liefern und auf einer fairen Lastenteilung beruhen. Deutschland ist glaubwürdig. Aber Glaubwürdigkeit ohne Taten reicht nicht aus. Wir müssen aufhören, uns wie ein „stiller Geber“ zu verhalten. Wir müssen Verantwortung übernehmen – verantwortungsbewusst, sichtbar und gemeinsam mit unseren Partnern.
Und wir müssen dies innerhalb eines starken europäischen Rahmens tun. Wir unterstützen die WHO. Wir unterstützen das Pandemieabkommen. Aber wir müssen auch die Fertigstellung des Systems für den Zugang zu Krankheitserregern und den Vorteilsausgleich (PABS) vorantreiben. Covid-19 hat uns gelehrt, dass Debatten über die Verteilung allein nicht funktionieren. In einer Krise mit begrenzten Vorräten übernehmen nationale Reflexe die Oberhand.
Was wir brauchen, ist vernetzte Produktion, harmonisierte Regulierung und gemeinsame Daten, Logistik und Frühwarnung. Europa ist hier, wie bei vielen anderen Herausforderungen, die Lösung. Erste Schritte sind durch EU-HERA und die Globale Gesundheitsstrategie der EU gemacht. Ebenso durch strategische Partnerschaften mit Africa CDC und ASEAN. Auch diese Bemühungen sollte Deutschland nicht nur aktiv unterstützen, sondern mitgestalten – und nicht nur finanzieren.
Wir sollten auch regelmäßige Überprüfungen unserer eigenen Agenda angehen – wie die bevorstehende Halbzeitüberprüfung der Globalen Gesundheitsstrategie Deutschlands unter der kompetenten Leitung der Abteilung für globale Gesundheit des Bundesgesundheitsministeriums –, um sicherzustellen, dass wir relevant und fokussiert bleiben.
Lassen Sie mich mit dem schließen, womit ich begonnen habe: Als ehemaliger humanitärer Helfer weiß ich, was Solidarität bedeutet. Aber als Parlamentarier muss ich auch in Systemen, Strukturen und Strategien denken. Bei der globalen Gesundheit geht es nicht nur um Menschlichkeit. Lassen Sie mich das auch als aktiver Freiwilliger des Roten Kreuzes klar sagen: Für mich persönlich wäre das schon genug. Aber es geht auch um Außenpolitik. Es geht um Sicherheit. Es geht um wirtschaftliches Wohlergehen. Es geht um Soft Power. Letztendlich geht es um Verantwortung.
Sascha van Beek ist Mitglied der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Gesundheitsausschuss und Umweltausschuss sowie unter anderem Berichterstatter für Globale Gesundheit.
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