Mittelkürzungen : Humanitäre Hilfe ist ein Fundament der Menschlichkeit, kein nettes Extra!
Derzeit durchläuft der Bundeshaushalt 2026 den Haushaltsmarathon. Eine Stagnation der Mittel für humanitäre Hilfe auf dem dramatisch gesunkenen Niveau von 2025 ist darin vorgesehen. Die Mittelkürzungen bedeuten konkret: Gesundheit, Leib und Leben von Frauen, Kindern und Männern in den ärmsten Ländern der Welt werden gefährdet.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Im Bundeshaushalt 2025, der noch bis Ende des Jahres gilt, sind im Etat des Auswärtigen Amtes gut eine Milliarde Euro für humanitäre Hilfe eingestellt – ein Rückgang um 53 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Haushalt 2026, der am 28. November im Bundestag verabschiedet werden soll, ist ebenfalls rund eine Milliarde Euro vorgesehen. Eine Milliarde – das klingt viel. Und entspricht doch nur einem Anteil von 0,2 Prozent am Gesamthaushalt. Humanitäre Hilfe spielt sich im Nachkommabereich ab.
Die Einsparungen kommen zu einer Zeit, in der die USA als größter Geber für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit ihr Engagement drastisch reduzieren. In einer Zeit, in der rund 305 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Und sie bedeuten: mehr Fluchtbewegungen, mehr Hungerkrisen, verstärkte Ausbreitung von Krankheiten.
Ja, die vielfältigen Problemlagen nehmen weltweit zu – und es mag vor diesem Hintergrund nachvollziehbar sein, dass andere Belange an Wichtigkeit gewonnen haben. Aber es geht in dieser Debatte um nichts weniger als die Grundwerte unserer Gesellschaft und die Frage, welche Priorität diese Werte noch für uns haben. Humanitäre Hilfe ist keine verzichtbare Kirsche auf der Torte. Sondern sie ist das Brot, das Trinkwasser, das Zelt, die medizinische Versorgung, die Menschenleben rettet. Das ist gelebter, unverzichtbarer Ausdruck von Menschlichkeit. Es ist ein Fundament, kein nettes Extra.
Lebensrettende Nothilfe nach Katastrophen
Unsere Bündnisorganisationen leisten überlebenswichtige akute Nothilfe nach großen Naturkatastrophen, in Kriegen und Konflikten. Helfer:innen verteilen sauberes Trinkwasser, Nahrungsmittel und Medikamente, versorgen Patient:innen mit Operationen, Prothesen und Gehhilfen. Sie unterstützen, zum Beispiel in der Ukraine, Krankenhäuser mit Generatoren, Geräten, OP-Bedarf und Verbandsmaterial. Sie versorgen schwangere und stillende Frauen. Und behandeln akut mangel- und unterernährte Kinder – geschieht das nicht rechtzeitig, können schwere und irreversible Schäden die Folge sein.
Diese Hilfe ist oft alternativlos, denn sie erfolgt häufig in einem Umfeld, in dem die staatliche Gesundheitsversorgung weitgehend zusammengebrochen ist – mit viel zu wenigen, überfüllten, schlecht ausgestatteten Krankenhäusern, die für viele Kranke unerreichbar weit weg sind.
Aktuell sind viele unserer Bündnisorganisationen beispielsweise im Sudan aktiv, wo sich eine der schwersten humanitären Katastrophen der Welt abspielt: action medeor, die „Notapotheke der Welt“, hat eine Hilfslieferung mit 2,5 Tonnen medizinischem Equipment und Medikamenten für den Versand in den Sudan bereitgestellt, unter anderem für ein Krankenhaus, das Flüchtende aus den umkämpften Regionen behandelt. CARE betreibt Ernährungszentren für Kinder und schwangere Frauen. Und World Vision ist in Ost- und Süd-Darfur aktiv, unter anderem mit Wasser- und Hygienemaßnahmen und psychosozialer Unterstützung nach geschlechtsspezifischer Gewalt.
Mittelkürzungen kosten Menschenleben
Die Mittelkürzungen sind für all diese Menschen dramatisch, denn sie sind vor Ort konkret und schmerzhaft spürbar. Einige unserer mehr als 20 Bündnisorganisationen sind bereits gezwungen, Hilfsprojekte zu reduzieren oder ganz einzustellen und Mitarbeiter:innen zu entlassen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass viele lokale Partner unserer Bündnisorganisationen die Kürzungen durch institutionelle Geber spüren und ihre Hilfe herunterfahren müssen.
