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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Erst mehr Angebot, dann günstige Tickets

Martin Burkert, stellvertretender Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft
Martin Burkert, stellvertretender Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft Foto: Promo

Die Bahngewerkschaft EVG ist gegen eine Verlängerung des Neun-Euro-Tickets. Erst müsse die Infrastruktur saniert, mehr Personal eingestellt und das Angebot verbessert werden. Erst dann könne man ein 365-Euro-Ticket einführen. Ansonsten würden die Beschäftigten und das Bahnsystem überlastet, meint EVG-Vize-Chef Martin Burkert.

von Martin Burkert

veröffentlicht am 05.08.2022

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Der Aktionszeitraum des Neun-Euro-Tickets geht allmählich zu Ende. Schon wird über Anschlussregelungen diskutiert und manche fordern, das Neun-Euro-Ticket fortzuführen. Dazu sagen wir aus Sicht der Beschäftigten ganz klar: Nein. Wir sollten jetzt vielmehr genau und ehrlich die Erfahrungen aus diesen drei Monaten analysieren und darauf aufbauend ein Konzept entwickeln, wie wir mittel- bis langfristig einen guten, preiswerten öffentlichen Nahverkehr schaffen können.

Eine einfache Fortführung des Neun-Euro-Tickets verbietet sich aus Sicht der Beschäftigten. Wir hören aus allen Unternehmen und aus allen Bereichen, dass die Arbeitnehmenden das Ende der drei Monate herbeisehnen, ob in den Zügen, den Bussen, auf den Bahnhöfen, in den Werkstätten, ob Sicherheit oder Reinigung. Denn: Es fehlt an Personal, es fehlt an Fahrzeugen; die Infrastruktur ist an der Kapazitätsgrenze angekommen.

Aktion gefährdet die Sicherheit

Die Menschen werden in den Schienennahverkehr und ÖPNV gelockt, ohne dass die beiden Systeme darauf vorbereitet waren. Zumal der Zeitpunkt auch dafür gesorgt hat, dass nicht nur die Pendlerinnen und Pendler Gebrauch von dem Ticket gemacht haben, sondern vor allem Ausflügler:innen und Urlauber:innen. Darunter viele, die schon lange nicht mehr oder vielleicht noch nie mit der Bahn gefahren sind und zum Beispiel nicht wussten, dass in öffentlichen Verkehrsmitteln immer noch die Maskenpflicht gilt. Das hat die Beschäftigten zusätzlich herausgefordert.

Ein wichtiger Aspekt beim Bahnverkehr ist die Sicherheit. In übervollen Zügen und auf überfüllten Bahnsteigen ist diese nicht mehr gewährleistet. Nicht nur, weil Sicherheitsbestimmungen missachtet werden. Wir haben es erlebt, dass Menschen fast aus überfüllten Zügen gefallen sind, wenn sich die Türen geöffnet haben oder dass Menschen über Gleise gelaufen sind. Wir können von Glück sagen, dass es keine schlimmen Zwischenfälle gegeben hat. Aber auch die Aggressivität ist gestiegen. Wir mussten leider eine Zunahme von Übergriffen auf die Beschäftigten verzeichnen. In besonders schlechter Erinnerung bleiben wird ein Angriff mit Baseballschlägern auf ein Fahrdienstleiter-Büro am Bahnhof Timmendorfer Strand.

Das Ticket kommt an

Es gibt aber auch positive Punkte, die wir festhalten können. Wenn es attraktive, kostengünstige Angebote gibt, werden sie auch genutzt. Das zeigt die überwältigende Resonanz der Kund:innen. Der vielleicht größte Vorteil ist die Einfachheit des Neun-Euro-Tickets: Einmal bezahlen – bundesweit fahren – ohne Tarifdschungel. Pendler:innen sind deutlich entlastet worden. Das Neun-Euro-Ticket war der Hauptgrund dafür, dass der Anstieg der Inflation über die Sommermonate etwas gebremst werden konnte. Und: Der Feldversuch zeigt ganz deutlich die verkehrspolitischen Versäumnisse der vergangenen Jahre auf. Wir haben jahrelang die Finger in die Wunde gelegt, ohne das notwendige Gehör gefunden zu haben. Wir hoffen sehr, dass sich jetzt endlich etwas zum Positiven ändert.

Die EVG hat von Anfang an darauf hingewiesen, dass hier der zweite Schritt vor dem ersten gemacht worden ist. Jetzt muss eine ehrliche Analyse vorgenommen werden.

Es braucht eine schrittweise Einführung von günstigen Tickets

Die EVG spricht sich klar dafür aus, SPNV und ÖPNV attraktiver zu machen. Denn wenn mehr Menschen auf Bus und Zug umsteigen, ist das gut für’s Klima. Attraktiv werden solche Angebote auch über den Preis – aber nicht nur. Auch die Qualität muss stimmen. Deswegen muss massiv in ÖPNV und SPNV investiert werden. In Infrastruktur, Personal, Fahrzeuge.

Ja, die Deutsche Bahn stellt ein, aber wir merken derzeit auch, dass insbesondere Quereinsteiger:innen den Konzern schnell wieder verlassen. Die Arbeitgeber müssen also für deutlich bessere Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen sorgen, gute Löhne zahlen (bei der Tarifrunde im kommenden Jahr muss ein deutliches Plus für die Beschäftigten herauskommen!) und den Beschäftigten mehr Wertschätzung geben.

Und die Politik muss endlich umsteuern und ÖPNV und SPNV, die wir als Teil der Daseinsvorsorge sehen, den Stellenwert geben, den sie verdienen. Und das heißt vor allem: die Infrastruktur sanieren und ausbauen.

Es müssen kluge Konzepte erarbeitet werden, die mittel- bis langfristig zu einem preiswerten oder sogar kostenlosen ÖPNV führen. Die EVG hat sich bereits 2020 dafür ausgesprochen, den ÖPNV langfristig für die Nutzenden kostenfrei zu machen. Das kann aber nur funktionieren, wenn die eben genannten Voraussetzungen geschaffen sind. Das 365-Euro-Ticket könnte ein Zwischenschritt sein.

Wir sollten gemeinsam die historische Chance nutzen, etwas Großartiges zu schaffen: preiswerten, qualitativ hochwertigen ÖPNV für alle – aber nur zu fairen Bedingungen für die Beschäftigten!

Ein Wort zu den Beschäftigten: Sie haben in den vergangenen Wochen alles gegeben. Ich bin sicher, ohne ihren Einsatz hätte das Neun-Euro-Experiment ins Chaos geführt. Dafür möchte ich an der Stelle einmal ganz deutlich Danke sagen

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