Gesundheit & E-Health

Standpunkt

„Apps auf Rezept“ haben keine Altersgrenze

Jan Simon Raue
Jan Simon Raue, Gründer des Start-ups Fosanis Foto: privat

Der digitale Wandel hat die Medizin erreicht. In Deutschland können seit letztem Jahr sogar Apps zur Therapiebegleitung bei schweren Erkrankungen verschrieben werden, etwa bei Krebs oder Diabetes – eine Weltneuheit. Warum von ihr Menschen jeden Alters profitieren können, erklärt Jan Simon Raue, Gründer des Start-ups Fosanis.

von Jan Simon Raue

veröffentlicht am 16.09.2021

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Wer glaubt, digitale Gesundheitsangebote seien nur etwas für „Digital Natives” – also diejenigen, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind – täuscht sich gewaltig. Der Gesundheitsmonitor 2020 des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH) macht die Technikoffenheit der älteren Generation deutlich: Unter den Befragten waren vor allem Personen ab 70 Jahren davon überzeugt, dass eine höhere Digitalisierung im Gesundheitswesen vorteilhafte Auswirkungen haben wird. Eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt zudem: Fast jeder Zweite der Befragten über 65 Jahren konnte sich bereits vor Einführung von „Apps auf Rezept“ gut vorstellen, ein solches Angebot zukünftig zu nutzen.

Zur rechten Zeit also wurden die gesetzlichen Weichen für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) gestellt, die Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen auf Kassenkosten verordnen können. Von Krebs über Diabetes bis hin zur Schlaganfall-Nachsorge – viele dieser DiGAs helfen bei Erkrankungen, die überwiegend im höheren Lebensalter auftreten. Patient:innen mit einer Krebsdiagnose zum Beispiel können sich seit Juni dieses Jahres therapiebegleitend die Smartphone-App „Mika” verschreiben lassen. Ein Angebot, das gerade für ältere Menschen relevant ist – denn mehr als ein Drittel der Krebspatient:innen ist laut WHO über 75 Jahre alt. 

„Smarte” Therapiehelfer mit großem Potenzial

Das Interesse älterer Generationen an digitalen Gesundheitsangeboten kommt nicht von ungefähr. Seit geraumer Zeit lässt sich ein Trend in Richtung informierter und mündiger Patient:innen beobachten. Viele von ihnen suchen über den Arztbesuch hinaus nach medizinischem Rat im Netz. Einer Bitkom-Befragung zufolge trifft das auf zwei von drei Internetnutzer:innen in der Altersgruppe 65+ zu. DiGAs können diesem Informationsbedürfnis in besonderem Maße entgegenkommen. Denn anders als „Dr. Google“ verpflichten sie sich als zertifizierte Medizinprodukte dazu, ausschließlich wissenschaftlich geprüfte Inhalte anzuzeigen. Das erspart Patient:innen die Informationsflut des Internets und die teils mühsame Suche nach zuverlässigen Quellen. 

Klar ist auch: Eine App auf Rezept ersetzt nicht den Arztbesuch. Als digitaler Therapiehelfer „für die Hosentasche“ ist sie stattdessen eine Ergänzung, die jederzeit und überall griffbereit ist, um Lücken in der Gesundheitsversorgung zu überbrücken. Das kann gerade für Senior:innen von Bedeutung sein, die altersbedingt in ihrer Mobilität eingeschränkt sind und womöglich in einer Gegend leben, in der die Arztpraxis schwer erreichbar ist. In einer solchen Situation kann das digitale Therapieprogramm einer App – etwa Bewegungsübungen, die man per Videoanleitung zu Hause durchführen kann – eine besonders willkommene Entlastung sein. 

Entscheidend ist, dass sich digitale Gesundheitsangebote der Lebenswirklichkeit älterer Patient:innen anpassen. Mit dem Alter lassen zum Beispiel Konzentration und Gedächtnisleistung nach, Sehschwierigkeiten nehmen hingegen zu. Auch eine Krebserkrankung und ihre Behandlung gehen häufig mit derartigen Beeinträchtigungen einher. Digitale Angebote können hier praktische Unterstützung bieten, etwa durch einen Sprachassistenten, der Nutzer:innen ermöglicht, sich Texte in der App auch auf Knopfdruck vorlesen zu lassen. 

Lernfähig und personalisierbar

Großes Potential steckt außerdem in modernen Technologien, die Smartphone-Apps „lernfähig“ und personalisierbar machen. Das ist ein enormer Vorteil gegenüber herkömmlichen Infomaterialien. Eine Broschüre bleibt schließlich für jede:n Leser:in gleich – der sportbegeisterte Hodenkrebs-Patient Mitte 30 und die 75-jährige Darmkrebs-Patientin mit Ernährungsfragen bekommen darin exakt die gleichen Informationen. Apps, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, können hingegen ihre digitalen Wissensbibliotheken und weitere Funktionen auf die Bedürfnisse und Interessen einzelner Patient:innen zuschneiden. Die Datentechnologie hinter der Mika-App berücksichtigt zum Beispiel das Alter, die Krebsart und die jeweiligen Beschwerden der Patient:innen und schlägt umso zielgerichtetere Inhalte vor, je häufiger die App genutzt wird. 

Es ist ein Irrglaube, dass digitale Gesundheitsangebote nichts für ältere Menschen seien. Das legen auch die Nutzerzahlen zur Mika-App dar: Krebspatient:innen, die 65 Jahre oder älter sind, nutzen die App besonders regelmäßig. Bei diesen Anwender:innen hat sich die DiGA als fester Bestandteil ihres Therapie-Alltags bewährt.

Von einer digitalen Gesundheitsversorgung können Patient:innen jeder Altersgruppe profitieren. Das haben der Gesetzgeber wie auch Senior:innen erkannt. Die Zeit ist reif dafür, dass sich ein zeitgemäßes Denken auch in der öffentlichen Wahrnehmung niederschlägt. Nicht zuletzt, um die Teilhabe älterer Patient:innen am digitalen Fortschritt im Gesundheitswesen zu fördern. Welche Vorteile das haben kann, führen „Apps auf Rezept“ deutlich vor Augen.

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