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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Medizinstudium: Auch ein Fall für die Privatwirtschaft

 ZAVA-Beirat Franz Bartmann
ZAVA-Beirat Franz Bartmann Foto: ZAVA

Digitale Medizin findet bislang keinen Einzug in die offiziellen Lehrinhalte für künftige Ärzte. Die Lücke kann im Zusammenspiel von Fakultäten, engagierten Studenten und Unternehmen gefüllt werden. Diesen kooperativen Ansatz, der bereits früher medizinische Paradigmenwechsel zum Erfolg geführt hat, beschreibt ZAVA-Beirat Franz Bartmann.

von Franz Bartmann

veröffentlicht am 05.05.2022

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Nicht nur, aber vor allem auch beim Gesundheitssystem gilt Deutschland im internationalen Vergleich als digitales Entwicklungsland. Dieser gängige Befund deckt sich auch mit den aktuell verbindlichen Themen für die ärztliche Aus- und Weiterbildung: Sowohl in der aktuellen Fassung des Lernzielkatalogs für das Medizinstudium (NKLM 2.0) als auch in den Weiterbildungsordnungen der Ärztekammern sucht man vergebens nach einer Thematisierung zukunftsweisender digital unterstützter Behandlungsformen.

Bestenfalls bilden beide Curricula den jeweils aktuellen Stand von Versorgungsgeschehen und Rollenmuster des Arztberufes ab. Tatsächlich hinken sie jedoch wegen der langen Entwicklungs- und Umsetzungszeiten dem tatsächlichen Wissens- und Handlungsstand fast regelhaft hinterher. Ein krasser Gegensatz zu der Vorstellung, dass sich durch das Nachrücken von Digital Natives in die Hörsäle automatisch der nötige Innovationsschub für unser Gesundheitssystem einstellen würde.

Der Kenntnisstand ist gering

Also werden die kommenden Arztgenerationen beim Eintritt in die Praxis von erfahrenen Ausbildern und Kollegen in Sachen Digitalisierung und innovativen Behandlungsoptionen auf den neuesten Stand gebracht? Das darf nach den Ergebnissen des Digitalisierungsreports 2021, für den die DAK über 500 Ärztinnen und Ärzte befragt hat, bezweifelt werden. Fast die Hälfte der Befragten fühlt sich mit der Nutzung digitaler Anwendungen überfordert – sowohl in Kliniken als auch im ambulanten Bereich. Ein Großteil der Befragten kennt zwar wichtige digitale Gesundheitslösungen, hat sie jedoch noch nicht eingesetzt.

Hier drängt sich der Eindruck auf, dass ein Großteil der Ärzteschaft das Wort Disruption wörtlich nimmt, sprich als primär störend und Unterbrechung eingeführter und gewohnter Arbeitsabläufe. Die Reibung, die durch Veränderung zwingend entsteht, wird stärker wahrgenommen und gewichtet als die Aussicht auf künftige Arbeitserleichterung und Verbesserung der medizinischen Versorgung.

Privatwirtschaft füllt die digitale Lücke

Doch es gibt auch Licht: Die freien Lehrinhalte, die den Ausbildungsstätten außerhalb des NKLM zugestanden werden, umfassen an zahlreichen medizinischen Fakultäten bereits digital unterstützte Medizinformate. Es ist zu erwarten, dass sich ihr Anteil wegen großer Resonanz unter den Studierenden so weit erhöhen wird, bis sie automatisch zum obligaten Lehrbestandteil werden.

Parallel dazu etablieren sich darüber hinaus außeruniversitäre Angebote. Die Privatwirtschaft beginnt, die digitale Lücke in der Medizinerausbildung zu füllen. Unternehmen können beim Nachwuchs mit der Aussicht auf praktische Digital-Erfahrung am Ort des Geschehens punkten. Das hat sich schon bei vorigen paradigmatischen Veränderungsprozessen im Fach, wie zum Beispiel dem Übergang von der Chirurgie der „großen Schnitte“ zur mikroinvasiven Präzisionschirurgie, bewährt: Damals war es gerade die haptische Erfahrbarkeit, die für Akzeptanz beim Veränderungsprozess sorgte. Die einschlägige Zulieferungsindustrie war daran durch großzügige Fortbildungsangebote an eigenen Fortbildungszentren oder in kooperierenden Referenzkliniken zentral beteiligt. Sie profitierte im Gegenzug auch von dem direkten Feedback und den Verbesserungsvorschlägen der Kursteilnehmer.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, was zeigt: Grundlegende Innovationen, zumal solche mit disruptivem Charakter, setzen Engagement aller Marktteilnehmer voraus. Darüber hinaus macht es Sinn, bereits bei der Entwicklung zukunftsweisender Produkte den Nachwuchs einzubinden. Schließlich sind es diejenigen, die später damit arbeiten müssen und deren Blick noch nicht durch strukturkonsistente tradierte Vorgehens- und Verhaltensweisen geprägt ist. Obligate Curricula im Rahmen der strukturierten Aus- und Weiterbildung sind dann Folge und nicht die Voraussetzung gelebter Innovation.

Dr. Franz Bartmann ist medizinischer Beirat des Telemedizin-Anbieters ZAVA. Von 2001 bis September 2018 war er Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Als Vorsitzender des Ausschusses Telematik der Bundesärztekammer war er zudem für das Themengebiet Telematik und Telemedizin verantwortlich.

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