Prävention : Die eigentliche Gesundheitsreform beginnt vor dem ersten Krankheitstag
Die Diskussion über Krankschreibungen ist wichtig, meint der Präventionsmediziner Hadi Saleh im Standpunkt. Sie sollte jedoch Anlass sein, Gesundheitspolitik grundsätzlicher zu denken. Wer den Krankenstand nachhaltig senken wolle, solle deshalb nicht erst über Krankschreibungen sprechen, sondern über Prävention, ist er überzeugt.
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Die Bundesregierung hat angekündigt, die Regeln für Krankschreibungen zu verschärfen. Ziel ist es, den Krankenstand zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu stärken. Bundeskanzler Friedrich Merz hat darauf hingewiesen, dass die geplanten Regelungen im Kern der Rechtslage vor der Corona-Pandemie entsprechen. Unabhängig von der konkreten Ausgestaltung wirft die Debatte eine grundsätzliche Frage auf: Wie lässt sich der Krankenstand in Deutschland nachhaltig senken?
Mich überrascht, dass wir dabei so intensiv über Krankschreibungen sprechen, aber vergleichsweise selten darüber, warum Menschen überhaupt krank werden. Genau dort liegt aus meiner Sicht der Schlüssel, wenn wir den Krankenstand nachhaltig senken wollen.
Die eigentliche Herausforderung liegt vor der Krankschreibung
Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts werden die Gesundheitsausgaben in Deutschland im Jahr 2025 auf rund 579,5 Milliarden Euro steigen – so viel wie nie zuvor. Gleichzeitig verursachten krankheitsbedingte Fehlzeiten nach Berechnungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) im Jahr 2024 einen Produktionsausfall von rund 134 Milliarden Euro sowie einen Ausfall an Bruttowertschöpfung von 227 Milliarden Euro.
Hinzu kommt der demografische Wandel. In den kommenden Jahren wird der Anteil älterer Beschäftigter weiter steigen, gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel. Gesundheit wird damit zunehmend zu einer wirtschaftlichen Ressource. Wer die Arbeits- und Innovationsfähigkeit einer alternden Gesellschaft erhalten will, muss früher ansetzen. Prävention ist deshalb nicht nur Gesundheitspolitik. Sie ist auch Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik.
Trotzdem konzentriert sich die öffentliche Debatte vor allem auf den Zeitpunkt, an dem Menschen bereits arbeitsunfähig sind. Über die Ursachen wird vergleichsweise wenig gesprochen.
Prävention ist Zukunftspolitik
In der öffentlichen Diskussion wird Prävention häufig auf Vorsorgeuntersuchungen oder individuelles Gesundheitsverhalten reduziert. Dabei greift dieses Verständnis zu kurz. Tatsächlich entscheidet Prävention mit darüber, wie leistungsfähig eine alternde Gesellschaft bleibt und wie belastbar unser Gesundheits- und Sozialsystem in Zukunft sein wird.
Ein modernes Gesundheitssystem sollte seinen Erfolg deshalb nicht nur daran messen, wie gut es Krankheiten behandelt. Es sollte sich ebenso daran messen lassen, wie erfolgreich es Menschen dabei unterstützt, möglichst lange gesund zu bleiben.
Ob Menschen bis ins Alter gesund bleiben, entscheidet sich nicht erst im Gesundheitswesen, sondern vielfach im Alltag, in der Schule, am Arbeitsplatz und im persönlichen Lebensumfeld. Genau dort liegen die größten Chancen für wirksame Prävention. Gesundheitskompetenz sollte deshalb bereits in der Schule vermittelt werden. Unternehmen brauchen bessere Rahmenbedingungen, um die Gesundheit ihrer Beschäftigten nachhaltig zu fördern. Betriebliche Prävention ist keine freiwillige Zusatzleistung, sondern eine Investition in Produktivität, Fachkräftesicherung und wirtschaftliche Stabilität.
Moderne Medizin eröffnet neue Möglichkeiten
Hinzu kommen neue technologische Möglichkeiten. Der verantwortungsvolle Einsatz moderner Diagnostik, von Gesundheitsdaten und Künstlicher Intelligenz kann helfen, individuelle Gesundheitsrisiken früher zu erkennen und Präventionsmaßnahmen gezielter einzusetzen – immer dort, wo ihr Nutzen wissenschaftlich belegt ist und Datenschutz sowie ärztliche Verantwortung gewährleistet bleiben.
Technologie ersetzt dabei nicht den Arzt. Sie unterstützt ihn dabei, Risiken früher zu erkennen und fundiertere Entscheidungen zu treffen.
Gesundheit erhalten statt Krankheit verwalten
Der aktuelle Gesundheitsreport des BKK-Dachverbands zeigt, dass insbesondere lang andauernde Erkrankungen, vor allem psychische Erkrankungen sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen, einen erheblichen Anteil der krankheitsbedingten Fehlzeiten und ihrer volkswirtschaftlichen Folgen verursachen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Eigenverantwortung gegen staatliche Verantwortung auszuspielen. Prävention gelingt nur im Zusammenspiel aller Beteiligten: Politik schafft die Rahmenbedingungen, Schulen vermitteln Gesundheitskompetenz, Unternehmen fördern gesundes Arbeiten und das Gesundheitssystem erkennt Risiken frühzeitig und begleitet Menschen evidenzbasiert. Erst dieses Zusammenspiel macht Prävention wirksam.
BStabG: Kostenbegrenzung reicht langfristig nicht
Die nun von Bundestag und Bundesrat verabschiedete Gesundheitsreform zeigt, wie groß der Handlungsdruck inzwischen ist. Sie setzt vor allem bei der Finanzierung des Gesundheitssystems an und soll dessen Stabilität sichern. Das ist nachvollziehbar. Langfristig wird es jedoch nicht ausreichen, steigende Kosten allein durch finanzielle oder organisatorische Maßnahmen zu begrenzen. Entscheidend wird sein, Krankheiten früher zu erkennen, ihre Entstehung möglichst zu verhindern und Prävention konsequent als Investition in Gesundheit zu verstehen. Genau hier können moderne Diagnostik, Gesundheitsdaten und Künstliche Intelligenz einen entscheidenden Beitrag leisten.
Die Diskussion über Krankschreibungen ist wichtig. Sie sollte jedoch Anlass sein, Gesundheitspolitik grundsätzlicher zu denken. Wer den Krankenstand nachhaltig senken will, sollte deshalb nicht erst über Krankschreibungen sprechen, sondern über Prävention. Denn die eigentliche Gesundheitsreform beginnt lange vor dem ersten Krankheitstag.
Dr. Hadi Saleh ist Präventionsmediziner, Unternehmer, Buchautor und Podcaster.
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