In Deutschland und Afrika : Warum gesundes Essen nicht die teurere Wahl sein darf
Eine gesunde Ernährung darf keine Frage des Geldbeutels sein. Doch in Deutschland wie in Afrika sind gesunde Nahrungsmittel für viele Menschen zu teuer. Aber was Lebensmittel nun kosten, entscheidet sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Bettina Iseli erklärt, warum wir gezielter in Ernährungssysteme investieren müssen und warum Politik und Märkte dafür sorgen müssen, dass gesundes Essen die einfache und bezahlbare Wahl wird.
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Lebensmittel sind in Deutschland heute rund 36 Prozent teurer als 2020; eine deutlich stärkere Steigung als unsere Lebenshaltungskosten insgesamt. Wer also wenig Geld zur Verfügung hat, steht immer häufiger vor einer schwierigen Entscheidung: Was bekomme ich für mein Geld, und vor allem: lebe ich davon gesund?
Genau hier liegt ein grundlegendes Problem unseres Ernährungssystems. Stark verarbeitete Lebensmittel mit viel Fett oder Zucker liefern häufig besonders viele Kalorien für wenig Geld. Sie sind lange haltbar und können in großen Mengen produziert, gelagert und transportiert werden.
Frisches Obst und Gemüse dagegen verderben schnell. Sie brauchen funktionierende Lieferketten, schnelle Transportwege und geeignete Lagerung. All das kostet Geld, benötigt koordinierte Infrastruktur und schlägt sich am Ende im Preis nieder.
Die entscheidende Frage ist deshalb: Warum können wir viele Kalorien so billig produzieren und verkaufen, während ausgerechnet viele der vitamin- und mineralstoffreichen Lebensmittel, die wir für eine gesunde Ernährung brauchen, vergleichsweise teuer sind?
Investitionslücke bei gesunder Ernährung
Diese Frage stellt sich nicht nur in Deutschland. Beim African Food Systems Forum (AFSF) in Kigali habe ich mit Regierungen, Unternehmen, Landwirt:innen, Wissenschaftler:innen und Organisationen der Zivilgesellschaft darüber diskutiert, wie Ernährungssysteme verändert und angepasst werden müssen, damit sich Menschen leisten können, gesünder zu leben.
Rund 3.500 Menschen aus ganz Afrika kommen jedes Jahr zu diesem Forum zusammen. Es ist die größte Konferenz zu Ernährungssystemen und Landwirtschaft auf dem afrikanischen Kontinent.
Auch in Afrika zeigt sich, dass ausreichend Kalorien allein noch keine gesunde Ernährung bedeuten: Zwei von drei Menschen, also mehr als eine Milliarde Menschen, können sich eine ausgewogene Auswahl an gesunden Lebensmitteln nicht leisten. Das heißt, sie leben laut dem UN-Bericht zur Lage von Ernährungssicherheit und Ernährung in der Welt von einer kohlenhydratlastigen Nahrung. Vitamine, Mineralstoffe und Proteine werden unzureichend konsumiert.
Doch ausgerechnet in die Lebensmittel, die eine gesunde Ernährung ermöglichen, wird zu wenig investiert.
Gemüse und Obst machen rund 20 Prozent der Lebensmittelmärkte in Afrika aus, erhalten aber lediglich und je nach Land zwei bis zehn Prozent der landwirtschaftlichen Investitionen. Damit fließt viel zu wenig Kapital in genau jene Lebensmittel, die für eine vielfältige und gesunde Ernährung unverzichtbar sind. Ohne Gegenmaßnahmen könnten Gemüsepreise in Afrika bis 2050 um bis zu 32 Prozent steigen. Das ist ein Problem.
