Standpunkt Die Besserverdiener nutzen den ÖPNV fast gar nicht mehr

In Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und im Auftrag des Bundesforschungsministeriums führt das Meinungsforschungsinstitut Infas die Mobilitätsstudie Mobicor durch. Die Ergebnisse der dritten Befragungsrunde stellen die WZB-Forscher Andreas Knie und Franziska Zehl vor. Die Dominanz des Autos bleibt während der Coronakrise stark, Fußverkehr und Fahrrad können sich aber behaupten. Der ÖPNV ist in der Krise.

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Mit Blick auf die Klimakrise würde man sich andere Ergebnisse wünschen. Der Anteil des Autos an den täglichen Wegen ist in der zweiten Hälfte der Pandemie zwar nicht mehr weiter gestiegen und mit 58 Prozent leicht rückläufig (61 Prozent im Herbst 2020), bleibt aber deutlich dominant. Zudem werden im Mai 2021 noch mehr Wege als vor Corona und als im Mai 2020 allein ohne Mitfahrende im Auto zurückgelegt. Der Anteil der Menschen, die sich aufgrund der Pandemieerfahrungen ein neues Auto kaufen wollen, ist mit drei Prozent der Befragten allerdings immer noch sehr gering.

Auffällig ist aber, dass die Fahrleistungen weiterhin sehr stark mit dem ökonomischen Status verknüpft sind: Menschen mit höheren Einkommen fahren öfter und auch weitere Strecken mit dem Auto als Menschen in den unteren Einkommensklassen. Ein Ergebnis der Pandemie ist, dass die Menschen, die über ein Auto im Haushalt verfügen, häufiger das Kfz genutzt haben als vor der Pandemie. 

Fußgänger und Fahrrad mit mehr Verkehrsleistungen als der ÖPNV

Der Anteil der Fußwege, der im ersten Lockdown 27 Prozent der täglichen Wege erreichte, bleibt mit 24 Prozent auch im Mai 2021 sehr hoch. Ähnlich gut entwickelt sich auch die Fahrradnutzung in den Städten, auch wenn sie bundesweit bei zwölf Prozent stagniert. Zwar kann man nicht von einem Boom sprechen, dennoch ist das Rad in städtischen Regionen ein fest etabliertes Alltagsgerät geworden. So werden im Mai 2021 in Stadtregionen fast 20 Prozent der Wege geradelt, sodass insgesamt während der Pandemie rund die Hälfte aller Wege in diesen Städten klimaschonend absolviert werden.

Und auch auf dem Land gewinnt das Rad im Laufe der Pandemie an Bedeutung: Im Mai 2021 liegt der Anteil des Fahrrads am Modal Split in ländlichen Regionen erstmals im zweistelligen Bereich. Interessant ist auch: Das Fahrrad ist neben den Füßen das einzige Verkehrsmittel, das unabhängig vom Einkommen genutzt wird. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung haben beide zusammen mit mehr als 244 Millionen Kilometer mehr Verkehrsleistung erzielt als der ÖPNV, der nur noch auf 237 Millionen Kilometer genutzte – nicht angebotene – Verkehrsleistung kommt. Zum Vergleich: Das Auto leistet insgesamt mehr als zwei Milliarden Personenkilometer

Optimistisch stimmen die Angaben der Befragten zum Fliegen. Rund 40 Prozent der rund 1500 Befragten haben schon vor der Coronakrise möglichst auf Flüge verzichtet und wollen das auch nach der Pandemie beibehalten. Allerdings zeigt sich auch, dass die Coronakrise bei 42 Prozent der Befragten den Wunsch erzeugt hat, das Flugzeug in anderer Häufigkeit als vor der Pandemie nutzen zu wollen – ob diese Befragten zukünftig aber seltener oder sogar häufiger fliegen werden, bleibt abzuwarten.

Der öffentliche Verkehr tief in der Krise 

Mit Blick auf die Verkehrswende fällt allerdings ein Ergebnis besonders krass ins Auge. Der öffentliche Verkehr (ÖV) erholt sich nicht. Der Anteil am Modal Split ist von acht Prozent im Mai 2020 nochmals auf sieben Prozent im Mai 2021 gesunken. Vor allen Dingen steigt die Zahl der Menschen, die sich definitiv gegen die Benutzung von Bussen und Bahnen entscheiden, nochmals an und erreicht 55 Prozent.

Besonders schmerzt, dass zwischen Mai 2020 und Mai 2021 die Zahl der Menschen, die vom ÖV auf das Auto umgestiegen sind, sogar von 34 Prozent auf 44 Prozent gestiegen ist. Bei den genannten Gründen für diese Abwanderung spielen Ansteckungsgefahr (31 Prozent) und Maskenpflicht (acht Prozent) zwar eine große Rolle, entscheidend ist und bleibt aber die schlechte Angebotsqualität, die mit fast 40 Prozent den größten Kritikpunkt darstellt.

