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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Wir müssen uns bewegen, um besser voranzukommen

Nari Kahle, Autorin und Leiterin strategische Programme bei der VW-Tochter Cariad
Nari Kahle, Autorin und Leiterin strategische Programme bei der VW-Tochter Cariad Foto: Paul Meixner

Die soziale Nachhaltigkeit von Mobilität gerät allzu oft in Vergessenheit. Dabei formulieren die Vereinten Nationen in ihren Nachhaltigkeitszielen sehr genau, wie Mobilität bis 2030 aussehen soll, schreibt die Autorin und Managerin Nari Kahle: vor allem inklusiver und vielfältiger.

von Nari Kahle

veröffentlicht am 08.06.2022

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An vielen Stellen bewegt sich schon so einiges: Das Neun-Euro-Ticket macht den Nahverkehr verführerisch günstig und bezahlbar. Mittlerweile gibt es fast 30.000 Ladesäulen für Elektroautos in Deutschland. Und wir sind das erste Land weltweit, das mit dem Gesetz zum autonomen Fahren erstmalig Autos ohne Fahrer:innen in festgelegten Bereichen des öffentlichen Straßenverkehrs ermöglicht.

Jedoch sind diese aktuellen Entwicklungen nur die eine Seite der Medaille. Gerade im Punkt Nachhaltigkeit haben wir dringend Aufholbedarf: Der Verkehr trägt mit einem Fünftel nach wie vor wesentlich zu den gesamten deutschen CO2-Emissionen bei.

Doch neben der ökologischen Verantwortung geht es auch um die soziale Nachhaltigkeit von Mobilität – denn diese gerät allzu oft in Vergessenheit. Dabei formulieren die Vereinten Nationen in ihren 17 Nachhaltigkeitszielen sehr genau, wie Mobilität bis 2030 aussehen soll: Der Zugang zu sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Verkehrssystemen soll für alle ermöglicht werden. Ich möchte betonen: für alle.

Viel Zeit bleibt bis 2030 nicht mehr. Was also sind die wichtigsten Handlungsbedarfe, um Mobilität auch sozial nachhaltig zu gestalten?

1. Auch in ländlichen Regionen Mobilität neu denken

Während sich die Zentren der größten Städte vor neuen Mobilitätsangeboten nicht mehr retten können, leben 42 Prozent der Bevölkerung im ländlichen Raum in Kleinstädten, Gemeinden und Dörfern mit jeweils weniger als 20.000 Einwohner:innen. Gerade in ländlichen Gebieten ist es notwendig, mobil zu sein, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Der höhere Altersdurchschnitt auf dem Land und der allgemeine Rückgang wohnortnaher Versorgungseinrichtungen führen dazu, dass in ländlichen Regionen immer weniger Einrichtungen des täglichen Bedarfs wie Einzelhandel, Arztpraxen, Banken, Kirchen und Gastronomie zu finden sind. Und die Wege zu denen, die vorhanden sind, werden weiter.

Es mag daher überraschen, dass einige besonders innovativen Mobilitätsprojekte in den tiefsten ländlichen Regionen Deutschlands zu finden sind: Etwa das digital buchbare Sozio-Med-Mobil vom Deutschen Roten Kreuz für bedürftige Menschen rund um Salzgitter in Niedersachsen. Oder der autonom fahrende Kleinbus in Bad Birnbach in Niederbayern, der täglich zwei Kilometer zwischen Marktplatz und Bahnhof fahrerlos hin- und her fährt. Oder der Medibus der Deutschen Bahn als mobile Arztpraxis, um die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen zu verbessern.

Spannende neue Mobilitätskonzepte sind also auch in ländlichen Regionen möglich. Sie brauchen aber gerade hier Anreizsysteme, Experimentierräume, Unterstützung und auch Aufmerksamkeit. Nicht nur von Kommunen, sondern erst recht von Mobilitätsunternehmen, Gründer:innen, Investor:innen, aber auch uns als Gesellschaft. Nur dann können echte Alternativen zum heutigen Mobilitätsangebot entwickelt und „auf die Straße“ gebracht werden.

