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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Mit langfristigen COVID-19-Folgen auseinandersetzen

Sigal Atzmon, Gründerin und Präsidentin von Medix Global
Sigal Atzmon, Gründerin und Präsidentin von Medix Global Foto: Medix Global

Untersuchungen deuten darauf hin, dass selbst leichte COVID-19 Infektionen langfristige kardiovaskuläre Risiken mit sich bringen. Dies bedeutet, dass wir in Zukunft nicht nur mit der Möglichkeit einer Infektion, sondern auch mit längerfristigen gesundheitlichen Folgen daraus leben müssen.

von Sigal Atzmon

veröffentlicht am 27.04.2022

aktualisiert am 22.07.2022

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Wir haben alle schon viel über Long COVID gehört. Wir verbinden damit eine Reihe von anhaltenden Symptomen nach einer Infektion mit COVID-19, die von Müdigkeit bis zu Atemnot reichen. Jüngste Erkenntnisse aus den USA weisen jedoch darauf hin, dass es eine weitere, noch wenig bekannte Folge einer COVID-19-Infektion gibt: Eine Häufung von kardiovaskulären Erkrankungen. Mit dieser Erkenntnis muss man sich auch in Deutschland auseinandersetzen, damit das Gesundheitssystem des Landes in der Lage ist, darauf entsprechend zu reagieren.

Seit Beginn der Pandemie ist klar, dass COVID-19 sowohl eine Gefäßerkrankung als auch eine Lungenerkrankung ist. Die durch das Virus verursachte Entzündung kann das Herz und die Fähigkeit des Körpers, Blut und Sauerstoff zu den wichtigsten Organen zu transportieren, beeinträchtigen.

Bis zur Veröffentlichung von Forschungsergebnissen im Magazin „Nature Medicine“ im Februar dieses Jahres wussten wir jedoch nicht, wie langfristig diese Schäden sein könnten. Leider sind die Ergebnisse gravierender, als es die Wissenschaftler, die die Studie an der Washington University School of Medicine in St. Louis durchführten, erwartet hatten.

Signifikanter Anstieg des Risikos für kardiovaskuläre Erkrankungen

Ihre Untersuchung basierte auf einem großen Datensatz von 153.760 US-Militärveteranen, die sich zwischen März 2020 und Januar 2021 mit COVID-19 infiziert hatten – also bevor die Impfung verfügbar war. Diese Gruppe wurde mit über fünf Millionen Veteranen verglichen, bei denen im gleichen Zeitraum keine COVID-19-Diagnose gestellt wurde, sowie mit einer zweiten Kontrollgruppe aus dem Jahr 2017, die ebenfalls fünf Millionen Veteranen umfasste.

Die Wissenschaftler stellten einen signifikanten Anstieg des Risikos für kardiovaskuläre Erkrankungen fest – ein Anstieg um 63 Prozent bzw. 45 Personen pro 1000 Fälle. Das erhöhte Risiko für einen Schlaganfall lag bei 52 Prozent und für eine Herzinsuffizienz bei 72 Prozent.

Diese Zahlen beziehen sich auf alle Veteranen mit COVID-19-Infektion, unabhängig davon, wie leicht oder schwer die ursprüngliche Infektion war und ob bei der Person ein Risikofaktor zugrunde lag oder nicht. Die Daten wurden auch nach Alter, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit bereinigt, da die Veteranengruppe überwiegend über 60 Jahre alt, männlich und weiß war.

Eine weitere Untersuchung aus den USA verdeutlicht, wie sich das Problem auswirkt. Im Februar meldete eine Behörde des US-Gesundheitsministeriums, die „Centers for Disease Control and Prevention“, dass seit Beginn der Pandemie 30.000 Menschen mehr an koronaren Herzkrankheiten und 62.000 mehr an hypertensiven Herzkrankheiten gestorben sind als im Durchschnitt üblich.

Diese Todesfälle wurden nicht direkt mit COVID-19 in Verbindung gebracht. Aber es ist zu vermuten, dass einige damit zusammenhängen.

Wie sieht die Datenlage in Deutschland aus?

Aus Zahlen des Statistischen Bundesamts geht hervor, dass die Gesamtzahl der Sterbefälle im Jahr 2020 um 4,9 Prozent auf 985.572 gestiegen ist. Auch in diesem Jahr waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit einem Anteil von 34 Prozent die häufigste Todesursache im Land.

Der Prozentsatz an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Todesursache nimmt konstant zu, was zum Teil auf die alternde Gesellschaft zurückzuführen ist. Die Sterblichkeitsrate bei koronaren Herzkrankheiten ist seit 2009 um 9,5 Prozent gestiegen.

