Stadtforscherin Ziemer: Die Zukunft der Städte ist digital

Gesa Ziemer
Gesa Ziemer leitet seit 2015 das City Science Lab in Hamburg und hat dort unter anderem das digitale Beteiligungstool DIPAS mitentwickelt. Seit März verantwortet sie zudem ein Stadtlabor der Vereinten Nationen. (Foto: Janina Kriszio)

Die Digitalisierung und Corona treiben den Wandel in den Städten radikal voran, sagt die Städteforscherin Gesa Ziemer. Sie leitet an der Hafencity Universität seit kurzem ein UN-Stadtlabor für nachhaltige Stadtentwicklung durch Digitalisierung. Dort sollen innovative Technologien entwickelt werden, die in Städten auf der ganzen Welt zum Einsatz kommen.

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Technologien für nachhaltige Stadtentwicklung sollen am UN Innovation Technology Accelerator for Cities in Hamburg (UNITAC Hamburg) entwickelt werden. Das Projekt ist im März an der Hafencity Universität (HCU) gestartet. Die akademische Leitung hat Gesa Ziemer inne. Ziemer, Professorin für Kulturtheorie, leitet an der HCU seit 2015 auch das City Science Lab, an dem die Veränderung von Städten durch und mit der Digitalisierung erforscht wird und digitale Anwendungen dafür entwickelt werden. Tagesspiegel Background hat mit Ziemer über die Stadtentwicklung der Zukunft, die Beteiligung von Bürger:innen an dem Prozess und die Arbeit im UNITAC gesprochen.

Frau Ziemer, wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Welche Stadt? Es gibt so viele verschiedene. In Europa werden wir uns in der Stadt der Zukunft anders fortbewegen, viel mehr mit Sharing-Diensten, zu Fuß, mit dem Fahrrad. Wir werden die Innenstädte multifunktionaler nutzen und dort auch mehr Mischnutzung sehen. Die reinen Konsum-Meilen gehören der Vergangenheit an, das hat uns auch die Coronapandemie gezeigt. Ich hoffe auch, dass die Städte grüner werden. Und sozial gerechter. Wir brauchen in der Stadt der Zukunft auf jeden Fall mehr bezahlbaren Wohnraum und gute digitale Dienste für die Menschen.

Welche Rolle spielen Daten in der Stadt der Zukunft?

Städte brauchen offene urbane Datenplattformen. Ganz wichtig ist, dass die von den Städten selber verwaltet und aufgebaut werden. Wir dürfen das nicht ausschließlich privatwirtschaftlichen Unternehmen überlassen. In diesen Plattformen werden auch viel mehr Daten von Bürgerinnen und Bürgern stecken, die diese selber erheben werden. Zum Beispiel Mobilitätsdaten über Smartphones oder Umweltdaten über Sensoren, die an Rucksäcken angebracht werden können. Bürgerinnen und Bürger werden auch das Recht haben wollen, sich an der Stadtplanung zu beteiligen.

Das ist ein Trend, der teilweise schon in der Gegenwart angekommen ist.

Wir beobachten, dass sich bei Bürgerbeteiligungsverfahren heute über digitale Tools viel mehr Menschen beteiligen. Bei Reizthemen machen schon einmal ein paar Tausend Menschen mit. Früher, als man dafür ins Bürgerhaus musste, waren es viel weniger. Vor allem die Jüngeren wollen sich beteiligen. Und zwar konstruktiv mit vielen Ideen. Destruktive Kommentare sehen wir sehr selten.

Was heißt das für die Planung?

Top-Down-Planung führt oft zu Konflikten. Digitalität bietet die Möglichkeit, Bürgerdialoge zu eröffnen und auch Entscheidungshilfen für Expertinnen und Experten zu bauen. In Hamburg haben wir das Digitale Partizipationsmodell (DIPAS) mit entwickelt, das beispielsweise Verkehrsanbindung, Naturschutz und die soziale Infrastruktur abfragt. Maschinelles Lernen hilft dann, die ganzen Kommentare zu clustern und auszuwerten.

Wie weit kann die Bürgerbeteiligung bei der Stadtentwicklung gehen?

Die erste Frage für Städte und Regierungen ist, welches Gewicht die Beteiligungen haben sollen. Wir bewegen uns häufig auf dem Level von Empfehlungen, juristisch könnten sie theoretisch übergangen werden. Die meisten Städte schauen sich aber die Anmerkungen genau an. Und es gibt sogar Verfahren, bei denen die Bürgerinnen und Bürger aktiv mitwirken und co-designen.