2. Steuerung von Mobilitätsangeboten dorthin, wo sie am meisten gebraucht werden

Echtzeitdaten der Mobilität bergen gerade für Städte und Kommunen eine enorme Chance: Denn je besser die unterschiedlichen vorhandenen Daten digital kombiniert werden, je mehr Informationen in Echtzeit gesammelt werden, desto besser lassen sie sich mit vielen weiteren vorhandenen anonymisierten Datensätzen zur Bevölkerung verknüpfen.

Mit dieser neuen Datenebene lässt sich plötzlich viel besser verstehen, welche Routen und Wege viel oder auch wenig genutzt werden, von wo nach wo die Menschen tatsächlich fahren, oder auch, wo die meisten Scooter und Roller abgestellt werden. Auf Basis dieser Informationen lässt sich dann zum Beispiel entscheiden, ob Sharing-Stationen nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in Randgebieten gebaut werden sollen, wo sich bereits über kleinere Maßnahmen die Mobilitätssituation verbessern ließe.

Zusammen mit bestehenden Bevölkerungsdaten kann genau ausgerechnet werden, wie viel Prozent der Bevölkerung das derzeitige Mobilitätsangebot erreicht, in welchen Wohngebieten Busse fehlen und ab wann ein Bus vielleicht gar nicht mehr benötigt wird. Es wird auch ersichtlich, wie schnell es sich im Hinblick auf eine verbesserte Abdeckung finanziell rentieren könnte, eine Haltestelle zu verlegen, und wie viel mehr Bevölkerung sich damit abdecken ließe.

Ein Beispiel für ein Angebot, das bewusst an ein Stadtrandgebiet mit fehlender Mobilität gesetzt wurde, ist das Ridepooling-Angebot der Deutschen Bahn namens Ioki. Es bedient ein Gebiet am Stadtrand von Hamburg. Viele der Fahrgäste nutzen das preiswerte Angebot, um größere Haltestellen des Nahverkehrs zu erreichen und somit Lücken im Nahverkehrsnetz zu überbrücken.

Doch solche Verbindungen, Partnerschaften und Wege brauchen die konsequente Nutzung von Echtzeitdaten zu unserem Mobilitätsverhalten und die Bereitschaft, auf Grundlage einer solchen Analyse Mobilität dorthin zu steuern, wo sie einen echten Mehrwert schaffen kann.

3. Mobilität muss individueller, vielfältiger und inklusiver werden

In den oben benannten Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen wird sehr klar beschrieben, wie sich Mobilität zu verändern hat. Nämlich „mit besonderem Augenmerk auf den Bedürfnissen von Menschen in prekären Situationen, Frauen, Kindern, Menschen mit Behinderungen und älteren Menschen“. Das bedeutet, dass gleichwertige Mobilitätschancen, Mobilitätserfahrungen und Lebensverhältnisse für alle Bevölkerungsgruppen sicherzustellen sind.

Doch genau hier ist anzusetzen: Denn in den bisherigen eher starren Mobilitätskonzepten war wenig Raum für Individualität. Der wenige Platz auf der Straße war eher geprägt von Gegen- statt Miteinander.

Mobilität war schon immer ein hochemotionales Thema, denn es gibt kaum Menschen, die nicht mit ihr zu tun haben. Doch wie stark berücksichtigen wir gerade die Bedürfnisse derjenigen, die am meisten auf Mobilität angewiesen sind? Die nicht unabhängig mobil sein können? 

Mobilität wird zunehmend individueller. Es wird mehr und mehr auf die persönlichen Vorlieben eingegangen: Komfort, Nachhaltigkeit, Sport, automatisiert fahren oder unterwegs neue Menschen kennenlernen. Doch lassen Sie uns nicht die Teile der Gesellschaft vergessen, für die bislang Mobilität zu teuer, unzugänglich, zu kompliziert oder schlicht nicht allein nutzbar war.

Mobilität muss vielseitiger, individueller, kreativer, innovativer, aber auch inklusiver werden. Nur dann kann sie uns als Gesellschaft besser bewegen – und damit meine ich alle von uns.

Nari Kahle spricht heute auf der Digitalmesse Re:publica zusammen mit Olga Nevska von Telekom Mobility zum Thema „Lost in Transportation: Zwischen Neun-Euro-Ticket und Weltraumtaxi“.

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