Bis Mitte März 2022 gab es offiziell 18,81 Millionen COVID-19-Infektionen in Deutschland. Wir wissen jedoch, dass die tatsächliche Zahl unter der Gesamtbevölkerung viel höher ist. Was bedeutet dies? Es entsteht eine erhebliche, zusätzliche Anzahl an Erkrankungen. Dies nicht nur aktuell während der Pandemie, sondern auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten, wenn das Virus endemisch sein wird.

Größerer Risikofaktor als Rauchen und Fettleibigkeit?

Jetzt müssen wir uns darüber bewusst werden, dass COVID-19 nicht nur ein zusätzlicher Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein könnte, sondern sogar einen noch größeren Einfluss haben könnte als Fettleibigkeit und Rauchen. Dies gilt für alle Altersgruppen. Auch bei jungen Menschen mit einem leichten Verlauf einer COVID-19 Infektion könnten durchaus Schäden vorhanden sein, die sie (noch) nicht sehen.

Ein weiterer besorgniserregender Fakt ist der chronische Verlauf von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dies hat Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme, die Wirtschaft und die Gesellschaft im Allgemeinen. Chronische Krankheiten stellen zweifelsohne eine Belastung für die Gesundheitssysteme und die Lebensqualität der Betroffenen dar. Was manchmal weniger offensichtlich ist, sind die allgemeinen wirtschaftlichen Kosten, die sehr hoch sind. Eine Studie des Beratungsunternehmens McKinsey beziffert sie auf 15 Prozent des europäischen BIP bzw. 2,7 Billionen US-Dollar pro Jahr.

Dies zeigt uns aber auch, dass Investitionen in die Gesundheitsversorgung nicht zwangsläufig zu Mehrkosten führen müssen. Im Gegenteil: Frühzeitige Maßnahmen und Investitionen, insbesondere solche, die die Zahl der chronischen Krankheiten verringern, führen zu langfristigen Einsparungen.

Ein Ansatz kann der vermehrte Einsatz von technologischen Lösungen sein. In Deutschland kommen 3,97 Kardiologen auf 100.000 Einwohner. Telemedizin kann diese Ärzte unterstützen und ermöglichen, dass mehr Patienten über nationale Grenzen hinweg mit Spezialisten frühzeitig in Kontakt treten. Wearables helfen den Menschen, Risikofaktoren besser zu verstehen und zu überwachen. Dies ist ein erster wichtiger Schritt, um diese Risikofaktoren zu reduzieren.

Regierungen und Menschen können handeln

Bei allen vorliegenden Informationen ist dennoch Vorsicht geboten bei direkten Vergleichen und Schlussfolgerungen aus der US-Veteranen-Studie: Die meisten Fälle in Deutschland sind aufgetreten, seit die Impfung verfügbar ist und es handelt sich eher um Omikron als um frühere Stämme.

Maria van Kerkhove, eine Epidemiologin der Weltgesundheitsorganisation, hat kürzlich gewarnt, dass Omikron mit gleicher Wahrscheinlichkeit Long COVID verursachen kann wie frühere Stämme. Wir sollten das Virus also auf keinen Fall so behandeln, als sei es nicht schlimmer als eine Erkältung oder Grippe.

Kerkhove verwies aber auch auf Studien, die zeigen, dass eine Impfung das Long-COVID-Risiko verringert. Dies unterstreicht die Wichtigkeit der Impfung, unabhängig vom Alter. Ebenso ist möglich, dass die kardiovaskulären Risiken nach einer COVID-19-Infektion mit der Zeit abnehmen, ähnlich wie bei der Raucherentwöhnung.

Es gibt konkrete Schritte, die Regierungen und die Öffentlichkeit unternehmen können, um zu verhindern, dass die Risiken Realität werden. Investitionen in die Gesundheitsfürsorge und öffentliche Gesundheitskampagnen können den Menschen helfen, ihre persönlichen Risikofaktoren zu verstehen und zu mindern. Wir alle können mehr tun, um diese Risiken zu verringern, indem wir positive Anpassungen in unserer Lebensweise vornehmen, die die chronische Entzündung, die vielen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zugrunde liegt, reduzieren. Es ist nie zu früh, damit anzufangen.

Sigal Atzmon ist Präsidentin und Gründerin „Medix Gruppe“. Ihr Ziel ist es, die Art und Weise der Gesundheitsversorgung weltweit zu verbessern, mit Schwerpunkt auf der Zugänglichkeit, Implementierung und Nachhaltigkeit einer qualitativ hochwertigen Versorgung. Atzmon lebt mit ihrer Familie in London, Hongkong und Tel Aviv.

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