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Standpunkt

Evidenzbasierte Infos schaffen Vertrauen

Klaus Koch, Leiter des IQWiG-Ressorts „Gesundheitsinformation“
Klaus Koch, Leiter des IQWiG-Ressorts „Gesundheitsinformation“ Foto: IQWiG

Evidenzbasierte Gesundheitsinformationen stoßen in Deutschland oft noch auf das Vorurteil, ein Angebot für eine begrenzte Zielgruppe zu sein. Klaus Koch, Leiter des IQWiG-Ressorts „Gesundheitsinformation“, erklärt am Beispiel der Corona-Impfung, wie sie auch in der Breite der Bevölkerung zu einer geschätzten, vertrauenswürdigen und als normaler Standard akzeptierten Informationsquelle werden.

von Klaus Koch

veröffentlicht am 19.11.2021

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Wissen, Meinungen und Lügen. Wer im Internet nach Antworten zu Gesundheitsfragen sucht, muss immer mit dieser Mischung rechnen. Bei Themen wie Arthrose, Depression oder Allergie ist das seit Beginn des Internets in den 1990er-Jahren bittere Realität, die bislang meist mit einem Achselzucken hingenommen wurde. Die Corona-Pandemie hat das geändert: Regierungen, Medien und private Organisationen haben weltweit den aktiven Kampf gegen Desinformation aufnehmen müssen, weil die SARS-CoV-2-Pandemie offengelegt hat, dass schlechte Gesundheitsinformationen der Gesundheit schaden – und der Demokratie.

In Deutschland liegt die offizielle Gesundheitskommunikation zu Corona vor allem in den Händen des Bundesgesundheitsministeriums und seiner Unterbehörden wie RKI, PEI und BZgA. Hinter diesen Angeboten steht grundsätzlich auch der Appell, staatlichen Empfehlungen und Regelungen zu folgen.

Die Rolle des IQWiG

Das IQWiG hat als HTA-Organisation in der deutschen Landschaft der Institutionen eine Sonderrolle. Es ist keine staatliche Behörde, sondern wird getragen von einer privaten gemeinnützigen Stiftung, was dem Institut wissenschaftliche Unabhängigkeit verschafft. Andererseits hat das Institut einen per Gesetz definierten Auftrag – und damit eine vom Staat erteilte Aufgabe. Diese umfasst auch die Bereitstellung von evidenzbasierten und verständlichen Gesundheitsinformationen für die gesamte Bevölkerung. Seine Informationen veröffentlicht das IQWiG seit 2006 im Internet in Deutsch auf gesundheitsinformation.de und in Englisch auf informedhealth.org.

Aufgrund seiner Rolle ist das IQWiG nicht in die offizielle staatliche Corona-Informationskampagne in Deutschland eingebunden – und konnte einen eigenen Weg gehen, um auch in der Corona-Pandemie evidenzbasierte Informationen bereitzustellen. Dieser begann im Dezember 2020: Zu diesem Zeitpunkt haben BioNTech und Pfizer die Impfstoff-Zulassung in den USA und Europa beantragt und die Behörden haben Zusammenfassungen der eingereichten Daten in eigenen Berichten veröffentlicht. Auf Grundlage dieser Daten hat das IQWiG nach und nach sechs deutschsprachige Texte zu den in der EU zugelassenen Corona-Impfstoffen erstellt, auf gesundheitsinformation.de veröffentlicht und bei Bedarf aktualisiert.

Für eine HTA-Organisation war das eine Herausforderung: Normalerweise benötigen wir mehrere Wochen oder Monate, um evidenzbasierte Gesundheitsinformation zu einem Thema zu erstellen und zu veröffentlichen. Das sind dann oft umfangreiche Themenpakete, die auf einer breiten systematischen Recherche, mehreren Redaktionsschleifen, externem Review einschließlich Stellungnahmeverfahren beruhen. Auf gesundheitsinformation.de und informedhealth.org finden sich solche Pakete zu mehr als 200 Erkrankungen.

Corona hat uns eine neue Schnelligkeit abgefordert: Die Texte zu den Impfstoffen waren im besten Falle innerhalb von 48 Stunden erstellt, einschließlich einem internen Review. Sie wurden dann bei Bedarf aktualisiert und erweitert – wenn es dringend war, innerhalb von wenigen Stunden.

