Krisenvorsorge : Warum ein Notfallvorrat für Millionen Menschen reiner Luxus ist

Alexandra Embs
Alexandra Embs
Jan Dreier
Jan Dreier
Renate Antonie Krause
Renate Antonie Krause
Yvonne Schulze
Yvonne Schulze
Foto: Benjamin Sauer, Fian, privat, Benjamin Sauer

Die staatliche Empfehlung, Lebensmittel und Wasser für zehn Tage zu lagern, geht an der Lebensrealität vieler armer Menschen vorbei, schreibt ein Autorenteam, das in der Nationalen Armutskonferenz tätig ist. Die Kosten für die Vorräte sind ihrer Erfahrung nach kaum tragbar. Besonders armutsbetroffene und kranke Menschen würden dadurch im Krisenfall doppelt benachteiligt.

von Alexandra Embs, Treffen der Menschen mit Armutserfahrung, Jan Dreier, Fian Deutschland, Renate Antonie Krause & Yvonne Schulze, Treffen der Menschen mit Armutserfahrung

veröffentlicht am

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen

Mit bestehendem Konto anmelden

Ravioli bunkern für den Ernstfall. Mit seinem Vorstoß zum Aufbau einer nationalen Konservenreserve hat Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) das Thema Krisenvorsorge dieses Jahr in den Vordergrund gerückt. Auch auf Ebene der einzelnen Haushalte empfiehlt sein Ministerium, einen Notfallvorrat für mindestens zehn Tage anzulegen. „Eine sinnvolle Vorratshaltung ist auch für Ihren Haushalt keine Hexerei, wenn Sie die folgenden Empfehlungen und Tipps berücksichtigen“, heißt es auf der Webseite des BMLEH.

Aber: Wird hier wirklich an jeden Haushalt gedacht?

Spagat zwischen täglichem Überleben und Notfallvorrat

Laut Ministerium sollten Einpersonenhaushalte einen zehntägigen Vorrat von 20 Litern Wasser, rund 3,5 Kilo Getreideprodukten, Brot oder Kartoffeln, vier Kilo Gemüse und Hülsenfrüchte sowie zweieinhalb Kilo Obst und Nüsse anlegen. Hinzu kommen Milcherzeugnisse, Fisch, Fleisch sowie Fette und Öle. Wer das alles im Discounter für eine Person kauft, kommt auf etwa 90 Euro – bei einer vierköpfigen Familie auf bis zu 400 Euro.

Für die circa 13 Millionen Menschen in Deutschland, die an oder unter der Armutsgrenze leben, - also beispielsweise Grundsicherung beziehen, im Niedriglohnsektor arbeiten oder nur eine kleine Rente erhalten – ist diese Summe kaum bis gar nicht leistbar. Mal eben Lebensmittel für 300 bis 400 Euro einkaufen, um sie irgendwo zu lagern und im besten Fall niemals anzurühren, ist schlichtweg unmöglich.

Armut bedeutet, in einem dauerhaften Krisenmodus zu leben. Wer am Zwanzigsten des Monats nicht weiß, wie die eigenen Kinder satt werden sollen, hat keinen finanziellen Spielraum für eine hypothetische Katastrophe.

Noch schwieriger wird es, wenn chronische Erkrankungen ins Spiel kommen. Da Armut krank macht und Krankheit arm, sind Menschen mit Armutserfahrung überproportional betroffen. Häufig benötigen sie eine spezielle und teurere Kost sowie ernährungsbedingte Medikamente, für die sie eine Zuzahlung leisten müssen, etwa gegen Diabetes oder Bluthochdruck.

Das Gleiche gilt für Menschen mit Unverträglichkeiten. Wer beispielsweise mit Zöliakie oder Allergien lebt, kann nicht auf billige Nudeln oder günstiges Knäckebrot zurückgreifen. Ein laktosefreier oder allergikerfreundlicher Notvorrat zieht preislich noch weiter an.

