Erwartungseffekte in der Medizin : Empathische Kommunikation auf Augenhöhe
Längst ist bekannt, dass Erwartungen systematisch genutzt werden können, um medizinische Behandlungen – ob medikamentös oder operativ – zu verbessern, schreiben die Professor:innen Ulrike Bingel und Sven Benson vom Uniklinikum Essen im Standpunkt. Zentraler Einflussfaktor sei die erfolgreiche Kommunikation zwischen Therapeut und Patient, weshalb sie an Entscheidungsträger appellieren, Kommunikation und Kontextfaktoren in der Medizin stärker zu berücksichtigen.
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Trotz ihrer empirisch belegten klinischen Wirkung werden Placebo-Effekte in unserem Gesundheitssystem kaum genutzt. Obwohl Erwartungen von Patienten und Patientinnen als treibende Kraft von Placebo-Effekten jede medizinische Behandlung begleiten, wird der oftmals gravierende Einfluss, den diese Erwartungen auf medizinische Behandlungen haben, zu wenig beachtet. Sie werden als zufälliges „Beiwerk“ oder sogar „Störgröße“ im Symptomverlauf negiert. Dabei ist die Macht der Erwartung groß: Positive Erwartungen können Symptome lindern und die Wirksamkeit von Therapien steigern. Negative Erwartungen können Symptome verstärken, Nebenwirkungen auslösen und die Wirksamkeit von Medikamenten reduzieren. Die Kosten dieser Nocebo-Effekte, des negativen Pendants der Placebo-Effekte, sind sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft groß.
Wie viele Tabletten landen im Müll, weil Patienten den Nutzen nicht sehen oder Angst vor Nebenwirkungen haben? Wie viele von Patienten abgebrochene Behandlungen könnte man mit guter Kommunikation aufrechterhalten – zum Nutzen der Erkrankten? Zahlreiche Arztwechsel und Untersuchungen blieben sowohl Betroffenen als auch dem Gesundheitssystem erspart.
Umfangreiches Wissen über Placebo- und Nocebo-Effekte
Dabei ist längst bekannt, dass Erwartungen systematisch genutzt werden können, um medizinische Behandlungen – ob medikamentös oder operativ – zu verbessern: Zentraler Einflussfaktor ist die erfolgreiche Kommunikation zwischen Therapeut und Patient. Eine gute, verständliche und patientenzentrierte Information über Symptome, Erkrankungen und Therapien sind Schlüssel, um Placeboeffekte zu fördern und – leider in der Medizin allgegenwärtige – Nocebo-Effekte zu minimieren. Gerade bei Patienten mit chronischen Erkrankungen ist eine personalisierte, empathische Kommunikation, die auch die Vorgeschichte eines Patienten einbezieht, zeitintensiv. In den durchschnittlich sieben Minuten eines Arztgesprächs ist dies nicht zu bewerkstelligen.
Es ist an der Zeit, Gesundheit und unser medizinisches System neu zu denken. Wir appellieren an Entscheidungsträger, einen Paradigmenwechsel zu initiieren, sodass Kommunikation und Kontextfaktoren in der Medizin stärker berücksichtigt werden. Die zentrale Bedeutung des ärztlichen Gesprächs und qualifizierter Gesundheitsinformation durch medizinisches Personal ist nicht angemessen im Vergütungssystem der Krankenkassen abgebildet. Das muss sich ändern!
Mehr über die Bedeutung der Erwartungseffekte zu wissen, ist für alle Beteiligten von Nutzen: Für Mitarbeitende im Gesundheitswesen, Medizinische Fachangestellte, Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Ärzte, Apotheker und einfach alle, die mit Patienten arbeiten und kommunizieren. Ebenso sollten wir alle auch als Patienten den positiven Wert von Placebo-Effekten anerkennen und uns um eine positive Erwartungshaltung bemühen. Noch wichtiger ist es, den Nocebo-Effekt zu kennen und zu mindern. Ängste nach Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen ohne die begleitende Einordnung von Auftretenswahrscheinlichkeit und Nutzen können dazu führen, dass Medikamente schlechter wirken und häufiger Nebenwirkungen auftreten. Auch Desinformation aus den Sozialen Medien und Widersprüchliches aus dem Internet können sich negativ auswirken.
