Schulverpflegung : Ohne faire Rahmenbedingungen wird der Ganztag am Mittagessen scheitern
Der Ganztag kommt – doch wer denkt ans Mittagessen? Bundesweit haben alle Kinder, die ab Sommer eingeschult werden, Anspruch auf einen Ganztagsplatz. Eine gesunde, kindgerechte Mahlzeit ist für ihre Zeit in der Schule unverzichtbar. Doch schlechte Rahmenbedingungen, Preisdruck und fehlende Standards gefährden die Qualität der Schulverpflegung – mit Folgen für Gesundheit und Chancengleichheit der Kinder, wie Stefan Lehmann schreibt.
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Ab August 2026 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ihrer Kinder in der Grundschule. Was dabei jedoch häufig unterschätzt wird: Ein längerer Schultag bedeutet mehr als zusätzliche Unterrichtsstunden oder Betreuung. Kinder verbringen dann oft sieben oder acht Stunden in der Schule und brauchen ein gesundes und kindgerechtes Mittagessen. Eine qualitativ hochwertige und gut funktionierende Schulverpflegung ist somit ein elementarer Bestandteil des Ganztags und des Bildungsalltags. Und genau hier droht ein strukturelles Scheitern.
Denn die Rahmenbedingungen, unter denen professionelle Schul- und Kitacaterer arbeiten, machen eine qualitativ hochwertige, gesunde und kindgerechte Verpflegung zunehmend schwer.
Derzeit zeichnet sich in der Praxis ein besorgniserregendes Bild. Öffentliche Ausschreibungen für Schul- und Kitaverpflegung enthalten häufig keine einheitlichen Kriterien und werden von Personen erstellt, die mit den realen Abläufen der Gemeinschaftsverpflegung wenig vertraut sind. Das Ergebnis sind Vorgaben, die an der Praxis vorbeigehen: Caterer sollen etwa kostenfrei Geräte, die zur Regeneration der Speisen in den Einrichtungen notwendig sind, bereitstellen, reinigen und warten. Leistungen, die weder zur Kernaufgabe gehören, noch im Preis abgebildet werden.
Bio-Qualität ist zu teuer
Zudem werden häufig Lebensmittel in Bio-Qualität verlangt, deren Einsatz nicht im Verhältnis zu den Essenspreisen steht. In manchen Ausschreibungen wird die Ausweisung von Nährwerten gefordert, die jedoch rechtlich nur für verpackte Lebensmittel verpflichtend ist. Und selbst wenn die Einhaltung der Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Ausschreibungen als Voraussetzung genannt wird, fehlt es immer noch an der Kontrolle ihrer Einhaltung.
Hinzu kommt, dass in vielen Vergabeverfahren am Ende immer noch der niedrigste Preis entscheidet. Qualität, Fachkompetenz und Praxistauglichkeit spielen eine untergeordnete Rolle.
Weiteres Preisdumping und seine Auswirkungen auf die Schulverpflegung
Weiteres Preisdumping in der Schulverpflegung entsteht vor allem durch eine Vergabepraxis, bei der vorrangig der niedrigste Preis entscheidet – unabhängig davon, ob Anbieter über die fachliche Expertise verfügen, die für eine kindgerechte Verpflegung notwendig ist. Dies würde den wirtschaftlichen Spielraum der professionellen Caterer immer mehr einschränken. Dies betrifft insbesondere den Einsatz hochwertiger Zutaten, eine ausreichende Personalausstattung sowie eine kindgerechte Speiseplanung. Gleichzeitig steigen Lohn-, Energie- und Rohstoffkosten – ohne Möglichkeit zur Preisanpassung während laufender Verträge.
Auch wenn professionelle Caterer die geforderten Leistungen derzeit erbringen, geschieht dies unter wachsendem wirtschaftlichem Druck. Die Leidtragenden sind am Ende die Kinder: Langfristig kann dieser Zustand dazu führen, dass Speiseangebote stärker standardisiert, vereinfacht oder Mahlzeiten über längere Zeit warmgehalten werden müssen. Das würde die Vielfalt und Qualität einer kindgerechten Ernährung beeinträchtigen.
Gerade für Kinder aus sozial benachteiligten Familien ist das Schulessen oft die wichtigste und zum Teil einzige warme Mahlzeit des Tages. Schlechte Qualität verschärft damit auch gesundheitliche Risiken und soziale Ungleichheit.
Was sich politisch ändern muss
Wenn der Ganztag gelingen soll, braucht es jetzt einen Kurswechsel. Dazu zählen bundesweit verbindliche Qualitätsstandards in der Schulverpflegung, mit einheitlichen, verbindlichen Vorgaben, ergänzt durch nachvollziehbare Kontrollen. Zudem braucht es professionelle Strukturen wie ausgebildetes Fachpersonal, verlässliche Logistik, hygienisch und technisch geeignete Küchen sowie ausreichend Zeit für Zubereitung und Ausgabe. All das kostet Geld.
Wichtig sind auch praxisnahe Vergabeverfahren, die Qualität und Fachkompetenz höher bewerten als den niedrigsten Preis, sowie faire Preisstrukturen, in der Caterer bei Bedarf Preise anpassen können. Darüber hinaus müssen Bund, Länder und Kommunen Investitionen in Küchen, Ausgabebereiche und Abläufe als festen Bestandteil der Ganztagsstrategie begreifen. Gleichzeitig muss die Schulverpflegung auch für die Eltern bezahlbar bleiben. Eine zumindest teilweise finanzielle Unterstützung der Schulverpflegung durch den Staat ist daher unabdingbar.
Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist ein wichtiges gesellschaftliches Versprechen. Doch ohne eine realistisch finanzierte, professionell organisierte Schulverpflegung bleibt er unvollständig. Wer beim Mittagessen spart, spart am falschen Ende – und riskiert, dass der Ganztag nicht hält, was er verspricht.
Von Stefan Lehmann, Geschäftsführer der Lehmanns Gastronomie in Bonn und Leiter der Landesgruppe NRW des Verbandes deutscher Schul- und Kitacaterer (VDSKC).
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