KI-Governance : Unternehmen brauchen Führungsgremien mit echter KI-Kompetenz
Wer KI einsetzt, ohne KI-Kompetenz strukturell im Boardroom zu verankern, handelt fahrlässig. Schulungen allein reichen angesichts der regulatorischen Risiken des EU AI Act nicht aus. Unternehmen müssen echte KI-Expertise dauerhaft in Aufsichtsrat und Vorstand integrieren, findet Peyman Pouryekta.
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Mit dem EU AI Act hat die Europäische Union einen regulatorischen Rahmen geschaffen, der Künstliche Intelligenz erstmals als systemisches Haftungs- und Risikothema behandelt. Spätestens mit der vollständigen Anwendbarkeit ist klar: KI ist kein Innovationsprojekt mehr, sondern ein reguliertes Steuerungs- und Kontrollobjekt mit unmittelbaren rechtlichen Konsequenzen für Unternehmensführung und Aufsicht.
Die zentrale Verschiebung ist dabei noch nicht in allen Führungsgremien angekommen: Verantwortung für KI endet nicht im IT-Raum, sondern liegt in den Kontroll- und Entscheidungsebenen von Vorstand und Aufsichtsrat. Genau dort jedoch zeigt sich eine gefährliche strukturelle Lücke.
Laut Dax Digital Monitor geben zwar rund 95 Prozent der Dax-Unternehmen an, über Digitalkompetenz im Aufsichtsrat zu verfügen – diese Angaben beruhen jedoch überwiegend auf Selbsteinschätzungen und sind nur eingeschränkt überprüfbar. Parallel dazu zeigt sich, dass nur ein kleiner Teil der Gremien tatsächlich über belastbare digitale und technologische Entscheidungsfähigkeit verfügt.
Das Ergebnis ist ein Governance-Paradox: Die formale Zuständigkeit ist klar geregelt, die faktische Fähigkeit zur Ausübung dieser Kontrolle jedoch häufig nicht vorhanden.
AI Act verschärft Governance-Paradox
Diese Lücke wird durch den EU AI Act nicht entschärft, sondern verschärft. Mit Bußgeldern von bis zu sieben Prozent des weltweiten Jahresumsatzes in besonders schweren Fällen wird KI-Regulierung zu einem erheblichen unternehmerischen Risiko. Haftung wird damit nicht nur abstrakt, sondern unmittelbar finanziell spürbar – und die Verantwortung dafür bleibt auf Ebene von Vorstand und Aufsicht.
Vor diesem Hintergrund ist die verbreitete Reaktion vieler Unternehmen – punktuelle Schulungen für Aufsichtsräte und Vorstände – unzureichend. Sie suggeriert Handlungsfähigkeit, wo strukturell keine besteht. Ein zweitägiges Seminar kann keine fehlende technologische Urteilskraft ersetzen, wenn es um die Bewertung komplexer KI-Systeme, Datenabhängigkeiten oder regulatorischer Schwellenwerte geht.
Es geht dabei nicht darum, dass Aufsichtsräte selbst KI-Systeme entwickeln oder auf Detailebene verstehen müssen. Entscheidend ist die Fähigkeit, Möglichkeiten und insbesondere die Grenzen von KI-Systemen realistisch einschätzen zu können. Diese Urteilskraft lässt sich nicht allein durch punktuelle Schulungen vermitteln, sondern erfordert ein tieferes Verständnis der zugrunde liegenden Technologien und ihrer Auswirkungen auf Geschäftsmodelle und Risiken.
Sicherstellen, dass KI-Risiken nachvollziehbar sind
Noch gravierender ist die verbreitete Annahme, technologische Risiken ließen sich operativ an IT-Abteilungen oder einzelne Funktionen delegieren. Diese Perspektive verkennt, dass KI-Systeme längst nicht mehr reine Infrastruktur sind, sondern zentrale Bestandteile von Geschäftsmodellen, Entscheidungslogiken und Wertschöpfungsketten. Damit wird ihre Steuerung zu einer originären Aufgabe der Unternehmensaufsicht.
Im Sinne der Business Judgment Rule entsteht daraus eine klare Erwartung an verantwortungsvolle Entscheidungsprozesse: Wer Entscheidungen mit KI-Bezug trifft oder genehmigt, muss sicherstellen, dass deren Risiken nachvollziehbar verstanden und bewertet werden. Wo diese Fähigkeit fehlt, entsteht nicht nur ein Governance-Defizit, sondern ein potenziell haftungsrelevantes Risiko.
Kompetente Führungsgremien
Die Konsequenz ist eindeutig: KI-Kompetenz muss strukturell in den Führungsgremien verankert werden. Das betrifft sowohl die Besetzung von Aufsichtsräten als auch die kontinuierliche, institutionalisierte Einbindung unabhängiger technologischer Expertise mit echter Entscheidungsrelevanz. Punktuelle Weiterbildung reicht nicht aus, wenn Verantwortung dauerhaft wahrgenommen werden soll.
Damit verschiebt sich die Debatte von einer Frage der Innovationsfähigkeit zu einer Frage der Aufsichtspflicht. Es geht nicht mehr darum, ob Unternehmen KI einsetzen, sondern ob ihre Kontrollgremien überhaupt in der Lage sind, diesen Einsatz zu beaufsichtigen.
Unternehmen, die diese Entwicklung ignorieren, bewegen sich zunehmend im Bereich struktureller Governance-Risiken. In einem regulierten KI-Markt ist das kein strategischer Nachteil mehr, sondern ein rechtliches Risiko mit potenziell existenziellen Folgen.
Peyman Pouryekta ist Tech-Unternehmer und ehemaliger CTO mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Skalierung digitaler Geschäftsmodelle. Heute begleitet er als Aufsichtsrat Unternehmen bei der KI-Transformation.
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