Standpunkt Während der Pandemie krank zur Arbeit?

Die Akzeptanz, sich bei Krankheit um die eigene Gesundheit zu kümmern, steigt nur langsam – auch in den Betrieben. Das zeigt eine internationale Studie zu Beschäftigten im Schichtbetrieb des schwedischen SaaS-Anbieters Quinyx. Maximilian Thost erläutert die Ergebnisse.

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Menschen gehen krank zur Arbeit. Ein Grund mag sein, dass sich kaum ein gemeinsamer Nenner finden lässt, ab wann „Kranksein“ anfängt. Auch die Akzeptanz in unserer Gesellschaft, dass es schlichtweg okay ist, am Arbeitsplatz auszufallen und sich um die eigene Gesundheit zu kümmern, steigt eher langsam. Doch selbst jetzt, nach über einem Jahr in der Pandemie, gehen erschreckend viele Menschen krank zur Arbeit. Ist das eine fehlende Reflexion über die Folgen des eigenen Handelns? Oder der stete Irrglaube, niemand sei ersetzbar? Oder ist es doch das System dahinter, das einen großen Anteil der Schuld trägt?

Eine von uns in Auftrag gegebene Studie, in der weltweit mehr als 10.000 Angestellte (davon 1.500 in Deutschland) im Schichtdienst zu ihren Bedürfnissen, Wünschen und Herausforderungen im Arbeitsalltag befragt wurden, hat sich auch mit den Sorgen von Angestellten in der Gesundheitsbranche beschäftigt. Das ernüchternde Ergebnis: Etwa zwei Drittel (rund 67 Prozent) der Befragten gaben an, bereits krank zur Arbeit gegangen zu sein.

Mangelnde Flexibilität als Ursache

Die häufigsten Gründe dafür sind, dass Beschäftigte aufgrund von Einschränkungen durch den Arbeitgeber oder Technologien keine Schichten tauschen konnten (22 Prozent) oder sich von ihrem Team unter Druck gesetzt fühlten (35 Prozent) – jede zweite befragte Person (50 Prozent) gab an, kein digitales Tool zu besitzen, das ihnen einen unkomplizierten Schichttausch ermöglicht. Anders ausgedrückt: Von vier Personen gab eine an, aufgrund mangelnder Flexibilität krank zur Arbeit zu gehen – in einem Zeitalter, in dem Angestellte und Vorgesetzte nahezu unendlich viele Möglichkeiten einer kurzfristigen Kommunikation haben.

Im Gesundheitssektor sind Beschäftigte im Schichtdienst zudem enorm hohen Belastungen ausgesetzt – gerade in Zeiten von Covid-19. Sie erhalten vielleicht Applaus von Balkonen und Konfekt, aber trotz der Dauerbelastung in ihrem Berufsalltag, die durch die Pandemie besonders deutlich zu Tage getreten ist, passiert kaum mehr. Klar ist: Es wird auch weiterhin im Gesundheitssektor ein Schichtsystem geben müssen. Ob Krankenhäuser, Pflege- oder Bereitschaftsdienste – es gibt Menschen, die im Zweifelsfall rund um die Uhr die bestmögliche Betreuung durch Fachkräfte benötigen.

Aber das setzt eben auch voraus, dass diese Fachkräfte einen bestmöglichen Einsatz liefern können. Und das geht nur, wenn der Rückhalt stimmt. Stattdessen ergab die Studie, dass die Angestellten ihr Privatleben häufig hinten anstellen: Rund 61 Prozent geben an, durch ihren Job schon gemeinsame Aktivitäten oder Feiertage mit ihren Liebsten verpasst zu haben, rund 64 Prozent fehlt persönliche Zeit, wie zur Erholung, für geistige Gesundheit oder Sport.

Fehlende Wertschätzung trotz Knochenjob

Zu allem Überfluss mangelt es aus Sicht der Angestellten auch an Wertschätzung: Mehr als jede vierte befragte Person (28 Prozent) hat das Gefühl, dass ihre Arbeit nicht wertgeschätzt wird und von denen glauben überdies 69 Prozent, dass ihr Arbeitgeber sie als austauschbare oder temporäre Ressource ansieht. Keine schönen Ausgangsbedingungen, wenn Privatleben und Erholung so oft für den Job auf der Strecke bleiben. Leider passt da jedoch auch ins Bild, dass mehr als 23 Prozent der Befragten sich nicht trauen, eine Schicht zugunsten privater Termine zu tauschen, weil sie fürchten, ihr Arbeitgeber würde das negativ auslegen.

Neben dringend benötigten Veränderungen und Stoßrichtungen seitens der Politik müssen hier auch die Arbeitgeber stärker darauf achten, ihren Angestellten das Gefühl zu geben, dass ihre Arbeit und ihr Einsatz gesehen und wertgeschätzt wird. Und natürlich spielt dabei auch Geld eine entscheidende Rolle, auch wenn fast ein Drittel der Beschäftigten (30 Prozent) lieber flexiblere Arbeitszeiten als eine Gehaltserhöhung hätte.

Die gute Nachricht ist: Mehr als 40 Prozent der Befragten fühlen sich dennoch in ihrem Arbeitsumfeld wohl genug, um keine konkreten Gedanken an einen Arbeitsplatzwechsel zu haben. Aber wenn die aktuelle Offenlegung der Schwächen im System nicht genutzt werden, um daran zu arbeiten, wird diese Zahl in dem „State of the Deskless Workforce“-Bericht im kommenden Jahr vermutlich nicht mehr so aussehen.

Maximilian Thost ist Country Manager Germany bei Quinyx. Mit seiner cloud-basierten KI-gestützten Workforce Management-Lösung konzentriert sich der schwedische SaaS-Anbieter auf den Dienstleistungssektor. Die Zahlen der Studie wurden von März bis Mai 2021 erhoben. Teilgenommen haben Angestellte in Dienstleistungsbetrieben mit Schichtsystem in den Ländern USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Deutschland, Niederlande, Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark.

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