Lücke zwischen BMLEH-Vorschlägen und gelebter Realität

Abgesehen von den reinen Anschaffungskosten scheitert die Bevorratung in armutsbetroffenen Haushalten sehr häufig an etwas ganz Banalem: Platz. Ein Zehn-Tages Vorrat für eine mehrköpfige Familie benötigt Lagerkapazitäten. Viele Liter Wasser, Konserven und Ausrüstung müssen trocken, kühl und fern von Schädlingen gelagert werden. Ärmere Menschen leben jedoch häufig in kleinen, engen Mietwohnungen ohne Tiefkühltruhe, Vorratsschrank, Keller oder Dachboden. Von wohnungslosen Menschen ganz zu schweigen.

Das nächste Problem ist das Aufbrauchen und Ersetzen der gelagerten Lebensmittel. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt zwei verschiedene Vorratsmöglichkeiten: Entweder soll ein sogenannter einmaliger Vorrat angelegt werden, dessen Lebensmittel regelmäßig auf ihr Mindesthaltbarkeitsdatum hin geprüft, gegebenenfalls verzehrt und ersetzt werden, damit nichts verdirbt und keine Lücke entsteht. Der Alternativvorschlag ist, den Vorrat nach und nach aufzubauen, also bei jedem Einkauf mehr mitzunehmen als akut benötigt, und sich so zu bevorraten.

Das alles setzt eine flexible Haushaltskasse voraus. Wer gezwungen ist, sehr genau auf Preise zu schauen, kauft Sonderangebote, achtet auf Mindesthaltbarkeitsrabatte oder geht zur Tafel. Konservendosen aus dem Notlager einfach zwischendurch essen und dann zum normalen Preis nachzukaufen, ist nicht machbar.

Dabei noch nicht bedacht wird die technische Ausstattung. Was nutzen rohe Linsen und Nudeln, wenn in einer Krisenlage der Herd nicht funktioniert? Um die gelagerten Lebensmittel auch im Fall eines Stromausfalls garen zu können, braucht es einen Gaskocher mit entsprechenden Gaskartuschen.

Dazu kommen für eine vollständige Vorsorgeausrüstung notwendige Ausgaben für Batterien, LED-Leuchten oder Kerzen und ein Kurbelradio. Das bedeutet: Diejenigen, die ohnehin schon mit dem wenigsten auskommen müssen, haben auch bei dieser Ausstattung die geringste oder gar keine Ausstattung, um sich selbst zu helfen.

Gravierende Ungleichheiten in der Krisenvorsorge bedürfen der Korrektur

Bei all ihren Überlegungen zur Krisenvorsorge übersieht die Bundesregierung offensichtlich Menschen mit Armutserfahrung. Das passt zum Tenor des politischen Diskurses und dem fortlaufenden Abbau sozialpolitischer Errungenschaften des letzten Jahrhunderts: Bei den gegenwärtigen narrativen Kriegserklärungen gegen Armutsbetroffene stellt sich die Frage, inwiefern die Bundesregierung hier tatsächlich naiv agiert oder ob sie die Augen absichtlich verschließt. Ein gravierender Unterschied in der Intention, nicht aber in der Wirkung.

In jedem Fall spricht aus der Haltung der Bundesregierung zur Lebensrealität armutsbetroffener Menschen Ignoranz, die sich auch in den Empfehlungen für die Krisenvorsorge widerspiegelt. Und so bleibt die Idee des Notfallvorrates für Menschen mit wenig Geld ein gut gemeinter Rat, der am leeren Geldbeutel scheitert.

Anstelle eines Gefühls der Sicherheit tritt ein schlechtes Gewissen, weil man weiß, dass man sich selbst und die eigenen Angehörigen im Ernstfall nicht ernähren kann. Wo der Staat seine völkerrechtlich verankerte Pflicht zur Umsetzung des Menschenrechts auf angemessene Nahrung verletzt, zeigt sich die finanzielle Ungleichheit im Land: Wer arm ist – noch schlimmer – wer arm und krank ist, ist in der Krise doppelt gebeutelt. Fazit: Solange Konzepte für Menschen mit wenig Geld fehlen, bleibt die Anlage eines Vorrats eben doch „Hexerei“. Und die nächste Krise kommt bestimmt.

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen

Mit bestehendem Konto anmelden