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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Keine Angst vor KI im Unternehmen

Nicole Gerhardt, Personalchefin von Telefónica Deutschland
Nicole Gerhardt, Personalchefin von Telefónica Deutschland Foto: Telefónica Deutschland

Unternehmen nutzen KI-Technologien noch zurückhaltend – und wenn, dann vor allem für die Produktion und Prozessautomatisierung. Gerade im Personalbereich bieten sich jedoch viele Möglichkeiten und Perspektiven für Mitarbeiter:innen, schreibt die Personalchefin von Telefónica, Nicole Gerhardt.

von Nicole Gerhardt

veröffentlicht am 19.11.2021

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Das Interesse an KI wächst in deutschen Unternehmen. Laut einer 2021 durchgeführten Studie von IDG Research in Zusammenarbeit mit Microsoft, Lufthansa und Datalab verwenden bereits zwei Drittel der deutschen Unternehmen Machine Learning – bei den großen Firmen sogar 73 Prozent. Erstaunlich dabei ist, dass sich das Einsatzfeld immer noch maßgeblich auf Produktionsumgebungen und Prozessautomatisierung konzentriert. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass sich durch den sinnvollen Einsatz von KI im Bereich der Organisationsentwicklung nicht nur Prozesse und Produktqualität verbessern lässt, sondern auch die Perspektiven und die Chancenvielfalt für Mitarbeiter*.

Mitarbeitern ein Angebot machen – mittels KI

Als technologiegetriebenes Unternehmen steht für uns bei Telefónica an oberster Stelle, den digitalen Wandel verantwortungsvoll zu gestalten. Neue Kompetenzen sind in immer kürzeren Abständen gefragt, Jobprofile verändern sich, fallen weg, entstehen neu. Um unsere Mitarbeiter auf diese Reise mitzunehmen, schaffen wir seit vergangenem Jahr einen Rahmen, in dem sie frühzeitig in neue Aufgaben hineinwachsen, beweglich bleiben und ihre Beschäftigungsfähigkeit langfristig stärken können.

Eine smarte Technologie, der wir den Namen „BEYOND“ gegeben haben, bietet Mitarbeitern die Möglichkeit, ihre eigene Entwicklung und Karriere stärker als bisher aktiv zu managen. Dafür vergleicht „BEYOND“ Kompetenzprofile von Mitarbeitern und zeigt passende Entwicklungsmöglichkeiten für den Einzelnen auf, unter anderem Projekteinsätze oder Jobrotationen. Dabei führt die Technologie auch gleich eine Gap-Analyse durch, welche Kompetenzen für die neuen Aufgaben noch fehlen und schlägt Möglichkeiten vor, diese aufzubauen, beispielsweise mittels Learning Journeys im Bereich Data Analytics oder auch LinkedIn Learning Kursen. Nachdem die Programme absolviert sind, kann BEYOND die neu erworbenen Kompetenzen automatisiert zum Profil hinzufügen.

Für uns war die Einführung der KI-basierten Plattform ein erster Schritt, um Mobilität und selbstbestimmte Weiterentwicklung in der Organisation flächendeckend zu ermöglichen. Wir sind nun dabei, die Plattform weiterzuentwickeln. Denn während uns der KI-Algorithmus beim Matching zwischen Skills und Einsatzmöglichkeiten im Unternehmen schon gut unterstützt – „BEYOND“ wird noch bessere Ergebnisse liefern, wenn wir die darin verarbeiteten Daten für Prognosen nutzbar machen, beispielsweise in der strategischen Personalplanung und Ressourcensteuerung. Wir wollen die Plattform als Kompetenzdatenbank weiter ausbauen, damit wir künftig auch quantitative Gap-Analysen zwischen verfügbaren und künftig benötigten Skills durchführen können. Das Potenzial ist groß.

