Systemrelevanz ohne Systemschutz : Pharmazeutische Industrie muss Teil der nationalen Sicherheitsarchitektur sein
Wie widerstandsfähig ist unsere medizinische Versorgung im Krisenfall? Diese Frage stellt Nora Schmidt-Kesseler im Standpunkt anlässlich der morgigen Fachtagung KRITIS 2026. Die Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost beschreibt, warum die pharmazeutische Industrie ein sicherheitsrelevanter Sektor ist und was sie von der Politik erwartet.
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Angesichts der aktuellen geopolitischen Lage wird in Deutschland viel über Energiesicherheit, Cybersicherheit und militärische Resilienz diskutiert. Doch eine Frage wird noch zu selten gestellt: Wie widerstandsfähig ist unsere medizinische Versorgung im Krisenfall? Spätestens seit der Corona-Pandemie, den Lieferengpässen wichtiger Medikamente und den jüngsten Brandanschlägen auf das Berliner Stromnetz ist klar, dass auch die pharmazeutische Industrie ein sicherheitsrelevanter Sektor ist. Politisch wird sie jedoch bislang nicht wie kritische Infrastruktur behandelt.
Arzneimittel sind kein gewöhnliches Handelsgut. Ihre Verfügbarkeit entscheidet im Ernstfall über Menschenleben – und über die Handlungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems. Wenn Antibiotika, Schmerzmittel oder Infusionen fehlen, helfen keine Ersatzprodukte und keine Lieferalternativen aus dem Ausland. Medikamente sind dann am billigsten, wenn wir sie nicht brauchen – und unbezahlbar, wenn sie fehlen. Diese Tatsache sollte die Grundlage jeder politischen Entscheidung über den Pharmastandort Deutschland sein.
Die unterschätzte strategische Dimension
Deutschland und Europa sind bei vielen Wirkstoffen stark von Asien abhängig. Zwei Drittel der generischen Wirkstoffe stammen heute aus Ländern wie China oder Indien – vor zwanzig Jahren war es noch umgekehrt. Bei Metamizol, einem der am häufigsten verordnete Schmerzmittel, liegt über 80 Prozent der Produktionskapazität in China. Beim Antidiabetikum Metformin stammt das zentrale Vorprodukt Dicyandiamid zu 80 Prozent aus China. Selbst ein kleiner Lieferengpass kann hierzulande rasch zu Engpässen führen.
Konkrete Fälle zeigen, wie dramatisch das werden kann: 2022 und 2023 war das Brustkrebs-Medikament Tamoxifen zeitweise nicht verfügbar. Kliniken mussten auf teure Importe aus dem Ausland zurückgreifen – Patienten warteten. Fiebersäfte für Kinder, vor zehn Jahren noch von elf Anbietern produziert, gibt es heute praktisch nur noch von einem Hersteller. Apotheken mussten selbst herstellen, Eltern suchten verzweifelt nach Medikamenten für ihre Kinder. Hinter diesen Engpässen stecken jahrelanger Preisdruck und unrentable Produktionsbedingungen. Aktuell sind 500 Medikamente knapp – fast ausschließlich Generika. Bei Antibiotika stammen mehr als 70 Prozent der Wirkstoffe aus China.
Nationale Produktionsstätten erhalten
Die pharmazeutische Industrie ist nicht nur eine „Krisenfolgenbewältigerin“, sondern auch eine „Krisenpräventorin“. Ihre Forschung und Entwicklung bilden ein strategisches Rückgrat, das mit der Energie- oder Lebensmittelsicherheit vergleichbar ist. Doch viele regulatorische Entscheidungen bremsen die Pharmabranche nach wie vor aus. Der Preis gilt als vorrangiges Steuerungsinstrument und die Lieferfähigkeit wird oft erst beachtet, wenn es bereits zu Störungen gekommen ist.
Wer Versorgungssicherheit will, muss Resilienz und nicht nur Kosteneffizienz fördern. Das bedeutet, nationale Produktionsstätten gezielt zu erhalten, kritische Vorprodukte abzusichern und die Beschaffung langfristig politisch zu denken. Heute sind viele Wirkstoffe und Fertigarzneien von Lieferketten abhängig, die sich über mehrere Kontinente ziehen. Diese Abhängigkeiten sind sicherheitspolitisch riskant. Eine zuverlässige Versorgung erfordert, strategische Reserven und redundante Strukturen nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition in die Sicherheit zu begreifen.
Strategische Beschaffung als stille Krisenvorsorge
Strategische Medikamentenbeschaffung ist deshalb die stille Form der Krisenbewältigung. Wer klug bevorratet, wer Produktionskapazitäten in Europa stärkt und wer Daten über Abhängigkeiten nutzt, sorgt dafür, dass es in Krisen gar nicht erst zu Engpässen kommt. Das gilt nicht nur für Pandemien, sondern auch für geopolitische Spannungen, Handelskonflikte oder Naturkatastrophen.
Die Politik hat hier bereits erste Schritte unternommen, etwa durch das Arzneimittel-Lieferengpassgesetz und die geplanten Krisenmechanismen auf EU-Ebene. Doch die Industrie muss jetzt vom reaktiven in den gestaltenden Modus wechseln. Forschung, Produktion und Verfügbarkeit dürfen nicht länger als getrennte Bereiche betrachtet werden. Sie bilden gemeinsam die Grundlage einer verlässlichen Gesundheitsversorgung – und sind somit ein Bestandteil nationaler Sicherheitsvorsorge.
Gesundheitsstandort braucht industriepolitische Klarheit
Wenn wir die Lehren der vergangenen Jahre ernst nehmen, müssen wir Arzneimittelsicherheit wie die Energieresilienz behandeln: als Teil der staatlichen Vorsorgepflicht. Dazu gehört eine Beschaffungspolitik, die strategische Kriterien stärker gewichtet als kurzfristige Preiseffekte, eine Innovationsförderung, die europäische Produktion belohnt, und eine Wertschätzung, die pharmazeutische Industrie als sicherheitsrelevante Infrastruktur anerkennt.
Die jüngsten Anschläge auf die Stromversorgung in Berlin zu Jahresbeginn haben gezeigt, wie verwundbar kritische Infrastruktur ist. Die pharmazeutische Industrie übernimmt täglich Verantwortung für Patientinnen und Patienten, für Versorgungssicherheit und für den Standort. Diese Leistung bleibt so lange unsichtbar, bis etwas fehlt.
Versorgungssicherheit ist kein Zufallsprodukt. Forschung, Produktion und Innovation müssen dauerhaft in Deutschland und Europa verankert werden. Wer dies nicht tut, riskiert Versorgungslücken, steigende Abhängigkeiten und letztlich die Gesundheit der Bevölkerung. Die Frage ist nicht, ob wir uns Versorgungssicherheit leisten wollen – die Frage ist, ob wir es uns leisten können, darauf zu verzichten.
Nora Schmidt-Kesseler ist Hauptgeschäftsführerin des Landesverbands Nordost des Verbands der Chemischen Industrie.
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