Hilfsmittelversorgung : Hinter jeder Kostenentscheidung steht ein Alltag
Wirtschaftlichkeit darf nicht dazu führen, dass der Mensch erst nach der Kostenprüfung sichtbar wird, schreibt Hannes Niemann im Standpunkt über die Hilfsmittelversorgung in Deutschland. Ein System, das Hartnäckigkeit voraussetze, benachteilige diejenigen, die über weniger Kraft, Wissen, Zeit oder Unterstützung verfügten, so der Director REHACARE bei der Messe Düsseldorf, der auf noch unveröffentlichte Ergebnisse des REHACARE Reports verweist.
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In der Gesundheitspolitik wird derzeit viel über Kosten gesprochen. Über steigende Beitragssätze, knappe Mittel, Effizienz und die Frage, wo Ausgaben begrenzt werden können. Diese Debatte ist notwendig, denn kein Gesundheitssystem kann auf Dauer funktionieren, wenn seine Finanzierung aus dem Blick gerät.
Aber der Blick auf die Kosten hat eine Schwäche: Er macht aus konkreten Lebensrealitäten abstrakte Positionen in einer Rechnung.
In der Hilfsmittelversorgung nimmt die Gesundheitspolitik einen schnellen und direkten Einfluss auf Lebensrealitäten und Alltag. Ein Rollstuhl, ein Hörgerät, eine Prothese oder eine Kommunikationshilfe sind für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen Voraussetzung für Mobilität, Erwerbsfähigkeit und ein selbstbestimmtes Leben.
Hälfte der Befragten verwendete unpassende Hilfsmittel
Erste Ergebnisse des noch unveröffentlichten REHACARE Reports 2026 zeigen, wie groß diese Wirkung ist: 95 Prozent der befragten Anwenderinnen und Anwender sagen, dass ihr Hilfsmittel ihren Alltag positiv beeinflusse. Eine starke Zahl, die deutlich macht: Gute Hilfsmittelversorgung ist kein Luxus. Sie ermöglicht Teilhabe.
Gleichzeitig zeigt die Umfrage, wie fragil diese Teilhabe sein kann. 54 Prozent der Befragten mussten bereits ein unpassendes Hilfsmittel verwenden, weil die bedarfsgerechte Alternative nicht genehmigt wurde. 65 Prozent haben schon Mehrkosten selbst übernommen. Drei von vier Befragten sagen, dass man eine angemessene Hilfsmittelversorgung nur erhält, wenn man hartnäckig bleibt und sich gut auskennt. Das ist ein Warnsignal. Denn ein System, das Hartnäckigkeit voraussetzt, benachteiligt diejenigen, die weniger Kraft, Wissen, Zeit oder Unterstützung haben.
Das sollte uns zu denken geben.
Wirtschaftlichkeit nicht ausblenden
Dabei geht es nicht darum, Wirtschaftlichkeit auszublenden. Selbstverständlich braucht es Regeln, Standards und Verantwortung im Umgang mit Hilfsmitteln. Und natürlich müssen Leistungen geprüft werden. Aber Wirtschaftlichkeit darf nicht dazu führen, dass der Mensch erst nach der Kostenprüfung sichtbar wird. Wie aktuell dieses Risiko ist, zeigen die Zahlen des REHACARE Reports: Fast 60 Prozent der Befragten stimmen zu, dass Menschen mit Hilfsmittelbedarf im deutschen Gesundheitssystem primär als Kostenfaktor wahrgenommen werden, als Mensch gerade einmal 14 Prozent.
Hinter jeder Entscheidung über Versorgung steht ein Mensch, dessen Alltag unmittelbar betroffen ist. Eine abgelehnte Leistung, eine zusätzliche Nachweispflicht, eine pauschale Begrenzung oder eine lange Genehmigungsschleife sind nicht nur Verwaltungsvorgänge. Sie verändern konkrete Lebensrealitäten und führen so möglicherweise zu eingeschränkter Mobilität und Arbeitsfähigkeit, dem Abbruch sozialer Kontakte oder dem Verlust von Selbstständigkeit.
Das muss gerade in Zeiten knapper Mittel mitgedacht werden. Die entscheidende Frage ist nicht nur, was Versorgung kostet, sondern was die Menschen und die Gesellschaft verlieren, wenn sie fehlt.
Hannes Niemann ist Director REHACARE bei der Messe Düsseldorf. Die REHACARE ist eine internationale, jährliche Fachmesse für Rehabilitation, Prävention, Pflege und Inklusion.
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