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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Mit Digitalisierung zu personalisierter Medizin

Gerald Huber, Executive Advisor bei Digital Health Systems und Consultant der Digital Health- und eHealth-Branche
Gerald Huber, Executive Advisor bei Digital Health Systems und Consultant der Digital Health- und eHealth-Branche Foto: Ute Huber

Für die individuelle Behandlung von Patient:innen könnte die Digitalisierung einen großen Mehrwert bieten, schreibt Gerald Huber in seinem Standpunkt. Er fordert eine zügigere Modernisierung des Gesundheitswesens, um mehr Sicherheit und eine bessere Behandlung für Patient:innen zu bieten.

von Gerald Huber

veröffentlicht am 07.07.2022

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Jeder Mensch wünscht sich im Krankheitsfall eine optimale und auf seine Bedürfnisse abgestimmte Therapie, um möglichst schnell zu genesen. Die Realität sieht allerdings anders aus, denn nach wie vor stehen in erster Linie Standardbehandlungen zur Verfügung, die sich nur begrenzt anpassen lassen und dem individuellen Gesundheitszustand einzelner Patient:innen nicht gerecht werden. Vor dem Hintergrund, dass sich beispielsweise jeder Stoffwechsel unterscheidet oder genetische Vorbelastungen einen Einfluss auf die medizinische Behandlung haben, wird deutlich: wir brauchen eine personalisierte Medizin – und dafür wiederum ein digitalisiertes Gesundheitswesen.

Mehr Sicherheit durch Individualisierung

Im Bereich der personalisierten Medizin bietet gerade der innovative E-Health-Markt wesentliche Anwendungsbereiche. Zunächst kann er zu einer besseren Medikation der Patient:innen führen. Allein in Deutschland werden jedes Jahr mehr als eine halbe Million Menschen aufgrund falsch verschriebener oder falsch dosierter Medikamente ins Krankenhaus eingeliefert. Jährlich sterben über 50.000 Menschen an den Folgen einer Fehlmedikation. Digitale Anwendungen können helfen, mit einer auf jede:n einzelne:n Patient:in abgestimmten Therapie die Anwendung, Dosierung und Wirkung von Arzneimitteln deutlich zu verbessern – und damit Leben retten.

Ein Beispiel ist die individuelle Dosierung von Medikamenten. Es liegt auf der Hand, dass eine Frau mit 50 Kilogramm Körpergewicht und ein Mann, der 150 Kilogramm auf die Waage bringt, eine unterschiedliche Menge des Wirkstoffes benötigen. Die Dosierung hängt von diversen Aspekten ab – darunter Alter, Geschlecht, Körpergewicht, der Zustand von Leber und Nieren, aber auch Vorerkrankungen und die Vitalparameter der Patienten. All diese Faktoren werden bei der herkömmlichen Verabreichung von Medikamenten nicht in ausreichendem Detail beachtet. Hierzu bieten 2D- oder 3D-Druckverfahren die Möglichkeit, Arzneimittel mit der jeweilig optimalen Dosis für die:den Patient:in herzustellen. Beim digitalen Druck personalisierter Arzneimittel können zudem mehrere Arzneistoffe in nur einer Tablette verarbeitet werden, sofern diese keine negativen Wechselwirkungen eingehen. Dadurch reduziert sich für die Patient:innen die Zahl einzunehmender Medikamente. Die Patientensicherheit wird erhöht.

Eine weitere relevante Entwicklung, wenn man bedenkt, dass allein in Deutschland mehr als zehn Millionen Einwohner:innen über zehn Tabletten pro Tag einnehmen müssen. Auch auf die Umwelt hat die personalisierte Medizin einen positiven Effekt: Bei der Behandlung mit herkömmlichen Medikamenten werden ca. 50 Prozent der Arzneimittel gar nicht von Patient:innen eingenommen und landen letztlich in der Umwelt. Durch die patientenindividuelle Herstellung von Medikamenten wird das Wegwerfen von ungenutzten Arzneimittel verhindert und die Adhärenz der Patient:innen verbessert. Da die Tabletten in der Regel auch kleiner sind, fallen zudem auch geringere Mengen CO2 für Transport und Lagerung an.

