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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Europäische Sprachmodelle und die Rolle des Staates im Innovationsökosystem

Robert Peters, Institut für Innovation und Technik
Robert Peters, Institut für Innovation und Technik Foto: VDI/VDE Innovation + Technik GmbH

Öffentliche Beschaffung sollte stärker als Hebel für Innovation genutzt werden. Die Entwicklung eines europäischen Sprachmodells ist dringend notwendig und bietet eine gute Gelegenheit, die Rolle des Staates im Innovationsökosystem neu zu definieren, schreibt Robert Peters vom Institut für Innovation und Technik.

von Robert Peters

veröffentlicht am 04.04.2022

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So kontrovers digitalpolitische Debatten geführt werden, ein Bekenntnis bildet gemeinhin den kleinsten gemeinsamen Nenner: Es gilt, die digitale Souveränität Europas zu stärken. Jenseits davon endet vielfach die Geschlossenheit. Zu verschieden scheinen die Interessen derer, die bei Digitalisierung vor allem an skalierbare Geschäftsmodelle denken und die Überzeugungen jener, die sich hinter dem viel zitierten Selbstverständnis „Digitalpolitik ist Gesellschaftspolitik“ versammeln. Jetzt mehren sich die Anzeichen, dass sich am Beispiel eines europäischen KI-Sprachmodells in der Praxis zeigen könnte, wie sich gesellschaftliche und ökonomische Interessen bei der Entwicklung einer Hyperscaler-Infrastruktur ergänzen. Definiert der Staat seine Rolle im Innovationsökosystem neu, könnte sich daraus der Impuls für ein neues politisches Verständnis von „Forschungs- & Innovationspolitik als Gesellschaftspolitik“ entwickeln.

Anwendungsfall Europäisches Sprachmodell

Sprachmodelle sind Enabler moderner Dialogsysteme, mit denen niedrigschwellige und inklusive Mensch-Maschine-Schnittstellen angeboten werden können. Präsent in vielen Haushalten sind bislang vor allem Sprachassistenzsysteme, die in Smartphones, Smart-Speakern und anderen Endgeräten integriert sind. 38 Prozent der Deutschen nutzen Sprachassistenten. Für Unternehmen und öffentliche Verwaltung sind die Anwendungsszenarien vielfältig: Ob als digitale Einkaufsberater:innen, zur Automatisierung von Hotlines oder als Schnittstelle zu den Bürger:innen. In der Regel integrieren Dialogsysteme verschiedene Funktionen, die gesprochene oder geschriebene Sprache erkennen, verarbeiten und synthetisieren. Dabei handelt es sich meist um hybride Systeme, die sowohl regelbasierte Algorithmen als auch Sprachmodelle nutzen.

Während die Dialogsteuerung häufig mittels regelbasierter Algorithmen erfolgt, übernehmen immer häufiger Sprachmodelle das Textverstehen und die Texterzeugung. Sprachmodelle sind tiefe neuronale Netze, die mittels großer Datenmengen vortrainiert werden. Dabei bilden sie ein Sprach- und Faktenverständnis aus. Das wohl bekannteste Sprachmodell GPT-3 verfügt über 175 Milliarden Parameter. Weltweit ist nur das chinesische Sprachmodell Wudao 2.0 mit 1,75 Billionen Parametern noch komplexer. Einmal trainiert, kann das Modell mittels Feintuning, auf kleineren Datensätzen z. B. für das Erkennen von Sentiments (Meinungen oder Stimmungen) trainiert werden.