Datennutzung muss kein Konfliktherd sein

Die größte Hemmschwelle beim Einsatz von KI ist für viele Unternehmen aber nach wie vor der Umgang mit Daten – vor allem in Deutschland. Selbstverständlich ist der Schutz von persönlichen Daten nicht verhandelbar. Datenschutz darf aber auch kein Argument dafür sein, jede Diskussion über innovative Technologien grundsätzlich auszuschießen. Stattdessen gilt es, gemeinsam im Unternehmen in den Austausch zu gehen, um die beste Lösung zu finden. Bei Telefónica haben wir uns vor der Einführung von „BEYOND“ mit den Arbeitnehmervertretern intensiv ausgetauscht. Das Ergebnis: keine Rückkoppelung der Daten zu öffentlichen Plattformen wie LinkedIn und transparente Regeln zur Datennutzung garantieren den Mitarbeitern volle Kontrolle über ihre Daten. Unsere Mitarbeiter können ihre Daten einfach, vollständig und selbstbestimmt hochladen und jederzeit wieder entfernen. „Freiheit und Verantwortung im digitalen Zeitalter“ ist unser Leitsatz, ganz besonders auch im Umgang mit KI.

Zudem benötigt jedes Unternehmen ein gemeinsames Grundverständnis dieser neuen Technologie. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen divergieren bei KI viel weniger, als manche öffentliche Debatte vermuten lässt. Es geht daher darum, an die Technologie heranzuführen und Neugier und Offenheit zu wecken. Das setzt voraus, dass Arbeitgeber, Gewerkschaften und Betriebsräte eine konstruktive Haltung gegenüber KI und Daten einnehmen. Wenn Mitarbeiter, Arbeitnehmervertreter und Arbeitgeber gleichermaßen an Entwicklung, Ausgestaltung und am Einsatz von KI arbeiten, schafft dies einen gemeinsamen Verständnishorizont, der zu mehr Vertrauen in die Anwendungen führt. Und letztlich hilft ein konkreter Use Case, den Mitarbeiter selbst ausprobieren können, unserer Erfahrung nach am meisten, um Berührungsängste abzubauen.

KI nutzen, wo die Technologie Nutzen bringt

Außerdem muss im Unternehmen klar über den Möglichkeitshorizont von KI aufgeklärt werden – was die Technologie leisten kann, und was nicht. Der gesellschaftliche Diskurs bewegt sich heute in vielen Bereichen in Extremen – so auch beim Thema KI: Gegner und Unterstützer zeichnen sich oftmals entweder durch radikale Ablehnung der Technologie aus oder preisen KI als Allroundlösung für fast jedes Problem. Bei Telefónica plädieren wir für einen pragmatischen Ansatz: Nur dort, wo KI einen Mehrwert liefert, ist ihr Einsatz richtig. Der persönliche Dialog, Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, Dinge abzuwägen, bleiben exklusive menschliche Kernkompetenzen, die eine KI nicht ersetzen kann und soll.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Wenn Datennutzung transparent betrieben wird, die Organisation ein gemeinsames Verständnis über die Anwendungsfelder von KI erlangt und den Mitarbeitern klar ist, was die Technologie in ihrem jeweiligen Bereich verbessert – dann kann heute jedes Unternehmen durch den sinnvollen Einsatz von KI nicht nur die Qualität seiner Produkte, sondern auch seine internen Prozesse und die Perspektiven seiner Mitarbeiter verbessern. Technologieoffenheit und Mut zahlen sich dann für alle aus. 

Nicole Gerhardt ist seit August 2017 Chief Human Resources Officer von Telefónica Deutschland und verantwortet in dieser Funktion den Personalbereich des Unternehmens. Zuvor war die Juristin Executive Vice President Human Resources bei Pro7/Sat1.

* Die gewählte männliche Form in diesem Beitrag bezieht sich immer zugleich auf weibliche, männliche und diverse Personen. Auf eine Mehrfachbezeichnung wurde zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.

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