Mehr Gemüse anbauen reicht nicht
Dabei fehlt es nicht an Ideen oder Tatendrang. Junge, gut ausgebildete und hoch motivierte Menschen gründen Unternehmen, entwickeln neue Lösungen und wollen ihre Ernährungssysteme verändern. Das Potenzial ist enorm. Was ihnen viel zu oft fehlt, ist der Zugang zu Kapital, um aus einer guten Idee ein tragfähiges Unternehmen zu machen und erfolgreiche Ansätze in die Breite zu bringen. Genau hier müssen Investitionen ansetzen.
Hier setzt auch die Welthungerhilfe an. Aus unserer langjährigen Zusammenarbeit in derzeit 18 Ländern Afrikas und mit knapp 3,2 Millionen Landwirt:innen, wissen wir, dass es nicht genügt, einfach mehr Gemüse anzubauen, auch wenn die Sortenauswahl, adäquate Ernteverfahren wichtige erste Schritte sind.
Entscheidend ist, was danach passiert. Eine Ernte muss hygienisch sicher gelagert und möglichst schnell zum Markt gebracht werden. Dafür braucht es Straßen, Kühlung, Verarbeitung und verlässliche Märkte. Aber auch die Politik ist gefragt: Regulierungen müssen Investitionen fördern, faire Marktbedingungen schaffen und den Handel erleichtern.
Fehlt nur eines dieser Glieder, gehen Lebensmittel verloren oder verderben, das Angebot sinkt also und die Preise steigen. Das gesamte System muss funktionieren, damit am Ende tatsächlich mehr Gemüse zu bezahlbaren Preisen auf den Tellern aller Menschen landet. Genau darüber haben wir in Kigali während des AFSF diskutiert.
Wie entscheidend die Lieferkette für den Preis ist, zeigt der erwähnte Welternährungsbericht der Vereinten Nationen: 70 bis 75 Prozent des Preises, den Verbraucherinnen und Verbraucher für Lebensmittel bezahlen, entstehen erst, nachdem die Lebensmittel den landwirtschaftlichen Betrieb verlassen haben. Bis zu 40 Prozent der Gesamtkosten entstehen allein durch Verarbeitung, Logistik und Großhandel.
Dafür müssen wir die ganze Wertschöpfungskette in den Blick nehmen und in diese investieren.
Gesunde Ernährung muss zur einfachen Wahl werden
Doch genau in einer Zeit, in der solche Investitionen dringend notwendig wären, werden die Mittel knapper. Auch Deutschland hat seine Finanzierung für Entwicklungszusammenarbeit deutlich zurückgefahren: Zwischen 2024 und 2026 ist der Etat des Bundesentwicklungsministeriums um rund zehn Prozent gesunken.
Das erhöht den Druck, vorhandene Mittel nicht nur sparsam, sondern vor allem gezielt und innovativ dort einzusetzen, wo sie langfristig Wirkung haben, nämlich in unsere Ernährungssysteme.
Das gilt für Afrika genauso wie für Deutschland beziehungsweise Europa. Die Dimensionen sind andere, doch auch hier bestimmen politische und wirtschaftliche Zusammenhänge sowie die Präferenzen der Konsument:innen mit darüber, was produziert, verarbeitet, transportiert und schließlich günstig im Supermarkt oder auf Märkten angeboten wird.
Deshalb müssen wir über die landwirtschaftliche Produktion hinausblicken. Wir müssen dafür sorgen, dass gesunde Lebensmittel vielfältig, bezahlbar, ausreichend verfügbar und ansprechend sind.
Bislang sprechen wir oft darüber, was Menschen essen sollten: mehr Obst und Gemüse, weniger Zucker, Salz und minderwertige Fette, weniger hochverarbeitete Lebensmittel. Damit legen wir die Verantwortung vor allem in die Hände der Verbraucherinnen und Verbraucher.
Wenn wir wollen, dass Menschen sich gesünder ernähren, müssen Politik und Märkte die Voraussetzungen dafür schaffen, dass gesunde Ernährung verfügbar, bezahlbar und zur einfachen Wahl wird.
Gesunde Ernährung darf kein Luxus sein. Nicht in Kigali. Nicht in Berlin.
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