Entsprechend ist auch die Zahl der Menschen, die über ein ÖV-Abonnement verfügen, innerhalb eines Jahres von 22 auf 16 Prozent gesunken. Und auch hier zeigen sich gravierende Unterschiede zwischen den Einkommensklassen. Während Menschen aus Haushalten mit niedrigem ökonomischem Status trotz Corona verstärkt am ÖV-Abo festhalten, sind die Rückgänge im ÖV-Zeitkartenbesitz unter Vielverdienenden besonders groß. Man kann festhalten, dass der ÖV für die höheren Einkommensklassen mit zwei Prozent Nutzungsanteil praktisch nicht mehr existiert. Lediglich in den Großstädten können Busse und Bahnen langsam wieder punkten und beginnen insbesondere für die über 50-Jährigen wieder eine Option darzustellen.

Parallel zu diesen Abwanderungen ist auch die intermodale Nutzung – also die Kombination von unterschiedlichen Verkehrsmitteln auf einer Wegstrecke, die als Alternative zum privaten Auto hoch gehandelt wird – innerhalb eines Jahres von acht auf fünf Prozent zurückgegangen. Mit der fehlenden Attraktivität des ÖV fehlen also Alternativen zum privaten Auto, und die Kombination der Verkehrsmittel geht deutlich zurück. 

Homeoffice entwickelt sich zu einer stabilen Option

Von besonderem Interesse für eine veränderte Verkehrslandschaft ist die Frage nach den beruflichen Veränderungen. Im Mai 2020 betrug der Anteil der Befragten, die überwiegend im Homeoffice arbeiten, rund 32 Prozent. Im Oktober ging dieser Wert auf 19 Prozent herunter, um dann im Mai 2021 wieder auf 31 Prozent zu steigen. Damit arbeitet weiterhin ein Drittel der Beschäftigten an durchschnittlich 3,7 Tagen pro Woche regelmäßig von zu Hause. Interessanterweise wollen die Beschäftigten aber nicht ausschließlich von zu Hause arbeiten. Die Mehrzahl der Befragten würde die Arbeitstage im Homeoffice gerne auf drei begrenzt sehen.

In der Frage nach der zukünftigen zeit- und ortsflexiblen Arbeitsorganisation steckt aber noch viel Bewegung. Denn Wunsch und Wirklichkeit klaffen noch deutlich auseinander. Von den Menschen mit niedrigem Einkommen wünschen sich fast 60 Prozent, im Homeoffice arbeiten zu können, faktisch arbeiten im Mai 2021 aber nur 24 Prozent tatsächlich von zu Hause aus.

Insgesamt bleibt so die Tendenz bestehen, dass die höheren und mittleren Einkommen öfters zu Hause arbeiten als die Menschen in unteren Einkommensschichten. Allerdings zeigt sich im vergangenen Jahr ein signifikanter Anstieg von Menschen in unteren Einkommensklassen, die von zu Hause arbeiten. Offenkundig lassen sich Tätigkeiten mit geringer Entlohnung mehr noch als zu Beginn der Pandemie nach Hause verlagern.

Wie verkehrlich bedeutsam das Homeoffice sein kann, zeigt die Verkehrsmittelwahl von Menschen, die regelmäßig zu Hause arbeiten. In ländlichen Regionen dominiert eindeutig das Auto, während Stadtbewohnende im Homeoffice auf die Füße als Hauptverkehrsmittel setzen.

Busse und Bahnen genügen nicht mehr den Ansprüchen

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, dass die Pandemie immer noch stark den Alltag und damit die Mobilität der Menschen prägt. Verkehrspolitisch muss die fehlende Angebotsqualität des ÖV in den Mittelpunkt gerückt werden. Selbst wenn eingerechnet wird, dass Schulen und Hochschulen im vergangenen Jahr keinen durchgängigen Präsenzbetrieb hatten und einige klassische Nutzende wie Touristinnen und Touristen noch kaum unterwegs sind, lassen die Ergebnisse der Pandemie den Schluss zu, dass die Angebote von Bussen und Bahnen den Ansprüchen an einen flexiblen Service nicht mehr genügen.

Ebenfalls scheint das Recht auf Homeoffice ein wichtiges Element der verkehrspolitischen Agenda zu werden. Werden Wunsch und Wirklichkeit noch besser austariert, kann prognostiziert werden, dass rund die Hälfte der Beschäftigten mindestens ein Drittel der Arbeit von zu Hause absolvieren will. Dies könnte zu einer dauerhaften Entlastung des Verkehrs beitragen und helfen, die Dominanz des Autos zu mindern.

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