Neutrale Beschreibung des Wissens ohne Wertung

Die Corona-Impfung ist in Deutschland ein sehr kontroverses Thema. Sowohl in der Bevölkerung als auch im politischen Diskurs gibt es eine relativ weit verbreitete Skepsis und Unsicherheit gegenüber den Impfstoffen. Die staatliche Informationskampagne hat als Reaktion den Nutzen der Impfung für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft betont – Impfung war vor allem ein solidarischer Akt.

Wir haben uns angesichts der offiziellen Kampagne bewusst in der Darstellung auf den Informationskern konzentriert: Die Grundlage der Texte zu Impfstoffen blieb der Ansatz, den oder die Einzelne bei ihrer informierten Entscheidung für oder gegen die Impfung zu unterstützen; also es zu akzeptieren, dass sich jeder auch gegen die Impfung entscheiden kann. Wir haben dabei ausdrücklich darauf geachtet, die Entscheidung nicht zu bewerten und die Texte als neutrale Beschreibung des Wissens zu formulieren. Dabei haben wir die Kernelemente einer evidenzbasierten Gesundheitskommunikation beibehalten:

  • verständliche Sprache
  • nicht-verzerrende Darstellung von Wahrscheinlichkeiten, Risiken und Effekten (zum Beispiel in absoluten Zahlen)
  • transparente Darstellung von Vor- und von Nachteilen der Impfung
  • Darstellung von Unsicherheiten und Wissenslücken

Nutzung und Reichweite

Maßgeblich für die Reichweite im Internet ist das Suchmaschinenranking bei Google. Der Reichweite der Impfstofftexte kam deshalb zugute, dass Google gesundheitsinformation.de seit 2018 als „vertrauenswürdiges“ Angebot eingestuft hat. Bereits vor Corona sind die monatlichen Besucherzahlen schrittweise von etwa 400.000 auf bis zu 3 Millionen gestiegen.

Diese herausgehobene Position hat mit dazu geführt, dass allein im Mai 2021 etwas mehr als 2,4 Millionen Besucher auf die Impfstofftexte auf gesundheitsinformation.de zugegriffen haben.

Abb. Relative Entwicklung der Suchanfragen zu „corona impfung“ in Deutschland

Leserreaktionen

In der Medien-Berichterstattung hat die Diskussion um die Corona-Impfstoffe und Impfgegner einen relativ großen Raum eingenommen. Diese Kontroverse hat sich in Leserreaktionen, die wir erhalten haben, jedoch kaum widergespiegelt.

Die bis heute insgesamt etwa 900 Leserzuschriften lassen sich in fünf Gruppen einteilen:

  • Dank für die sachliche Information
  • Fragen zur eigenen Impfentscheidung
  • Berichte über Nebenwirkungen
  • Fragen zum Zugang zur Impfung
  • Hinweise auf gewünschte Ergänzungen

Fazit

Evidenzbasierte Gesundheitsinformationen stoßen in Deutschland oft noch auf das Vorurteil, ein Angebot für eine begrenzte Zielgruppe zu sein. Das liegt zum Teil auch daran, dass zum Beispiel Besonderheiten der evidenzbasierten Kommunikation von Wahrscheinlichkeiten und Effekten und die neutrale Haltung mit Verzicht auf Empfehlungen oft noch ungewohnt sind.

Evidenzbasierte Informationen haben aber das Potenzial, sich aus der wahrgenommenen Nische zu befreien und auch in der Breite der Bevölkerung zu einer geschätzten, vertrauenswürdigen und als normaler Standard akzeptierten Informationsquelle zu werden. Dazu müssen aber Ersteller auch bereit sein, wie Medien aktuell auf die Fragen zu reagieren, die die Menschen interessieren.

Wir sind uns sicher, dass die Grundelemente der evidenzbasierten Medizin – eine unverzerrte Beschreibung des Wissens, ein offener Umgang mit Unsicherheiten und eine schnelle Korrektur von (in der Pandemie unvermeidbaren) Fehleinschätzungen – Garanten dafür sind, auch in schwierigen Zeiten Vertrauen aufzubauen.

Dr. Klaus Koch ist Leiter des Ressorts „Gesundheitsinformation“ beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

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