Bessere Behandlungsqualität dank Künstlicher Intelligenz

Das zweite Anwendungsgebiet, in dem digitale Lösungen eine Personalisierung der Medizin vorantreiben, ist die sogenannte „Pharmacovigilance“. Damit ist die laufende Überwachung eines Arzneimittels gemeint. Das System der Arzneimittelsicherheit trägt dazu bei, Qualitätsmängel zu entdecken und Informationen über Risiken schnellstmöglich weiterzugeben, sodass das Arzneimittel bei Bedarf aus dem Umlauf genommen werden kann. Mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) kann die Behandlungsqualität in diesem Gebiet, sowie im Bereich von Dosis-Wirkungsbeziehungen von Therapien deutlich verbessert werden.

Zuletzt hat eine auf Patient:innen abgestimmte personalisierte Medikamentengabe auch einen Einfluss auf die Nachhaltigkeit. Bei der Behandlung mit herkömmlichen Medikamenten werden ca. 50 Prozent der Arzneimittel gar nicht von Patienten eingenommen und landen letztlich in der Umwelt. Bei der Personalisierten Medizin ist die Adhärenz der Patienten verbessert und durch die patientenindividuelle Herstellung landen auch weniger der Medikamente in der Umwelt. Da die Tabletten in der Regel auch kleiner sind, fallen zudem auch geringere Mengen CO2 für Transport- und Lagerung an

Viele Davids, viele Goliaths

Die Chancen, die ein digitales Gesundheitswesen mit sich bringt, sind also immens. Gerade HealthTech-Start-ups und junge Unternehmen könnten mit ihren innovativen Ideen die Weichen für eine funktioniere und vor allem den Patient:innen angepasste medizinische Versorgung stellen – wenn alle Akteure an einem Strang ziehen würden. Bisher stehen Ärzt:innen, Apothekerverbände und Pharmakonzerne der digitalen Transformation jedoch mitunter kritisch gegenüber. Apotheker:innen fürchten um einen Rückgang der Kund:innen, wenn diese vermehrt online nach Lösungen suchen. Hier fehlt transparente Kommunikation und Zusammenarbeit.

Und wegen der Pannen bei der Einführung von E-Rezept und elektronischer Patientenakte fordern Mediziner:innen erst im November letztes Jahr auf dem Ärztetag eine Digitalisierungspause. Währenddessen hält die Politik zwar hohe Ambitionen im Koalitionsvertrag fest, eindeutige Leitlinien für die Digitalisierung des Gesundheitswesens und telemedizinische Dienste bleiben aber noch aus oder sind eine Grauzone. Letztere machen sich auch die großen Pharmakonzerne zu Nutze und erdrücken HealthTech-Start-ups mit juristischem Papierkram. Die Skepsis führt dazu, dass die Akteure nicht miteinander, sondern zum Teil gegeneinander arbeiten und Veränderung blockieren. Ein digitales Gesundheitswesen muss Ärzt:innen, Apotheker:innen und Patient:innen verbinden und die analoge Medizin mit dem neuen, digitalen Angebot vernetzen.

Letztendlich ist es nicht schwer die Frage zu beantworten, weshalb Digitalisierung und Personalisierung im Gesundheitswesen von essenzieller Bedeutung sind: sie dienen der bestmöglichen Versorgung der Patient:innen. Umso wichtiger ist es, dass allen Entscheidungsträger:innen bewusst wird, wie wichtig die digitale Entwicklung im Gesundheitswesen ist. Dem politischen guten Willen müssen daher auch Taten folgen – unter Einbezug der alten und der neuen Gesundheitswelt. Es braucht Leitlinien für digitale Angebote, die sie als das aufblühen lassen, was sie sind: eine Ergänzung des analogen Gesundheitssystems. Auch auf Seiten der alteingesessenen Beteiligten, wie Ärzt:innen und Pharmakonzernen, brauchen wir einen Bewegungswillen.

Ein „so haben wir das immer schon gemacht“ ist nicht im Sinne der Patient:innen und wird nicht funktionieren. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen kommt so oder so. Die Frage ist nur, ob wir damit so lange warten, bis die großen US-Player wie Google oder Apple uns unsere eigene medizinische Expertise streitig machen.

Gerald Huber ist Executive Advisor bei der Digital Health Systems GmbH und Consultant der Digital Health- und eHealth-Branche.

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