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Standpunkt

Drohende Nahrungsmittelkrise: Ein Stopp von Agrokraftstoffen ist unverzichtbar

Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer Deutsche Umwelthilfe
Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer Deutsche Umwelthilfe Foto: DUH/Heidi Scherm

Der Ukrainekrieg stellt eine Bedrohung für die globale Nahrungsmittelsicherheit dar, und es muss jetzt gehandelt werden, damit nicht Millionen Menschen in Hungersnöte gestürzt werden. Ein Stopp der Verbrennung von Lebensmitteln in Autos ist eine schnell umsetzbare und wirksame Maßnahme. Der Markt wird es nicht regeln, meint DUH-Geschäftsführer Sascha Müller-Kraenner.

von Sascha Müller-Kraenner

veröffentlicht am 07.04.2022

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Weizen, Sonnenblumenöl, Mais: Durch den Krieg gegen die Ukraine werden Lebensmittel knapp und damit auch teurer. Die UN-Welternährungsorganisation schlägt bereits Alarm: Ihren Berechnungen zufolge könnten die Folgen des Ukrainekriegs bis zu 13 Millionen Menschen in die Unterernährung treiben. Wir müssen jetzt alles daransetzen, diese drastische Verschärfung des globalen Hungers abzuwenden.

Gemeinsam mit Wissenschaftlern, Sozial- und Umweltverbänden fordern wir deshalb in einem offenen Brief einen sofortigen Förderstopp von Kraftstoffen auf der Basis von Nahrungs- und Futtermitteln, den sogenannten Agrokraftstoffen.

Die Ölkonzerne sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Treibhausgasemissionen ihrer fossilen Kraftstoffe zu mindern. Diese Treibhausgasminderung wird auf dem Papier zu großen Teilen dadurch umgesetzt, dass fossilem Diesel und Benzin Agrokraftstoffe beigemischt werden. Mit der Anrechenbarkeit von Agrokraftstoffen auf die Treibhausgasminderungsquote fördert die Bundesregierung aktiv die Verwendung von Getreide, Raps und anderen Nahrungsmitteln für Agrokraftstoffe.

Seit vielen Jahren ist jedoch klar, dass der Einsatz von Agrokraftstoffen Klima und Biodiversität schadet, statt zu helfen – das zeigen Studien immer wieder. Das Umweltbundesamt betrachtet den staatlichen Anreiz zum Agrokraftstoff-Einsatz als umweltschädliche Subvention – 2018 in einem Umfang von knapp einer Milliarde Euro. Agrokraftstoffe verfehlen also ihren einzigen Sinn – die Reduktion von Treibhausgasen im Verkehr.

Nahrungsmittel statt Agrokraftstoff

Und dennoch wird auf etwa 60 Prozent der Rapsanbaufläche in Deutschland Rapsöl für die Verwendung in Autotanks angebaut, zwölf Prozent des in Deutschland verwendeten Getreides werden energetisch genutzt. Agrokraftstoffe stehen damit in direkter Konkurrenz um Flächen zur Lebensmittelproduktion. Das ist gerade in Zeiten drohender Nahrungsmittelknappheit ein massives Problem.

Es muss jetzt darum gehen, die wegfallenden Nahrungsmittel aus der Ukraine und aus Russland zu ersetzen. Und dafür wird Fläche benötigt. Statt im Tank zu landen, sollten Nahrungsmittel für die Ernährung von Menschen genutzt werden. Bislang für Agrokraftstoffe belegte Flächen sollten grundsätzlich für Nahrungsmittelproduktion, den Bau von Wind- und Solaranlagen sowie effektiven Naturschutz priorisiert werden. Das ist die Zukunft, nicht das Verschwenden von Lebensmitteln im Autotank.

Selbstverständlich wehrt sich die Agrokraftstoffindustrie mit Händen und Füßen gegen den Förderungs-Stopp. Ihre Argumentation dagegen ist jedoch alles andere als schlüssig. Hält ein Ölkonzern die gesetzlich vorgeschriebene Treibhausgasreduktion für Benzin oder Diesel nicht ein, muss er Strafzahlungen leisten. Die Industrie behauptet nun, dass die Preise für Agrokraftstoffe bereits so hoch wären, dass die Strafzahlung zunehmend finanziell attraktiver wäre als die Beimischung von Agrokraftstoffen. Und damit – so das Argument – hätte der Markt das Problem von alleine gelöst und die Nahrungsmittel würden auf den Tellern hungriger Menschen statt in Autotanks landen. Diese Aussage ist jedoch stark anzuzweifeln.

Damit etwa aufgrund reiner Marktmechanismen der Einsatz von Weizen als Agrokraftstoff finanziell unattraktiv wird, müsste sich der bereits heute auf Rekordniveau befindliche Weizenpreis schätzungsweise nochmal fast verdreifachen. Bereits heute hungern Menschen, wir müssen jetzt alles dafür tun, dass es nicht noch mehr werden. Es hat sich außerdem bereits 2020 gezeigt, dass sich die Beimischung von Agroethanol in Deutschland trotz zwischenzeitlich stark gestiegener Agroethanol-Preise nicht nennenswert verringert hat. Damit ist klar: Auf den Markt ist hier kein Verlass.

Ohne Förderung würden Agrokraftstoffe nicht produziert

Der Einsatz von Pflanzenölen, Weizen und Co. als Agrokraftstoff muss jetzt gestoppt werden, damit Lebensmittel für die menschliche Ernährung zur Verfügung stehen. Das sofortige Aussetzen der staatlichen Agrokraftstoff-Förderung ist dafür ein kraftvoller Hebel. Denn da sie teurer sind als fossile Kraftstoffe, würden sie ohne gesetzliche Förderung nicht produziert und eingesetzt werden.

Auch die von der Industrie stets gepriesenen Koppelprodukte der Agrokraftstoff-Produktion, die zumeist als Futtermittel eingesetzt werden, sind kein Argument gegen das Aussetzen der Förderung. Ein Missstand rechtfertigt nicht einen anderen. Wir verbrauchen nur deshalb so viele Futtermittel, weil wir deutlich zu hohe Tierbestände haben. Natur, Klima und menschliche Gesundheit leiden darunter. Es braucht deshalb eine deutliche Reduktion der Tierbestände. Weniger Tiere benötigen weniger Nahrung – Futtermittel als Koppelprodukt der Agrokraftstoffe werden nicht benötigt.

Ein „Weiter so“ mit der Agrokraftstoff-Förderung hätte weitreichende negative Auswirkungen auf die globale Nahrungsmittelsicherheit, für das Klima und die Biodiversität. Wir fordern die Bundesregierung auf, die Agrokraftstoff-Förderung mit sofortiger Wirkung zu stoppen. So können wir die Auswirkungen des Krieges gegen die Ukraine abmildern sowie Klima und Biodiversität besser schützen.

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