So haben die Johanniter im Südsudan in den vergangenen Jahren gut Hunderttausend Kindern unter fünf Jahren eine medizinische Versorgung ermöglicht und dadurch viele Leben gerettet. Schwangere und stillende Frauen erhielten erstmals wichtige prä- und postnatale Unterstützung. Aufgrund der weltweiten staatlichen Kürzungen musste jedoch eines von sieben Projekten der Johanniter im Südsudan beendet werden. Bei den anderen wurde die Zahl der Hilfsempfänger:innen stark reduziert. Konkret bedeutet das, dass Menschen sterben, weil sie von Hilfe abgeschnitten sind.
Auch im Bereich der Katastrophenvorsorge machen sich die Mittelkürzungen bemerkbar. Einzelne unserer Bündnisorganisationen sehen sich gezwungen, ihre Maßnahmen auf diesem wichtigen Gebiet herunterzufahren. Dabei sind Katastrophenvorsorge und vorausschauende humanitäre Hilfe wirksamer und zugleich kostengünstiger als nachträgliche Nothilfe, wie auch eine Studie von „Aktion Deutschland Hilft“ zeigt.
Priorisierung der Hilfe unumgänglich
Dass Hilfsorganisationen die Mittelkürzungen beklagen, reicht jedoch nicht aus. Das ist uns vollkommen bewusst. Wir brauchen und entwickeln klare Antworten auf die veränderte Lage: Durch mehr Kooperation untereinander können unsere Bündnisorganisationen größere Projekte gemeinsam durchführen. Solche Konsortialprojekte mehrerer Hilfsorganisationen ermöglichen Hilfe in Dimensionen, die allein zunehmend schwer zu stemmen sind. Bündnisweit laufen zudem Bemühungen, die Wirkung von Hilfe noch besser zu messen und Maßnahmen dadurch noch passgenauer zu planen.
Verstärktes Augenmerk legen wir auf nicht zweckgebundene Spenden, die „Aktion Deutschland Hilft“ für den Spendenzweck „Nothilfe weltweit“ erhält. Denn diese Gelder können unsere Bündnisorganisationen flexibel dort einsetzen, wo die Not groß ist, aber Projekte unterfinanziert sind, weil institutionelle Mittel gekürzt werden. Vermehrt gehen Bündnisorganisationen auch dazu über, lokale Partnerorganisationen weiter zu stärken, sodass Hilfe noch effizienter durch ortskundige Kräfte stattfindet. Denn sie kennen Land und Leute, Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze am besten.
Am Stichwort „Priorisierung“ kommen auch wir jedoch nicht vorbei. In Zeiten knapper Finanzen müssen viele Organisationen sich auf jene Menschen und Regionen konzentrieren, die besonders dringend Hilfe brauchen. Eine schwierige Entscheidung, die zugleich bedeutet, dass andere Menschen, die ebenfalls Unterstützung benötigen, nicht mehr berücksichtigt werden können. So bitter das ist: Es läuft auf eine Triage der Hilfe hinaus. Letztendlich geht es bei diesen Entscheidungen oftmals um Leben und Tod.
Angesichts dieser Veränderungen wächst die Bedeutung privater Spenden. 2024 hatte das Bündnis „Aktion Deutschland Hilft“ Spendeneinnahmen in Höhe von rund 72 Millionen Euro. Wir sind und bleiben also handlungsfähig. Aber: Hilfsorganisationen können die Lücke zwischen wachsender Not und abnehmenden öffentlichen Geldern nicht annähernd schließen. Es ist auch nicht ihre Aufgabe, institutionelle Geber aus ihrer Verantwortung zu entlassen.
Maria Rüther ist Hauptgeschäftsführerin des Nothilfe-Bündnisses „Aktion Deutschland Hilft“. Dem 2001 gegründeten Bündnis mit Sitz in Bonn gehören mehr als 20 renommierte deutsche Hilfsorganisationen an, die im Falle großer Katastrophen ihre Kräfte bündeln, um schnelle und effektive Hilfe für Menschen in Not zu leisten.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden