Innovationsprojekte : Gute Versorgung darf kein Zufall sein

Marcel Weigand
Marcel Weigand ist Moderator, Berater und Podcast-Host Foto: privat

Viele gute Lösungen enden mit der Projektlaufzeit oder an der Kreisgrenze, kritisiert Marcel Weigand im Standpunkt. Auch bei Empfehlung zur Überführung in die Regelversorgung erfolge dieser entscheidende Schritt aber in den seltensten Fällen. Das hat Nachteile für die Versorgung. Was es nun braucht.

von Marcel Weigand, Digitalexperte und freier Berater

veröffentlicht am

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„Das gibt es doch schon!“ Dieser Einruf aus dem Publikum prägte eine der spannendsten Diskussionen meiner letzten Moderation. Es ging um ein digitales Planungstool für Kommunen, seit 2022 bundesweit verfügbar und wie ein Baukasten aufgebaut. Der Einruf traf den wunden Punkt meiner Frage an das Podium: Muss jede der knapp 11.000 Kommunen das Rad neu erfinden, wenn sie Gesundheitsförderung und Prävention vor Ort gestalten will?

Die ernüchternde Antwort: meistens ja. Das hat System. Es mangelt uns nicht an Projekten und Innovationen. Wir schaffen einfach nicht den Transfer in die Versorgung.

Beeindruckende Beispiele gibt es überall. Auf Amrum suchten drei Inselgemeinden seit 2021 eine Nachfolge für eine nicht mehr besetzte Hausarztpraxis. Seit Juli 2025 betreiben sie gemeinsam ein kommunales MVZ mit mehreren Trägerkommunen. In der Altmark fehlt jeder zweite Augenarzt. In Salzwedel untersuchen deshalb seit 2024 MFA und Optiker vor Ort und die angeschlossenen Augenärzte behandeln telemedizinisch aus der Ferne. Es ist ein Modellprojekt mit Akteuren vor Ort und der KV Sachsen-Anhalt, das das Land bis Ende 2026 finanziert.

Wie schaffen wir es, dass im nächsten oder übernächsten Landkreis, wo keine Augenarztpraxis mehr besetzt werden kann, nicht wieder bei Null angefangen wird? Indem das genutzt wird, was anderswo schon aufgebaut und erprobt wurde. Denn im Kern sind die meisten Projekte übertragbar: Gemeinden teilen sich die Trägerschaft. Fachkräfte untersuchen vor Ort, Ärzte befunden aus der Ferne.

Projektzeit und Verantwortungsdiffusion als Versorgungsprinzip

Viele gute Lösungen enden mit der Projektlaufzeit oder an der Kreisgrenze. Angesichts des demografischen Wandels und leerer Kassen können wir uns das nicht mehr leisten. Zwei Beispiele:

Ersthelfer-Apps sind eine geniale Idee, um schnell Erste Hilfe vor Ort zu ermöglichen. Aber viele Regionen nutzen ihre eigenen Systeme, wodurch es zahllose Brüche an Kreisgrenzen gibt. Der Marburger Bund Niedersachsen fordert Schnittstellen, die nachträglich gebaut werden müssten. Ein gutes Beispiel, das zeigt, dass Skalierung und Transfer bei jedem Projekt in die Grundkonzeption gehören.

Der Innovationsfonds hat seit 2016 mit rund 1,4 Milliarden Euro rund 270 neue Versorgungsformen gefördert. Keine einzige neue Versorgungsform ist im bundesweiten Leistungskatalog. Dabei haben mehrere Projekte schon seit Jahren die Empfehlung zur Überführung in die Regelversorgung. Die erfolgreich abgeschlossenen Projekte suchen verzweifelt nach den richtigen Adressaten. Was sie vorfinden, ist vor allem Verantwortungsdiffusion und Schweigen. Nicht einmal jede zehnte Anfrage an das Bundesministerium für Gesundheit zu empfohlenen Projekten wurde öffentlich beantwortet. Der GKV-Spitzenverband antwortete auf acht Anfragen ein einziges Mal, die Bundesärztekammer gar nicht.

Was sich übertragen lässt und was nicht

Gegen Standardisierung kommt oft das Argument: „Unsere Region ist ja so anders.“ Wirklich? Wer ein telemedizinisches Angebot aufsetzt, steht fast überall vor denselben Fragen. Es geht nicht darum, stumpf ein Modell 1:1 zu kopieren, sondern seinen Kern, angepasst an Bedarf, Personal, Wege und Strukturen vor Ort.

Ein Blick ins Ausland hilft. In England setzt der NHS seit 2013 auf regionale Netzwerke mit nationaler Verbindung. Die Hürden dort kommen uns bekannt vor: Fragmentierung, fehlende Koordination, falsche Anreize, „Pilotitis“ eben. Kanada ist wie wir föderal organisiert und hat Healthcare Excellence Canada geschaffen: einen neutralen Vermittler, der erprobte Lösungen findet, verbreitet und skaliert.

Auch bei uns gibt es einige Ansätze, die Vernetzung und Sichtbarkeit von Versorgungsprojekten regional herstellen, wie etwa die GesundheitsregionenPlus in Bayern oder zukOST im Osten.

Allianz für nachhaltige und innovative Versorgung

Wir müssen die vielen funktionierenden Werkzeuge in einen Werkzeugkasten legen und für die Regionen damit nutzbar machen. Drei Prinzipien:

  1. Transparenz: Bestehende Initiativen und Projekte sichtbar und auffindbar machen.
  2. Andocken: an bestehende regionale Netzwerke, statt neue zu bauen.
  3. Bottom-up: Regionen entscheiden selbst, können aber auf erprobte Blaupausen und Erfahrung zurückgreifen.

Wie könnte das aussehen?

Eine kleine, neutrale Koordinationsstelle betreibt und vernetzt den Werkzeugkasten. Sie baut keine Parallelstruktur auf, sondern bietet Erfahrung, Blaupausen und Vernetzung an und nutzt die regionalen Strukturen und Netzwerke als Knoten. Aufgenommen wird, was sich bewährt hat: was läuft und angenommen wird. Kommunen oder andere Institutionen, die ihre Versorgung verbessern möchten, starten somit nicht bei Null und nicht allein. Unterstützt wird die Anpassung von bereits funktionierenden Versorgungslösungen vor Ort und nicht der nächste Pilot. Finanzieren ließe sich die Koordination aus dem Innovationsfonds. Schon ein Prozent der jährlichen Fördersumme würde dafür reichen. Das wäre ein kleiner Preis dafür, dass öffentlich geförderte Modellprojekte und die aus der Not und mit viel Eigenengagement vor Ort geborenen Versorgungslösungen endlich in der Versorgung ankommen.

Was also tun? Anfangen und machen. Mit einem Kick-off, bei dem regionale Netzwerke, Kassen, KVen, Kommunen, Länder und Förderer an einem Tisch sitzen und dafür sorgen, dass innovative Lösungen nicht im Förderdatenbankennirwana verschwinden. Gesundheitsstadt Berlin, das Netzwerk für Berlin-Brandenburg, wäre eine ideale Plattform für den Auftakt.

Den größten Respekt erweisen wir den engagierten Ärztinnen, Pflegenden und anderen Health Professionals, die innovative Versorgungsprojekte aufgebaut haben, nicht mit dem nächsten Förderpreis. Sondern indem wir ihre Lösungen bekannt und für andere dauerhaft nutzbar machen.

Hören wir endlich auf, das Rad 11.000 Mal neu zu erfinden. Alle Akteure sind eingeladen, sich dieser Allianz anzuschließen.

Marcel Weigand ist Moderator, Berater und Host des Podcasts „Mit Daten heilen“ und hat an mehreren Förderprojekten mitgewirkt.

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