Public Procurement Act : Pflanzliche und Bio-Lebensmittel sind ein starkes Duo für nachhaltige Beschaffung

Jasmijn de Boo, ProVeg International
Jasmijn de Boo, ProVeg International
Eduardo Cuoco
Eduardo Cuoco
Jasmijn de Boo und Eduardo Cuoco Foto: ProVeg International, IFOAM Organics

Ökolandbau und stark pflanzenbasierte Speisepläne können Europas öffentliche Küchen gemeinsam nachhaltiger machen, sind Jasmijn de Boo und Eduardo Cuoco überzeugt. Sie werben damit, dass Schulen, Kliniken und Mensen mit klaren Beschaffungszielen nicht nur gesünder, sondern auch günstiger wirtschaften könnten. Die geplanten EU-Vorgaben hierfür halten sie aber noch für ausbaufähig.

von Jasmijn de Boo, ProVeg International & Eduardo Cuoco, IFOAM Organics

veröffentlicht am

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Jeden Tag sorgen Köchinnen und Köche, Catering- und Verpflegungsmanager sowie Beschaffungsverantwortliche in öffentlichen Schulen, Krankenhäusern, Universitäten und Pflegeeinrichtungen in der gesamten EU dafür, dass Millionen Mahlzeiten auf den Tisch kommen. Zusammengenommen entspricht die dafür nötige Beschaffung einem der größten Lebensmitteleinkäufe in der Union: Jährlich werden hier rund 50 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln ausgegeben. Das macht deutlich, welches bislang ungenutzte Potenzial die Lebensmittelbeschaffung der öffentlichen Hand hat, um Produktion und Konsum von Nahrungsmitteln in Europa nachhaltig zu verändern.

Am 9. September wird die Europäische Kommission ihren Vorschlag für einen Rechtsakt zur öffentlichen Beschaffung veröffentlichen. Damit bietet sich erstmals seit einem Jahrzehnt eine Gelegenheit, direkt die Kriterien zu verändern, an denen sich öffentliche Auftraggeber orientieren. Für IFOAM und ProVegInternational ist das ein Grund, vorab gemeinsam Stellung zu beziehen: Für eine Stärkung der ökologischen Lebensmittelbranche Europas und einen verbesserten Zugang zu einer stärker pflanzenbasierten Ernährung.

Ergänzende Triebkräfte für die Transformation

Ökologische und pflanzenbasierte Ernährungsansätze ergänzen sich als Triebkräfte für nachhaltigere Agrar- und Ernährungssysteme: Der Ökolandbau setzt auf der Produktionsseite hohe Standards. Er schützt Böden, Wasser und biologische Vielfalt und honoriert die Arbeit der Landwirtinnen und Landwirte, die diese Leistungen in unterschiedlichen Bewirtschaftungssystemen erbringen. Pflanzenreiche Speisepläne setzen auf der Nachfrageseite an und schaffen so stärkere Märkte für Hülsenfrüchte, Gemüse, Vollkornprodukte und andere pflanzliche Lebensmittel – einschließlich ökologisch erzeugter Produkte.

Öffentliche Kantinen und Mensen sind der Ort, an dem beides im großen Maßstab zusammenkommt: der eine Markt, der groß genug ist, um ökologisch wirtschaftenden Betrieben eine planbare Nachfrage zu einem verlässlichen Preis zu bieten und der Ort, an dem eine Entscheidung für mehr pflanzenreiche Mahlzeiten die Kostenbilanz verbessern kann.

Kostenneutrale oder sogar kostensenkende Wirkung

Während begrenzte Budgets häufig als Hindernis für eine nachhaltige Lebensmittelbeschaffung gelten, zeigen Erfahrungen aus europäischen Städten, dass eine Priorisierung pflanzenbasierter Bio-Mahlzeiten in der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung kostenneutral oder sogar kostensenkend wirken kann.

Eine Studie mit rund 6.000 Kantinen und Mensen kam zu dem Ergebnis, dass die tägliche vegetarische Option rund 25 Prozent günstiger war als die fleischbasierte. Die eingesparten Mittel können dann dafür verwendet werden, ökologische, saisonale und regional erzeugte Produkte einzukaufen, die sich eine Kantine oder Mensa andernfalls nicht leisten könnte.

Kopenhagen liefert hierfür ein konkretes Beispiel. Die öffentlichen Küchen der Stadt servieren inzwischen knapp 90 Prozent Bio-Lebensmittel. Dieses Niveau wurde innerhalb der bestehenden Budgets erreicht, indem mehr pflanzenreiche Mahlzeiten angeboten, die Beschäftigten in deren Zubereitung geschult und Lebensmittelabfälle reduziert wurden. Ausgehend von diesem Erfolg hat Dänemark diese Logik mit seinem nationalen Aktionsplan für pflanzenbasierte Ernährung in die Politik integriert. Mindestens die Hälfte der dafür vorgesehenen Fördermittel ist für ökologische pflanzenbasierte Projekte reserviert.

Versorgungslücke schließen für gesündere Bevölkerung

Auch die gesundheitlichen Chancen liegen auf der Hand. Vier von fünf EU-Bürgerinnen und -Bürgern erreichen derzeit nicht die empfohlene Verzehrmenge an Hülsenfrüchten, Obst, Gemüse und Vollkornprodukten. Diese Lücke zu schließen, wäre von großem Nutzen.

