Pharma-Deal zwischen UK und den USA : Ein Weckruf für Europa
Die US-Handelspolitik rund um die MFN-Doktrin wirbelt die Preisgestaltung von Medikamenten weltweit durcheinander. Die Haushalte schrumpfen weltweit, der globale Wettbewerb nimmt zu. Das US-UK Pharma-Abkommen ist eine erste, unvollkommene, aber wegweisende Antwort auf solche Herausforderungen, meinen der LSAA-Vorsitzende Rainer Westermann und der Gründer von Future of Health, Andy Wilkins, im Standpunkt.
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Im Dezember 2025 unterzeichneten das Vereinigte Königreich und die USA ein wegweisendes Handelsabkommen für den Pharmasektor. Was auf den ersten Blick wie eine einfache bilaterale Vereinbarung aussieht, ist weitaus bedeutender: ein neues Modell dafür, wie Regierungen den Patientenzugang verbessern, Investitionen im Bereich der Life Sciences anziehen und ihre Position in einer immer härter umkämpften Weltwirtschaft sichern können.
Das UK-USA-Abkommen schafft einen Rahmen für beide Staaten mit konkreten Verpflichtungen:
- eine Verdopplung der Arzneimittelausgaben in Großbritannien auf 0,6 Prozent,
- eine Deckelung der Herstellerrabatte auf 15 Prozent (zuvor ca. 27 Prozent), was die Nettopreise für diese Medikamente um 25 Prozent steigen lässt,
- im Gegenzug zollfreie Pharmaexporte von Großbritannien in die USA für drei Jahre, was jährlich schätzungsweise drei bis fünf zusätzliche Medikamentenzulassungen ermöglichen soll.
Die tiefere Bedeutung des Abkommens liegt aber im Bekenntnis Großbritanniens, Ausgaben für Medikamente als Treiber für Wirtschaftswachstum und geopolitische Stärke und nicht mehr als reinen Kostenfaktor zu sehen. Gerade im Vergleich zu Deutschland wird der Unterschied deutlich, wo die Regierung mit ihrem jüngsten Gesetz vor allem auf Kostenreduktion setzt. Beide Modelle beruhen auf grundlegend unterschiedlichen Annahmen darüber, wie Innovation im Gesundheitswesen gefördert werden kann.
Zwar ist die Vereinbarung mit zusätzlichen Ausgaben des britischen NHS für Arzneimittel verbunden – bis zu drei Milliarden Pfund pro Jahr. Wer diese Kosten trägt, ist noch ungeklärt. Doch die bittere Wahrheit ist, dass Untätigkeit noch teurer wäre. Denn ohne strukturellen Wandel drohen sich die europäischen Gesundheitskosten binnen 15 Jahren zu verdoppeln.
Was Europa daraus lernen kann
In mancherlei Hinsicht bewegt sich die EU bereits in die richtige Richtung. Mit der im Juli 2025 vorgestellten Strategie „Choose Europe for Life Sciences“ verfolgt die Europäische Kommission das Ziel, Europa bis 2030 zum weltweit attraktivsten Standort für Life Sciences zu machen.
Das sind wichtige Weichenstellungen. Doch sie laufen Gefahr, unzusammenhängende Puzzleteile zu bleiben, anstatt sich zu einem stimmigen Gesamtbild zu fügen. Um gegenzusteuern, sind einige Aspekte von besonderer Bedeutung:
1. Die Debatte um Kosten neu denken
Gesetzgeber in Europa müssen sich von der Idee verabschieden, bei der Preisgestaltung von Arzneimitteln allein die Kostenreduzierung im Blick zu haben. Großbritannien zeigt, dass eine Preisreform – gekoppelt an Handelsstrategie und Industriepolitik – das Potenzial hat, das heimische Life-Sciences-Ökosystem zu stärken. Ein solches Ziel verlangt ein durchdachtes politisches Rahmenkonzept.