Wie können denn auch „alte“ Stadtteile, in denen wenig neue Baufläche entstehen kann, durch digitale Anwendungen für die Menschen lebenswerter werden?

Es geht immer weniger darum, neue Gebäude zu bauen. Eher geht es um urbane Transformationen, also um Umbauten oder Sanierungen. In einigen Städte ist es beispielsweise ein Thema Gebäude aufzustocken. Dabei ist auch klimagerechte Sanierung im Trend. Sensoren können helfen, den Energieverbrauch von Gebäuden zu optimieren. Überhaupt nimmt das ganze Thema Sensorik stark zu, auch in der Verkehrsflusssteuerung. Ampeln werden mit Sensoren ausgestattet, damit sie selber erkennen können, wann sie schalten müssen, um den Verkehr gut durch die Stadt zu steuern. Auch werden in Zukunft immer mehr Quartiersdaten wie Luftqualitäts- oder Lärmdaten mit Gebäudedaten verbunden werden.

Und abseits davon?

Durch den Homeoffice-Trend wird bald mehr Bürofläche zur Verfügung stehen. Also ist das Sharing von Räumen auch ein großes Thema. Menschen können die Räume dann zu unterschiedlichen Zeiten oder auch außerhalb der Arbeitszeiten für Events nutzen. Ähnliches gilt für den Handel. Auch da muss es multifunktionale Nutzungskonzepte geben. Die Räume können mit digitaler Infrastruktur ausgerüstet werden. Wir benötigen solche Daten, um über multifunktionale Räume und neue Handelskonzepte nachdenken zu können.

Ist die Pandemie ein Katalysator für diese Entwicklung?

Ja. Man sagt aktuell, dass 30 Prozent der Geschäfte in den Innenstädten nicht wiederkommen werden. Und da müssen sich die Städte etwas überlegen: Was geschieht dann mit dieser Fläche und den Gebäuden? Man kann leerstehende Kaufhäuser in Wohngebäude umwandeln, allerdings oft mit großem Aufwand, weil diese meist wenig Fenster haben. Aber auch andere Themen sind durch die Pandemie mehr in den Fokus gerückt, wie Konzepte der „15-Minute-City“ oder der „Superblocks“. Demnach soll alles, was Menschen in der Stadt brauchen, also Geschäfte, Ärzte, Dienstleister, in 15 Minuten oder unmittelbarer Nähe erreicht werden können. Die Idee ist nicht neu, aber gerade durch die Pandemie wieder hochaktuell.

Welche Rolle spielt dabei Technologie?

All das können wir digital planen und Menschen können digitale Services nutzen, um sich zu informieren. Wir arbeiten viel mit interaktiven Karten und haben mittlerweile so viele Daten, dass wir sehr viele Szenarien auf Karten durchspielen können. Zum Beispiel, wie sich eine Stadt verändert, wenn wir mehr Schulen bauen. Daten ermöglichen aber vor allem, dass die verschiedenen Fachbehörden besser interdisziplinär zusammen arbeiten können. Dies ist ein großer Gewinn.

Die nächste große Herausforderung ist ja mit dem Klimawandel schon da. Was heißt das für Städte?

In Städten sind die Temperaturen und die Emissionen generell höher. Denn wir haben viel zu viel Boden versiegelt und das mit Materialien, die sich stark aufheizen. Das Begrünen von Städten ist daher auch für die digitale Stadtplanung eine große Aufgabe. Wir können hier verschiedene Szenarien simulieren, zum Beispiel wie viel eine Fassadenbegrünung bringt. Auch Karten, welche CO2-Ausstoß-Reduktionen zeigen, sind wichtig, mit Unternehmen arbeiten wir auch an Karten zur Luftqualität in Hamburg. Der Klimawandel ist für Städte weltweit ein Thema.

Mit Lösungen für Städte auf der ganzen Welt beschäftigen Sie sich im UNITAC Hamburg, der im März gestartet ist – ein weltweites Pilotprojekt der Vereinten Nationen. Wie kam es dazu?

Die UN muss, um ihre Ziele zu erreichen, auch innovative Technologien liefern, gerade, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Das City Science Lab in Hamburg hat eine Modellfunktion für die Entwicklung dieser Technologien. Im UNITAC werden interaktive Karten vor allem für informelle Siedlungen in Megastädten gebaut. Sie können dabei helfen, dass sich die Menschen besser verständigen.

