Der Preis der Ungerechtigkeit : Warum es faire Erzeugerpreise in der Landwirtschaft braucht
Ob Kakaoplantage in Peru, Bananenfarm in Ghana oder Kartoffelacker in Deutschland: Der Preisdruck auf Erzeugerinnen und Erzeuger ist kein alleiniges Problem des globalen Südens, sondern ein internationales Marktversagen, das Lieferketten destabilisiert, Ernährungssicherheit gefährdet und wirtschaftliche Entwicklung blockiert, meint Tim Stoffel, politischer Referent bei Fairtrade Deutschland. Es sei Zeit, dass die EU ganzheitlich handelt.
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Im Jahr 2019 verabschiedete das Europäische Parlament die Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken (UTP‑Richtlinie). Sie verbietet seitdem konkrete Praktiken: Kaffeeproduzentinnen und -produzenten in Ghana dürfen beispielsweise nicht gezwungen werden, ihre Ernte unter dem vereinbarten Preis zu verkaufen. Bananenexporteurinnen und -exporteuren in Costa Rica darf durch kurzfristige Stornierungen nicht tonnenweise verderbliche Ware aufgebürdet werden. Gemüsebäuerinnen und -bauern aus Deutschland müssen nicht monatelang auf Zahlungen warten. All das steht auf der „schwarzen Liste“ der Richtlinie.
Doch eine der folgenreichsten unfairen Handelspraktiken fehlt: der Einkauf zu Preisen, die nicht die Kosten einer nachhaltigen Produktion decken. Im Rahmen der aktuellen Reform der bestehenden Richtlinie, die eine breite Unterstützung aller Fraktionen im Europaparlament hat, wird nun ein Verbot des Einkaufs unterhalb der Produktionskosten diskutiert.
Was faire und unfaire Preise wirklich bedeuten
Ein fairer Preis deckt die Kosten einer nachhaltigen Produktion und ermöglicht ein existenzsicherndes Einkommen. Das bedeutet nicht nur, dass Bäuerinnen und Bauern von ihrer Arbeit leben können. Es bedeutet auch, dass Investitionen in klimaresistente Anbaumethoden, in Bodengesundheit, in Biodiversität und in die Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, überhaupt möglich sind. Sie sind die Basis für Ernährungssicherheit, Klimaschutz und den Erhalt bäuerlicher Strukturen.
Ohne Investitionen in eine sozial und ökologisch nachhaltige Produktionsweise gefährden wir die Resilienz unserer Agrarlieferketten und schränken wirtschaftliche und menschliche Entwicklungsmöglichkeiten in ländlichen Regionen ein.
Der Druck, das Thema endlich anzugehen, ist hoch. Laut einer Branchenanalyse von 2024 ist die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland in sieben Jahrzehnten von 1,8 Millionen auf rund 256.000 gesunken. Und dieser Negativtrend geht weiter. Bis 2040 wird ein Rückgang auf 100.000 Betriebe prognostiziert. Das Höfesterben ist kein natürlicher Strukturwandel. Es ist das Resultat eines Marktversagens, das seit Jahrzehnten toleriert wird.
Der Kakaopreisschock zu Beginn des Jahres 2024 illustriert zudem die Notwendigkeit, auch internationale Agrarlieferketten in den Blick zu nehmen. Die aktuelle UTP-Richtlinie schützt bereits Importeure in die EU vor unfairen Handelspraktiken. Klimawandel und Pflanzenkrankheiten vernichteten Ernten vor allem in Ghana und an der Côte d’Ivoire – den beiden größten Kakaoproduzenten der Welt. Die Endverbraucherpreise für Schokolade stiegen dramatisch. Die Bäuerinnen und Bauern profitierten davon jedoch so gut wie gar nicht.
Preisanstiege dieser Art sind die vorhersehbare Konsequenz von Lieferketten, in denen Produzentinnen und Produzenten systematisch unterfinanziert werden, sodass sie nicht in Klimaschutz und Klimaanpassung investieren können. Preise, die die Kosten einer nachhaltigen Produktion nicht decken, gefährden die Resilienz von Lieferketten und sind denjenigen Menschen gegenüber ungerecht, die in Deutschland und weltweit am Anfang der Wertschöpfungskette stehen.
Wie unfaire Preise verhindert werden können
Fairtrade und der faire Handel beweisen, dass kostendeckende Preise für Produzentinnen und Produzenten im globalen Süden berechenbar sind. Instrumente wie der Fairtrade Living Income Reference Price, der für verschiedene Produkte und Regionen konkrete Benchmarks liefert, zeigen, wie es geht. Entscheidend ist dabei: Bäuerinnen und Bauern müssen mit am Verhandlungstisch sitzen, wenn über Preise gesprochen wird. Im Fairtrade-System ist das der Fall.
Und: Gerechte Einkaufspreise müssen auch die Endverbraucherpreise nicht zwingend erhöhen. Denn Erzeugerpreise, die existenzsichernde Einkommen ermöglichen, sind schon jetzt markttauglich. Das bestätigen nicht zuletzt Kooperationen mit dem Lebensmitteldiscounter Lidl International.
Die anlaufende Reform der UTP-Richtlinie bietet jetzt das richtige Fenster für eine europaweit verbindliche Lösung. Im Rahmen der nationalen Umsetzung der aktuellen UTP-Richtlinie von 2019 haben Spanien, Frankreich und Belgien bereits verschiedene Maßnahmen ergriffen. Auf diese unterschiedlichen Ansätze bezieht sich auch das Fair Trade Advocacy Office in seinen Empfehlungen zur UTP-Reform.
Was jetzt von der Politik gefordert ist
Die Evaluation der Europäischen Kommission vom Dezember 2025 hält zwar fest, dass es für eine Bewertung der nationalen Ansätze in Spanien, Frankreich und Belgien noch zu früh ist. Doch faire Preise in der europäischen und globalen Landwirtschaft sind dringend nötig. Das Marktversagen muss beendet werden, um weitere Angebotsschocks und unsichere Lieferketten zu verhindern sowie Existenzen entlang globaler Lieferketten zu sichern. Es braucht einen gesetzlichen Rahmen, der Preise unterhalb der Produktionskosten als unfaire Handelspraktik klassifiziert – europaweit und verbindlich.
Fairtrade Deutschland fordert daher gemeinsam mit Misereor, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Naturland, Inkota und zahlreichen weiteren Initiatorinnen und Initiatoren Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (dazu auf, sich dafür einzusetzen, dass der Einkauf unterhalb der Produktionskosten als unfaire Handelspraktik in die reformierte UTP-Richtlinie aufgenommen wird.
Faire Preise sind kein Luxus und keine Utopie. Bäuerinnen und Bauern müssen von ihrer Arbeit leben können. Mit der Reform der Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken haben die EU-Staaten jetzt die Möglichkeit, das aktuelle Marktversagen zu korrigieren. Dafür sollte sich auch die deutsche Bundesregierung starkmachen.
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