Strukturelle Abhängigkeit mit gesellschaftlichen und ökonomischen Folgen

Ein vergleichbar leistungsfähiges Sprachmodell wie GPT-3 gibt es in Europa bislang nicht, auch wenn beispielsweise das Start-up Aleph Alpha daran arbeitet. Damit besteht eine strukturelle Abhängigkeit von den USA: Wollen deutsche Unternehmen mit dem System arbeiten, müssen sie Unternehmens- und Kund:innendaten an US-Server übermitteln. Die Folgen sind gesellschaftlich wie ökonomisch erheblich. So ist bei außerhalb der EU betriebenen Sprachmodellen nicht nur der Datenschutz berührt. Auch könnte auf Dauer die europäische Sprachenvielfalt gefährdet sein, wenn Sprachtechnologien kleine Sprachfamilien oder regionale Akzente nicht berücksichtigen. Ökonomisch gibt es zwischen europäischen Anbietern und Technologiekonzernen aus den USA kein level playing field. Wenn ein Unternehmen in Deutschland Dialogsysteme aufbauen will, erreicht es nur eine geringe Wertschöpfungstiefe, weil es seine Produkte und Services lediglich via API-Schnittstelle auf Basis von Infrastruktur aus Drittländern betreiben kann. Daher fordert etwa die KI-Wirtschaft ein europäisches Sprachmodell.

F&I-Politik als Gesellschaftspolitik? Das Momentum ist da!

Einiges spricht dafür, dass es gelingt, am Beispiel eines europäischen Sprachmodells in der Praxis zu zeigen, wie sich gesellschaftliche und ökonomische Interessen bei der Entwicklung von Hyperscaler-Infrastruktur gegenseitig verstärken. Das Momentum scheint da. Dafür sprechen drei Gründe:

1)       Eine vielversprechende Initiative

Mit dem Projekt OpenGPT-X gibt es bereits eine vielversprechende Initiative. Das Konsortium wird im Rahmen des Gaia-X-Förderwettbewerbs unterstützt. Die Basisversion soll zunächst in deutscher und englischer Sprache trainiert werden, eine Ausweitung auf andere europäische Sprachen ist explizit angelegt. Ziel ist es, die Technologie für verschiedene Branchen über Gaia-X-Schnittstellen zur Verfügung zu stellen. Es wird sich zeigen, ob die gesellschaftlichen Potenziale voll ausgeschöpft werden. Dazu wird es darauf ankommen, das Projekt konsequent in Hinblick auf europäische Werte und unter Einbindung zivilgesellschaftlicher Expertise zu entwickeln und auszurollen.

2)       Das Timing stimmt

Bislang sind die Netzwerkeffekte, die etablierte Sprachmodelle erzeugen, noch nicht zu groß. Das lässt Spielraum, ein europäisches Sprachmodell aufzubauen. Ein Glücksfall. Gerade weil es bei Hyperscalern auf das richtige Timing ankommt, kann das Beispiel eines europäischen Sprachmodells F&I-Politik ermutigen, dauerhaft vor die Lage zu kommen. Ziel muss es sein, ein Foresight-gestütztes Monitoring zu etablieren, mit dem potenzielle Schlüsseltechnologien frühzeitig erkannt und europäische Entwicklungen angestoßen werden können, wie es die EFI-Kommission in ihrem Jahresgutachten vorschlägt.

 3)       Rolle des Staates im Innovationsökosystem wird neu austariert

Die Chancen stehen gut, dass der Staat künftig eine proaktivere Rolle in der F&I-Politik einnimmt. Im Fokus steht dabei der Ansatz, öffentliche Beschaffung als Hebel für Innovation zu nutzen. Das Prinzip: Staatliche Nachfrage ermöglicht die Entwicklung von Schlüsseltechnologien, indem innovative Anwendungen durch den Öffentlichen Sektor eingekauft werden. Darin liegt nicht zuletzt die Chance für eine wertegeleitete F&I-Politik. Rafael Laguna bringt das Prinzip auf den Punkt: Als Gesellschaft sollten wir „unser Geld dahin geben, wo unsere Werte sind“. Die Corona-Pandemie eröffnet hier ein Möglichkeitsfenster, für eine stärker steuernde Rolle des Staates im Allgemeinen und einen größeren Stellenwert der innovativen öffentlichen Beschaffung im Speziellen.

Robert Peters leitet als Zukunftsforscher und Politikberater am Institut für Innovation und Technik (iit) Analyse- und Beratungsprojekte für Akteure aus dem öffentlichen und dem privaten Sektor. Für das Büro für Technikfolgen-Abschätzung analysiert er Perspektiven von KI-basierten Sprachtechnologien. Für das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz untersuchte Peters zuletzt die Folgen der Corona-Pandemie für Gesellschaft und Innovation.

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