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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Jobmotor, Wirtschaftsfaktor, Klimaschützer

Oliver Rottmann, Geschäftsführender Vorstand, Kompetenzzentrum Kowid an der Universität Leipzig
Oliver Rottmann, Geschäftsführender Vorstand, Kompetenzzentrum Kowid an der Universität Leipzig

Oliver Rottmann vom Kompetenzzentrum Kowid an der Universität Leipzig und Thomas Lehr von der Unternehmensberatung Conoscope haben in einer Studie für den Verband Deutscher Verkehrsunternehmen untersucht, wie groß der Beitrag des ÖPNV zur deutschen Volkswirtschaft ist: mehr als 930.000 Arbeitsplätze und Einkommen von insgesamt gut 41 Milliarden Euro.

von Oliver Rottmann

veröffentlicht am 25.01.2022

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Die Folgen des Klimawandels sind spürbar. Um die gesteckten Klimaziele zu erreichen, ist auch in der Mobilität mehr Tempo nötig. Noch ist der Verkehrssektor ein großer Emittent von Treibhausgasen. Der Koalitionsvertrag sieht dementsprechend auch hier eine CO2-Reduktion und eine Stärkung des ÖPNV vor.

Auch wenn die Abkehr vom Individualverkehr hin zu mehr und qualitativ besserem ÖPNV ein wesentliches Ziel darstellt, ist der öffentliche Verkehr bereits heute hinsichtlich Emissionen und ressourcenschonender Mobilität ein zentraler Pfeiler der Energie- und Mobilitätswende in Deutschland. 

Die deutschen Verkehrsunternehmen befördern täglich 30 Millionen Fahrgäste in Deutschland mit Bus und Bahn und ersparen damit mehr als 20 Millionen Autofahrten. Als zentraler Baustein smarter Stadtentwicklungskonzepte (Smart City) leisten sie einen substanziellen Beitrag zu Mobilität und Klimaschutz. Jedes Jahr sparen Busse und Bahnen 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid ein.

Wichtige Rolle als Arbeit- und Auftraggeber

Mit ihrem Beitrag zur Beförderung von Personen und Waren, aber auch durch ihre Nachfrage nach Lieferungen und Leistungen sowie ihre Funktion als Arbeitgeber sind die öffentlichen Verkehrsunternehmen wichtige Impulsgeber und Wirtschaftsfaktoren. Über den Wirtschaftskreislauf schafft der öffentliche Verkehr als Arbeitgeber und Auftraggeber wesentliche Beschäftigungs-, Einkommens- und Wertschöpfungseffekte für die regionale und nationale Wirtschaft.

Eine aktuelle Studie von Conoscope und Kowid an der Universität Leipzig im Auftrag des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) attestiert ihm nun einen großen volkswirtschaftlichen Nutzen für die Wertschöpfung in Deutschland und vor Ort. 

Um den wirtschaftlichen Beitrag eines Sektors zu messen, sind dessen Geschäftstätigkeiten relevant. Zentral ist die Frage, wer eine Leistung an wen in welchem Umfang liefert. Betrachtet werden dabei drei Ebenen: Die erste betrachtet die Branche selbst mit der hier entstehenden Wertschöpfung oder den in der Branche gezahlten Löhnen und Gehältern (direkter ökonomischer Effekt).

Alle Vorleistungen bei Lieferanten (Wareneinkauf), die selbst wiederum Waren beziehen, bilden indirekte Effekte. Zudem entsteht auf beiden Ebenen erneut Einkommen, das von Arbeitnehmern und Unternehmen wieder verausgabt wird. Dieser Impuls setzt sich entsprechend fort (induzierte Effekte).

Auf Basis von öffentlichen und Verbandsstatistiken und einer eigenen Datenerhebung bei 30 Verkehrsunternehmen aus allen Sparten und Größen wurden die wirtschaftlichen Verflechtungen und Effekte der Branche (Bus, Tram, SPNV etc.) untersucht.

Massive Investitionen lohnen sich

Die Studie belegt, dass Deutschland spürbar von den Unternehmen des öffentlichen Verkehrs profitiert, in der Wertschöpfung als auch bei Beschäftigung und Einkommen. Es lohnt sich folglich nicht nur klimaseitig, in Zukunft massiv in den Ausbau und das Angebot des öffentlichen Verkehrs zu investieren

Die Ergebnisse sind beeindruckend: Jeder Euro Wertschöpfung, der durch die Verkehrsunternehmen in Deutschland erwirtschaftet wird, ist mit einer zusätzlichen Wertschöpfung in Höhe von 2,10 Euro verbunden – im Branchenvergleich ein überdurchschnittlicher Wert.

Insgesamt gehen mehr als 67,4 Milliarden Euro der in Deutschland erbrachten Wirtschaftsleistung auf die Geschäftstätigkeiten der dem öffentlichen Verkehr zugehörigen Unternehmen zurück. Diese Wertschöpfung entspricht rund 2,2 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung Deutschlands oder beispielsweise der gesamten Bruttowertschöpfung des Landes Brandenburg (67,4 Milliarden Euro).

Mehr als 930.000 Arbeitsplätze in Deutschland

Auch ein Blick auf die Beschäftigungseffekte unterstreicht die Bedeutung des Sektors: Jeder Arbeitsplatz bei Unternehmen des öffentlichen Verkehrs ist mit zwei weiteren Arbeitsplätzen verknüpft. Insgesamt gehen damit mehr als 930.000 Arbeitsplätze in Deutschland auf die Geschäftstätigkeit dieser Unternehmen zurück. Das entspricht 2,2 Prozent aller 42,4 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland oder nahezu aller Beschäftigten einer Stadt wie Hamburg (rund 1 Million Erwerbstätige). 

Auch die Einkommenseffekte sind beachtlich: So profitieren Haushalte und Familien in Deutschland enorm vom öffentlichen Verkehr. Beschäftigte der Unternehmen dieses Sektors erzielen Einkommen in Höhe von rund 17,5 Milliarden Euro. Über Leistungsverflechtungen entstehen weitere Einkommen in Höhe von 24,2 Milliarden. Insgesamt gehen damit Einkommen in Höhe von mehr als 41 Milliarden Euro in Deutschland auf die Unternehmen des öffentlichen Verkehrs zurück.

Klar ist, dass sich der Ausbau und eine qualitative Verbesserung des öffentlichen Verkehrs in Deutschland lohnen. Er hilft dem Klimaschutz nachhaltig und bildet zudem häufig den Kern smarter Stadtentwicklungskonzepte. Diese Smart-City-Ansätze wirken auch transsektoral, beispielsweise im Rahmen einer Kopplung des Verkehrs mit der Energieversorgung (in der E-Mobilität, der End-to-End Mobility oder der letzten Meile) oder bei der Anbindung und Vernetzung smarter Quartiere. Der öffentliche Verkehr in Deutschland ist folglich nicht nur nachhaltig und klimaschonend, sondern bildet bereits heute einen starken Pfeiler der deutschen Wirtschaftsstruktur.

Thomas Lehr ist Geschäftsführer der Conoscope GmbH. Dr. Oliver Rottmann ist Vorstand des Kowid – Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e.V. sowie Geschäftsführer des Komkis Sachsen, beides Universität Leipzig. Der Text basiert auf einer Studie im Auftrag des VDV.

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