Die versteckten Kosten ungesunder Ernährung belaufen sich in der Europäischen Union auf schätzungsweise knapp 900 Milliarden Euro pro Jahr. Öffentliche Kantinen und Mensen erreichen gerade diejenigen, für die diese Versorgungslücke besonders relevant ist: Kinder, Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern sowie ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen. Gerade in der Kita- und Schulverpflegung können zudem frühzeitig gesunde Ernährungsgewohnheiten entwickelt werden.

Entwurf des Public Procurement Acts geht nicht weit genug

Der Entwurf für den Rechtsakt zur öffentlichen Beschaffung weist hierfür in die richtige Richtung. Er macht das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zum Standard bei der Zuschlagserteilung. Dabei soll die Qualität bei Waren mit 30 Prozent und bei arbeitsintensiven Leistungen – etwa Catering-Dienstleistungen – mit 50 Prozent der erreichbaren Punkte gewichtet werden. Allerdings bleibt undefiniert, was unter „Qualität“ zu verstehen ist.

Die Ausnahmen vom Standardvorgehen sind weit gefasst und Lebensmittel werden nicht als strategische Kategorie mit eigenen Regeln behandelt. Leitlinien für eine freiwillige umweltorientierte öffentliche Beschaffung gibt es bereits seit Jahren; dennoch dominiert bei Ausschreibungen nach wie vor das niedrigste Preisangebot.

Um die Wirkung der öffentlichen Ausgaben für Lebensmittel zu maximieren, sollten ambitionierte Maßnahmen beschlossen werden:

  • Lebensmittel als strategischen Sektor anerkennen. Lebensmittel sind keine Ware wie jede andere und sollten auch entsprechend behandelt werden. Der Rechtsakt sollte den Übergang zu einer Beschaffung gesunder Lebensmittel ermöglichen, die auf gemeinsamen Standards beruht und ökologische, soziale, ernährungsbezogene, wirtschaftliche und tierschutzbezogene Aspekte berücksichtigt.
  • Klare Ziele für mehr pflanzliche und ökologische Lebensmittel festlegen. Für eine nachhaltige Lebensmittelbeschaffung sollten verbindliche Mindestziele eingeführt werden. Dazu gehören ein verbindlicher Bio-Anteil sowie klare und messbare Vorgaben dafür, die Verfügbarkeit und Nachfrage nach pflanzlichen Lebensmitteln zu erhöhen. Das gibt öffentlichen Beschaffungsstellen einen klaren Handlungsauftrag und lässt zugleich Raum dafür, die Umsetzung an nationale Ernährungsempfehlungen und die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in der Gemeinschaftsverpflegung anzupassen. Zugleich ermöglicht es ein breiteres Angebot gesunder Mahlzeiten, erhöht die ernährungsphysiologische Qualität des Angebots und belohnt nachhaltige Produktion – ohne die Wahlmöglichkeiten auf dem Speiseplan einzuschränken.
  • Die eingesparten Mittel in Qualität reinvestieren. Finanzielle Spielräume, die durch pflanzenreiche Speisepläne entstehen, sollten genutzt werden, um ökologische, saisonale und regional erzeugte Produkte einzukaufen. So wird die Beschaffung zu einem regionalpolitischen Instrument, das Chancen für ländliche Räume eröffnet.
  • Schulungen für Küchenpersonal und öffentliche Beschaffungsstellen finanzieren. Kriterien werden am wirksamsten umgesetzt, wenn Köchinnen und Köche sowie Catering- und Beschaffungsverantwortliche über die nötigen Kompetenzen und das Vertrauen verfügen, sie effektiv anzuwenden.

Implizite Stützung der EU-Landwirtschaft

Das alles ist insbesondere auch eine Chance für Europas Landwirtinnen und Landwirte. Eine stabile, langfristige öffentliche Nachfrage nach ökologischen pflanzlichen Produkten aus europäischem Anbau bietet genau die Planbarkeit, die landwirtschaftliche Betriebe seit Langem fordern: einen bekannten Abnehmer, ein verlässliches Abnahmevolumen und einen Preis, der die Qualität der erzeugten Produkte widerspiegelt.

Die öffentliche Beschaffung gehört zu den wenigen Instrumenten, die dies im großen Maßstab ermöglichen können. Zugleich können öffentliche Stellen damit jene Erzeuger honorieren, die bereits in nachhaltige Methoden investieren.

Öffentliches Geld sollte öffentliche Güter fördern. Europas Haushalte finanzieren bereits Millionen an Mahlzeiten – der Rechtsakt zur öffentlichen Beschaffung entscheidet nun, welche Werte die Ausgaben stützen. Gesundheit und Lebensmittelqualität sollten dabei ganz oben stehen; ebenso wie das Auskommen der Landwirtinnen und Landwirte, die beides ermöglichen. So können Europas öffentlichen Küchen aktiv am Aufbau eines resilienten Agrar- und Ernährungssystems mitwirken.

Jasmijn de Boo, ist seit 2022 Geschäftsführerin von ProVeg International, Eduardo Cuoco führt IFOAM Europe als Direktor seit 2016.

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