2. Das Gesundheitssystem auf Innovation ausrichten
Das Tempo biotechnologischer Durchbrüche überholt derzeit die Anpassungsfähigkeit der Versorgungssysteme. Deshalb muss in die tatsächliche Versorgung investiert werden, nicht bloß in die Regulierung. Europas Gesundheitssysteme müssen sich vom alten Denkmuster verabschieden, wonach punktuell und in großen Abständen neue Präparate eingeführt werden. Stattdessen gilt es zu lernen, im Interesse der Patienten kontinuierlich eine dichte und sich rasant verändernde Innovationspipeline zu bewältigen.
3. Rahmenbedingungen schaffen, um Innovationen in Europa zu halten
Eine der bekanntesten Schwächen, nicht nur in Großbritannien, sondern in ganz Europa ist es, weltweit führende Spitzenforschung hervorzubringen, nur um dann tatenlos dabei zuzusehen, wie die gegründeten Unternehmen in andere Teile der Welt auswandern. Deutschland ist hierbei keine Ausnahme.
Dieses Phänomen geht Großbritannien mit dem Deal nun entschlossen an. Europa kann das nicht ignorieren – auch in der EU sind ein starker Schutz des geistigen Eigentums, liquide Kapitalmärkte sowie eine Gesundheitspolitik gefragt, die die Markteinführung innovativer Medikamente belohnt.
4. Den Patienten kompromisslos in den Mittelpunkt stellen
Unser Gesundheitssystem wird an einem Kriterium gemessen: Haben die Bürgerinnen und Bürger Zugang zu der medizinischen Versorgung, die sie brauchen? Jede politische Debatte über Preisschwellen, Rabatte, Zulassungsfristen und Investitionsbedingungen dreht sich im Kern um genau diese Frage. Die Patientinnen und Patienten ins Zentrum der Argumentation zu stellen, ist nicht nur moralisch richtig, sondern auch politisch klug. Denn es ist das eine Ziel, auf das sich alle Akteure einigen können.
Die Chance für den Wandel ist da
Die US-Handelspolitik rund um die „Most Favored Nation“-Doktrin wirbelt die Preisgestaltung von Medikamenten weltweit durcheinander. Gleichzeitig erzielt die Biotechnologie Durchbrüche in exponentiellem Tempo. Während durch die alternde Gesellschaft die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen ansteigt, schrumpfen gleichzeitig die öffentlichen Haushalte. Zudem verschärft sich im Life-Sciences-Sektor der Wettlauf zwischen den USA, China und Europa.
Das US-UK Pharma-Abkommen ist eine erste, unvollkommene, aber wegweisende Antwort auf diese Herausforderungen. Zwar sind Gesundheitssysteme und politische Umfelder von Land zu Land verschieden, und ein Deal wie im Vereinigten Königreich lässt sich nicht eins zu eins auf europäische Staaten oder die EU übertragen. Die zugrundeliegende Logik ist aber für alle gleich: Industriestrategie, Handelsziele und Patientenzugang müssen gemeinsam gedacht werden.
Europa hat die wissenschaftliche Exzellenz, die Talente und – wenn man ihn mobilisiert – den politischen Willen, um an der Weltspitze mitzuspielen. Deutschland kommt dabei als größter Gesundheitsmarkt Europas und einer der wichtigsten Pharmastandorte eine Schlüsselrolle zu. Das Abkommen zwischen dem UK und den USA sollte daher als Ansporn und Katalysator dienen, Gesundheitspolitik stärker als Teil einer umfassenden Innovations- und Wirtschaftsstrategie zu begreifen und nicht als bloßen Budgetposten.
Europa hat zu lange gezögert, diesen Wert zu erkennen. Gerade für Deutschland kommt diese Debatte nach der Zustimmung zum GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Welcher Ansatz letztendlich pharmazeutische Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und eine bessere Patientenversorgung fördern wird, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.
Rainer Westermann ist Vorsitzender der Life Science Acceleration Alliance in München. Andy Wilkins ist Gründer der Not-for-Profit-Organisation Future of Health und Programmleiter des Executive-Education-Kurses „Leading Systemic Innovation in Healthcare“ am Imperial College und Gastdozent am University College London.
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