Kommunikative Kompetenz in Aus- und Weiterbildung stärken
Welchen Einfluss kann eine achtlose negative Bemerkung auf den Genesungsverlauf haben? Wie lässt sich die Wirksamkeit und Verträglichkeit einer Verordnung steigern? Wie kann man über Ziele und Risiken einer Behandlung informieren ,dabei gleichsam mit einer informierten Entscheidungsfindung die Patientenautonomie im Sinne des „shared decision making“ wahren? Dieses Wissen und diese Kompetenzen müssen in den Aus- und Weiterbildungsordnungen berücksichtigt und ein entsprechendes Angebot geschaffen werden. Erste positive Entwicklungen gibt es schon, zum Beispiel mit dem Entwurf zum Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NLKM) für angehende Mediziner. Gezielte Schulungen und Informationskampagnen können helfen, eine größere Aufmerksamkeit für Zusammenhänge zwischen Erwartungen, Gesundheitszustand und Therapieerfolg zu schaffen.
Gerade für die Arbeit mit Patienten sind neben Fachkompetenz soziale Kompetenzen von grundlegender Bedeutung. Angesichts der schnellen technologischen Entwicklungen und Begeisterung für die damit verbundenen Möglichkeiten in der Diagnostik und Therapie mag vor einigen Jahrzehnten die Bedeutung der Kommunikation in den Hintergrund getreten sein. Inzwischen ist deutlich geworden, dass auch die teuerste Medizintechnik, eine hochpersonalisierte Tumortherapie und hochwirksame Impfstoffe ihren großen Nutzen erst dann bestmöglich entfalten können, wenn diese patientenorientiert eingesetzt werden. Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen der Patienten sollten berücksichtigt und so Erwartungseffekte systematisch einbezogen werden.
Mehr Forschung, um offene Fragen zu beantworten
Noch wissen wir nicht genügend über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Wirkung von Erwartungseffekten bei Frauen, Männern, Kindern und Älteren. Wie können wir die situations- und kontextabhängige Varianz erklären? Summieren sich Erwartungs- und Medikamenteneffekt zu einer Gesamtwirkung oder stehen diese in einer komplexeren interaktiven Beziehung? Wie können wir Erwartungsmechanismen im Sinne einer personalisierten individuell zugeschnittenen Weise nutzen, um Behandlungen wirksamer und verträglicher zu machen? Wie können digitale Interventionen (von der App bis zum Fitnesstracker) und sogar die Künstliche Intelligenz die Arzt-Patienten-Kommunikation unterstützen? Wie lassen sich diese gewinnbringend einsetzen, um Wirkung und Therapieerfolge zu illustrieren, Motivation und Erwartungen zu optimieren und, um mehr Zeit für Gespräche zu schaffen? Lassen sich so synergistische Effekte mit der spezifischen Wirkung einer Behandlung schaffen?
Die offenen Fragen zeigen, dass noch Forschung zur Wirkung von Erwartungen und zur optimalen Kommunikation im Gesundheitsbereich nötig ist. Trotz aller offenen Fragen ist bereits klar: Kommunikation wirkt. Im Positiven wie im Negativen. Das Wissen darum und die Bereitschaft, die eigene Kommunikation mit Patienten immer wieder zu reflektieren und zu optimieren, sind ein wichtiger Beitrag, um unsere gute medizinische Versorgung noch besser zu machen. Politik und Kostenträger sind gefragt, hierfür optimale Voraussetzungen zu schaffen.
Ulrike Bingel ist Professorin für Neurologie mit einem Schwerpunkt Erforschung von Erwartungseffekten am Universitätsklinikum Essen und Sprecherin des Sonderforschungsbereichs „Treatment Expectation“ – gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Sven Benson ist Psychologe, Professor für Didaktik in der Medizin am Universitätsklinikum Essen und Projektleiter im Sonderforschungsbereich „Treatment Expectation".
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