Finanziert wird das UNITAC vom Auswärtigen Amt. Wir kooperieren mit der UN-Habitat in Nariobi und dem UN Office of Information and Communications Technology (OICT).

Mit was beschäftigen Sie sich im Moment?

Städte und Regionen aus der ganzen Welt konnten sich mit Projektideen bewerben. Wir sind gerade damit fertig geworden, uns alle Bewerbungen anzusehen. In den nächsten Wochen werden wir auswählen, welche Projekte wir starten. Und bis Ende des Jahres haben wir hoffentlich zwei davon gut realisiert.

Um welche Themen drehen sich die Projekte?

Ein großes Thema sind informelle Siedlungen. In denen leben rund 25 Prozent der gesamten Menschheit, aber wir haben oft wenig Daten über sie. Wir wissen nicht, wie viele Menschen dort leben, wie sie sich medizinisch versorgen oder wie die Bildung ist. Es ist eine große Hilfe, über diese Siedlungen datenbasierte interaktive Karten zu erstellen. Viele Städte auf der Welt benötigen zudem offene Datenplattformen. Denn viele Daten stehen den Behörden dort gar nicht zur Verfügung. Da geht es dann auch darum, wie Daten gesammelt und systematisiert werden können. Und natürlich die partizipative Stadtentwicklung. Die beschäftigt alle Städte in Demokratien auf der ganzen Welt.

Woher kommen die Bewerbungen?

Aus allen Regionen der Welt. Sehr agil ist Afrika. Dort ist die Bevölkerung sehr jung und digital affin. Aber auch aus dem arabischen Raum und aus Südamerika kommt viel Interesse.

Welche Herausforderungen sehen Sie da für Ihre Arbeit?

Es gibt zwei große Herausforderungen: Entweder, wir haben Regionen oder Städte, von denen wir wenige Daten zur Verfügung haben. Dann müssen wir diese mithilfe der lokalen Bevölkerung erheben. Oder wir haben viele Daten, sie sind aber überhaupt nicht zusammengeführt.

Und wie sieht es mit den technologischen Voraussetzungen aus?

Das Smartphone ist im Fokus. Ein Großteil der Menschheit hat auch in den ärmsten Ländern der Welt ein Handy. So können wir Kommunikationsdaten analysieren. Viel können wir auch über Social Media oder Mobilitätsdaten herausfinden. Über sogenanntes Community Mapping können wir Daten mit der Bevölkerung erheben. Ein möglicher Anwendungsfall wäre, dass die Menschen die Wasserzugänge in ihrer informellen Siedlung notieren, so kann man den Zugang zu Wasser gerecht und für alle zugänglich machen.

Wie ist es denn mit der Akzeptanz solcher digitaler Tools? In Deutschland ist etwa der Datenschutz oft ein Thema.

Das ist immer unterschiedlich und hat viel mit der Geschichte des Landes und der Kultur zu tun. Es gibt Regionen, in denen es viele Überschwemmungen gibt. Da tun die Menschen alles für Daten, die ihnen dabei helfen, bessere Prognosen zu haben. In Deutschland gab es viel Überwachung, in der DDR und während der Nazi-Zeit. Deshalb sind die Menschen hier skeptisch. In Asien hingegen ist die Technologie-Affinität sehr groß. Aber genau beantworten kann man das nur von Land zu Land.

Ein zentraler Punkt für die UN sind sogenannte „People centered Smart Cities“. Was genau heißt das?

Ich sage grundsätzlich lieber „Digitale Stadt“ anstatt „Smart City“. Aber an sich geht es darum, dass wir nutzerorientiert arbeiten. Ganz nah an dem Bedarf der Bürgerinnen und Bürger. Wir fragen erst, was wird gebraucht und anschließend entwickeln wir die Technologie, nicht andersherum.

Was ist bei Ihrer Arbeit im UNITAC noch wichtig?

Open Source ist sehr wichtig. Auf von uns entwickelten Code müssen über Github Programmierer:innen auf der ganzen Welt zugreifen können. Außerdem müssen alle Werkzeuge, die wir erstellen, so niedrigschwellig wie möglich sein. Also günstig und einfach zu machen. Das haben wir auch in einem Projekt in Indien mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) festgestellt. Wir haben eine ganz einfache Do-it-yourself-Anleitung erstellt. Darin war beschrieben, wie man das Tool baut und woher man die Daten dafür bekommt. Damit konnte jeder, der ein bisschen was vom Programmieren versteht, das Tool nachbauen. 

Die Fragen stellte Katharina Schneider.

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