Ernährungsstrategie neu denken : Praxis stärken, Prioritäten setzen und Potenziale heben
Entlastungen für die mittelständische Ernährungsbranche und eine Stärkung der Gemeinschaftsverpflegung fordert die Geschäftsführerin des Deutschen Tiefkühlinstituts, Sabine Eichner, von der Bundesregierung, um die Ziele der Ernährungsstrategie umzusetzen. Die Nationale Reduktionsstrategie solle wie geplant Ende dieses Jahres enden.
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Deutschland hat seit 2024 eine Ernährungsstrategie – und das ist richtig so. Denn gute Ernährung für alle darf kein Zufall sein. Als Sprecherin der Tiefkühlwirtschaft, die täglich 83 Millionen Menschen zuverlässig mit frischen, natürlichen und hochwertigen Lebensmitteln versorgt, begrüße ich diesen politischen Schritt ausdrücklich.
Aber ich sage auch klar: Wenn wir eine wirklich erfolgreiche Ernährungsstrategie wollen, braucht es mutige Nachsteuerung, klare Prioritäten und einen stärkeren Blick auf die Realität in den Küchen, Kantinen und Lebensmittelbetrieben.
Fachleute einbeziehen
Die Strategie muss stärker auf Praxiswissen bauen. Wer täglich Mahlzeiten kocht – ob in Betriebsküchen, Schulen, Krankenhäusern oder in den verarbeitenden Unternehmen der Tiefkühlwirtschaft – der weiß, was funktioniert. Diese Expertise fehlt jedoch bislang weitgehend in der politischen Ausgestaltung.
Eine Ernährungsstrategie, die am Reißbrett entsteht, die Wirtschaft mit immer neuen Forderungen konfrontiert und dabei die Rahmenbedingungen in der betrieblichen Realität ignoriert, wird scheitern. Nur eine Strategie, die Praktikerinnen und Praktiker einbezieht, entfaltet Wirkung.
Branche bei Energiepreisen entlasten
Wir brauchen eine klare Stärkung der Angebotsseite. Ohne eine wettbewerbsfähige, mittelständische Ernährungswirtschaft bleibt jede Strategie eine Wunschvorstellung. Die Ernährungs- und Tiefkühlbranche steht unter massivem Kosten- und Regulierungsdruck. Dennoch sorgt sie täglich verlässlich für eine große Vielfalt an sicheren, nährstoffreichen und qualitätsvollen Lebensmitteln – gerade in Krisenzeiten: Die Regale und Teller sind und waren immer gut gefüllt.
Das ist keineswegs selbstverständlich, sondern Ergebnis harter und umsichtiger Arbeit vieler verantwortungsbewusster Menschen in den Unternehmen der Ernährungswirtschaft. Wer Versorgungssicherheit für die Bevölkerung will, der muss die industrielle Lebensmittelverarbeitung unterstützen und ihren entscheidenden Beitrag für die Ernährungssicherheit in Deutschland wertschätzen.
Die Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft sind die Partner der Landwirtschaft auf der ersten Wertschöpfungsstufe. Sie brauchen dringend Entlastungen, damit sie ihre fundamental wichtige Aufgabe für die Gesellschaft erfolgreich meistern können. Hier ist noch viel zu tun, beispielsweise bei der Herstellung wettbewerbsfähiger Energiepreise. Von Industriestrompreisen haben unsere mittelständischen Betriebe keinen Nutzen, obwohl auch sie im internationalen Wettbewerb stehen.
Kantinen besser unterstützen
Die Gemeinschaftsverpflegung ist der größte ernährungspolitische Hebel, den wir haben. 17 Millionen Menschen essen dort täglich – 40 Millionen Mahlzeiten pro Tag. Doch Personalmangel, Kostendruck und wachsende Auflagen gefährden eine stabile, gesunde und bezahlbare Versorgung. Die Gemeinschaftsverpflegung braucht politische Rückendeckung und einen festen Platz im Dialog bei der konkreten politischen Ausgestaltung, sonst bleiben die Ziele der Ernährungsstrategie unerreichbar.
Statt unrealistische Zielansagen und Quotenvorgaben für die Verwendung von Bioprodukten zu machen, sollte sich die Politik vielmehr für Investitionen in moderne Küchentechnik, effiziente Prozesse und Convenience-Lösungen einsetzen – ohne Diskriminierung von einzelnen Lebensmittelkategorien. Küchen brauchen je nach Geräte- und Personalausstattung unterschiedliche Anteile von frischen, unverarbeiteten und vorverarbeiteten Lebensmitteln, in je nach Betrieb unterschiedlichen Convenience-Graden.
Jeder Betrieb braucht die individuelle Freiheit, selbst über das für das jeweilige Unternehmen passende Verpflegungskonzept zu entscheiden. Tiefkühlprodukte bieten den Küchen maximale Flexibilität und Kalkulationssicherheit, Praktiker kennen und schätzen diese Vorteile und setzen sie gezielt für eine nährstoffreiches, nachhaltiges und bezahlbares Speiseangebot ein.
Nationale Reduktionsstrategie beenden
Die Tiefkühlwirtschaft und viele andere Branchen der Lebensmittelwirtschaft haben in den letzten 15 Jahren bereits erhebliche Reformulierungsschritte zur Reduzierung von Salz, Fett und Zucker in ihren Lebensmitteln vorgenommen. Auch dafür braucht es keine politische Strategie, weil die Unternehmen auf die Bedürfnisse des Marktes reagieren und Rezepturänderungen eigenverantwortlich umsetzen.
Aber es gibt auch Grenzen für die Reformulierung: Diese liegen in der Akzeptanz beim Verbraucher. Ihm müssen die Produkte auch weiterhin schmecken. Die Erfolge, die nachweislich durch die freiwilligen Reformulierungszusagen der Lebensmittelbranche in der Nationalen Strategie zur Reduzierung von Salz, Fett und Zucker (NRI) erreicht wurden, müssen politisch anerkannt werden. Die NRI kann deshalb wie vorgesehen Ende 2025 als politisch erfolgreiches Projekt beendet werden.
Mein Fazit: Eine klare Positionierung der Bundesregierung für die Stärkung der Angebotsseite, wie sie Johannes Steiniger vergangene Woche in unserer Lebensmitteldebatte „Kostbar“ formuliert hat, ist der richtige Ansatz, um einer guten Ernährung für alle Menschen in Deutschland näherzukommen. Die Ernährungsstrategie kann gelingen – wenn wir Praxiswissen nutzen, uns auf die richtigen Prioritäten konzentrieren, die Unternehmen der Ernährungswirtschaft stärken, die Gemeinschaftsverpflegung ernst nehmen und das Potenzial der Tiefkühlprodukte und -konzepte strategisch einbinden.
Jetzt ist die Zeit, die Ernährungsstrategie pragmatisch zum Erfolg zu führen! Die Tiefkühlwirtschaft steht für einen konstruktiven Austausch auf Augenhöhe und mit der Expertise aus der Praxis der Unternehmen gerne zur Verfügung.
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