Neues Konzept für regionale Tarife : ÖPNV-Tarif sollte auf Bierdeckel passen
Gerade hat die Verkehrsministerkonferenz die Finanzierung des Deutschlandtickets bis 2030 gesichert. Zeit, das Konzept auf alle regionalen Nahverkehrstarife zu übertragen und das System durchgreifend zu vereinfachen. Das wäre sowohl im Sinne der Bürger:innen als auch im Sinne der Nachhaltigkeitsziele.
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Busse und Bahnen bilden das Rückgrat nachhaltiger Mobilität und sind die Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe aller Bürger:innen in der Stadt und auf dem Land. Der ÖPNV kann entscheidend dazu beitragen, dass Deutschland seine Klimaziele erreicht. In repräsentativen Befragungen etwa der Verbraucherzentrale bewerten Fahrgäste die Nutzung von Bussen und Bahnen jedoch als zu kompliziert. Tarifsysteme stellen sich sogar als Hürde für die ÖPNV-Nutzung dar.
Sommermärchen Deutschlandticket
Die Einführung des Deutschlandtickets im Mai 2023 war eine echte Tarifrevolution, fast schon ein Sommermärchen, das das Ende der Corona-Depression einläutete. Fahrgäste nutzen seither deutschlandweit den gesamten Nahverkehr mit Bus und Bahn, ohne sich um den Kauf der „richtigen“ Fahrkarte sorgen zu müssen. Auch an Orten, an denen sie sich nur gelegentlich oder erstmals aufhalten, steigen sie in Bus und Bahn.
Derzeit nutzen monatlich allerdings nur rund 13 Millionen Menschen das Deutschlandticket, also 16 Prozent aller Bürger:innen. Die Ursachen dafür, dass die Verkaufszahlen seit Ende 2023 stagnieren, lassen sich auf die folgenden zwei Aspekte verdichten: Erstens gibt es in den Verkehrsverbünden lokal immer noch einen bedeutsamen Anteil an günstigeren Zeitkarten für Vielfahrende. Zudem enthalten diese teilweise attraktive Zusatzleistungen – es können etwa weitere Fahrgäste mitgenommen oder Tickets auf andere Personen übertragen werden. Zweitens ist das Deutschlandticket für Kund:innen zu teuer, die den ÖPNV nur gelegentlich nutzen möchten. Die angekündigten Preissteigerungen für das Deutschlandticket werden die Hindernisse absehbar weiter zementieren.
Nachdem gut ein Drittel der Bevölkerung den ÖPNV laut eigenen Aussagen nie nutzt, zählt die überwältigende Mehrheit aller Bürger:innen – nämlich knapp 50 Prozent – zur Gruppe der Käufer:innen lokaler Zeitkarten und Gelegenheitstarife, also Kurzstrecken, Einzelfahrten und Tageskarten. Diese größte Gruppe muss sich trotz Deutschlandticket weiterhin mit dem Tarifdschungel vor Ort und insbesondere mit der Herausforderung auseinandersetzen, in fremden Verkehrsräumen unter Zeitdruck den korrekten Fahrpreis zu herauszufinden.
Alternative: deutschlandweites Zeitsystem ohne Grenzen
Für genau diese größte Gruppe der Gelegenheitsfahrer hat Ramboll Management Consulting im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) nun ein Konzept für ein bundesweit einheitliches Tarifsystem entwickelt. Der Vorschlag orientiert sich am Konzept des Deutschlandtickets: Die Preise und Konditionen wären bundesweit einheitlich. Fahrgäste müssten das Prinzip also nur einmal verstehen und könnten es dann auf den gesamten deutschen ÖPNV übertragen.
Die Kernpunkte des Vorschlags im Überblick:
- Künftig könnten Bürger:innen immer und überall ÖPNV-Tickets für Zeitspannen kaufen, etwa für 15, 30 oder 60 Minuten sowie für zwei oder 24 Stunden. Innerhalb des gebuchten Zeitraums könnte so viel und so weit gefahren werden wie gewünscht und innerhalb des Fahrplans schaffbar.
- Kund:innen würden ihre Fahrkarten per Check-in-/Check-out-App kaufen, könnten aber auch weiterhin Automaten nutzen. Die Tickets würden erst gültig, wenn der Fahrgast in das erste Fahrzeug einsteigt. Es gäbe also keinen Zeitdruck zwischen Kauf und Einstieg.
- Eine automatisierte Prüflogik im Hintergrund würde sicherstellen, dass Verspätungen und Wartezeiten nie zu Lasten der Kund:innen gehen.
- Per App gekaufte 15- und 30-Minuten-Tickets würden in Summe monatlich bei einem Preis auf dem Niveau bisheriger lokaler Monatskarten gedeckelt.
- Ein einheitlicher Ermäßigungstarif etwa für Kinder oder Senioren – beispielsweise 50 Prozent des Regeltarifs – könnte sehr einfach bundesweit umgesetzt werden.
- Die Einführung des Tarifsystems könnte bundesweit in einem Schritt erfolgen. Es wäre nicht notwendig, Übergangsphasen mit parallelen Tarifsystemen zu bewältigen.
Ausgleichsmechanismen notwendig
Für Verkehrsunternehmen würde das neue System bedeuten, dass das schnellere und in der Produktion teurere Verkehrsmittel weniger Einnahmen generiert. Um diesen Effekt abzumildern, sollten Ausgleichsmechanismen etabliert werden. Gleichzeitig wäre es erforderlich, Vertriebs- und Kontrollstrukturen einheitlich umzustellen, was jedoch auch zu einer höheren Effizienz führen würde. Insgesamt könnte das Konzept für die Verkehrsbetriebe beziehungsweise Aufgabenträger erlösneutral ausgestaltet werden.
Die Art und Weise, wie das Neun-Euro-Ticket und später das Deutschlandticket eingeführt wurden, kann kritisiert werden. Nüchtern betrachtet muss man jedoch auch feststellen, dass die Einführung niemals „Bottom-up“ stattgefunden hätte. Auch die Umsetzung eines bundesweit gültigen Tarifsystems würde nun wieder eine gemeinsame Initiative von Bundesländern und Bund erfordern. Die hierfür notwendigen Strukturen wurden in Teilen bereits mit der Einführung des Deutschlandtickets geschaffen.
Mit dem vorliegenden Vorschlag soll auch die eingeschlafene Diskussion zur Vereinfachung der ÖPNV-Tariflandschaft wiederbelebt werden. Es wäre bedauerlich, wenn wir beim Deutschlandticket stehenblieben und der bundesweite Tarifdschungel auf absehbare Zeit weiterbestünde.
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