Klimawandel : „Dann wird man selten und stirbt aus“
Der Münchner Professor Michael Schrödl hat ein Buch über das Artensterben geschrieben. Noch sei die industrielle Landwirtschaft die größere Bedrohung für die Artenvielfalt, sagt Schrödl im Interview mit Tagesspiegel Background. Aber auch den Klimawandel müsse die Menschheit in den Griff bekommen.
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Herr Schrödl, vor kurzem ist die Mosaikschwanzratte im Barrier Reef ausgestorben, weil ihr Lebensraum durch den Anstieg des Meeresspiegels verlorenging. Es soll die erste Art sein, die allein wegen des Klimawandels ausgestorben ist. Stimmt das? Normalerweise ist ja niemand dabei, wenn gerade eine Art ausstirbt. Deswegen wird es eine absolute Sicherheit nie geben. Bei der Mosaikschwanzratte ist es höchst wahrscheinlich, dass sie von einer Überschwemmung weggespült wurde. Und weil das Meer seit der Industrialisierung global schon um 20 Zentimeter gestiegen ist, ist es wahrscheinlich, dass der Klimawandel etwas damit zu tun hat. Aber normalerweise hat das Aussterben immer mehrere Ursachen. Die Umweltbedingungen ändern sich, was klimawandelbedingt sein kann. Aber es geht nicht bloß um Erwärmung, sondern auch um Extremwettereignisse. Und dann gibt’s noch ein paar andere Sachen: Dass die Nahrungsorganismen selten werden, dass irgendein Fressfeind auftaucht oder dass man verdrängt wird, weil sich die Umweltbedingungen ändern. Ein Lebewesen braucht eben viele Dinge und oft hängen die Änderungen auch miteinander zusammen. Wie bedrohlich ist der Klimawandel für die Artenvielfalt? Es ist völlig klar, dass Tiere und Pflanzen, die nur auf flachen Atollen vorkommen, weg sind, wenn der Ozean da allzu oft stört. Viele Tiere und Pflanzen sind kälteliebend und wenn es wärmer wird, dann klettert man halt den Berg hoch. Und irgendwann ist es auch da zu warm oder zu windig oder zu trocken. Dann gibt es die guten Lebensbedingungen nicht mehr und dann wird man selten und stirbt aus. Das passiert mit Sicherheit jetzt im Moment zehntausendfach, hunderttausendfach. Bloß ist niemand dabei, hat niemand die Vergleichsdaten von vorher und auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist es in den meisten Fällen auch nicht. Was besonders beunruhigend ist: Man hat immer gedacht, in Äquatornähe gibt’s gar nicht so große Änderungen, weil es in nördlichen Breiten sehr viel schneller warm wird. Nun kam aber letztes Jahr eine Studie heraus, die hat in Puerto Rico in einem Naturschutzgebiet, das groß und komplett menschenunberührt ist, über 27 Jahre festgestellt, dass da alle möglichen Tiergruppen massiv zurückgegangen sind. Also so ähnlich wie in der Studie vom Entomologischen Verein Krefeld über Insekten. Manche Tiergruppen sind bis auf ein Viertel des Bestandes zurückgegangen und andere auf ein Sechzigstel des Bestandes. Und Aussterben funktioniert immer so, dass eine Art erst selten wird und dann letztendlich verschwindet. Das Erschreckende ist: Die Forscher haben keinen Grund gefunden, warum dieser Bestand von allen möglichen Viechern da zurückgehen sollte. Das Einzige, was sich verändert hat, waren die Spitzentemperaturen. Die waren geringfügig höher als früher und das muss das Gleichgewicht massiv gestört haben. Kennt man solche Daten auch aus anderen Naturschutzgebieten? Dieses auf Puerto Rico ist insofern eine Ausnahme, als man von nirgendwo sonst so gute Daten über so viele Jahre hinweg gesammelt hat, zumindest nichts, was mir bekannt wäre. Der Rückgang der Tierwelt war eine Überraschung für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen. Das wird im Amazonasbecken genauso passieren wie im Kongourwald und in Südostasien. Die paar Gegenden, die es noch gibt, die von Menschen weitgehend unberührt sind, könnten eventuell viel empfindlicher auf Klimawandel reagieren, als gedacht. Es muss schwer sein, sich jeden Tag damit zu beschäftigen. Das höre ich nicht zum ersten Mal. Mich haben schon Leute nach Vorträgen gefragt, wie ich das eigentlich aushalte, wenn ich darüber so viel weiß. Und wie halten Sie es aus? Ich bin ein Optimist. Ich glaube an Rettung. Wenn wir endlich was tun. Als Mittel der Wahl zur Rettung des Klimas gilt das Pflanzen von Bäumen. Kann das funktionieren? Wälder sollen ja auch gefährdet sein. Wir sollten schleunigst eine Billion Bäume pflanzen und pflegen, am besten naturnah und in den Tropen, wo man sie früher abgeholzt hat. Und wir müssen unbedingt mit der Entwaldung aufhören und Wälder schützen. In Waldgebieten kann durch den Klimawandel sehr viel Kohlendioxid frei werden, nicht nur durch Waldbrände. Sondern auch, weil mehr Böden im Licht sind, wenn Bäume absterben. Dann wird der Boden wärmer und die Bodenorganismen bauen das darin gespeicherte Kohlendioxid ab. Das geht sehr schnell. Nicht wie bei den arktischen Permafrostböden, die eine Weile brauchen, um aufzutauen. Wälder sind schnell kaputt. Unter schlechten Lebensbedingungen nehmen Bäume auch viel weniger Kohlendioxid auf. Es gibt zwar den Effekt der CO2-Düngung. Pflanzen nehmen ja 30 Prozent von dem anthropogenen CO2 auf und wachsen damit noch gut. Das funktioniert aber nur in gewissen Grenzen. Wenn es über zu lange Zeit zu trocken oder heiß wird, dann wird da halt nichts mehr gedüngt, sondern dann wächst man halt schlechter. Was fordern Sie, damit es besser wird? Als Wissenschaftler will ich natürlich erst mal wissen, was da ist. Wir wissen ja in der Regel nicht, welche Tierarten wo überhaupt mal vorhanden waren. Und von den allermeisten Arten wissen wir nicht mal, ob sie existieren oder nicht. Das muss man sich klarmachen! Es gibt Studien, die sagen, dass wir bloß zehn Prozent der tierischen Artenvielfalt kennen. Andere sagen, maximal kennen wir schon 20 Prozent. Da denken Sie jetzt nicht an den Orang-Utan, sondern an die vielen Insektenarten? Es bezieht sich auf die Artenvielfalt im Tierreich generell und da spielen Säugetiere praktisch keine Rolle. Ungefähr 80 Prozent der Artenvielfalt auf dem Planeten sind Insekten und ähnliche Tiere. Mein Chef sagt immer: „Der Großteil der Arten ist klein und hässlich.“ Ich würde sagen, die Schönheit liegt im Detail. Jede Art kann was und wenn sie fehlt, dann fehlt halt was. Wenn das bei einer Mückenart passiert, dann macht es keinem groß was aus. Aber wenn es bei Tausenden von Arten passiert, dann macht das sehr wohl was aus. Dann fehlt Nahrung für andere, dann geraten die Stoffkreisläufe aus dem Gleichgewicht. Um sich vernünftig darum zu kümmern, dass die Artenvielfalt nicht allzu schnell verlorengeht, sollte man wissen, was es gibt, was die Tierarten brauchen und was sie im System tun. Das heißt erstmal, noch genauer forschen, wie Sie in einer Petition fordern. Und dann? Dann würden man den ganzen unbekannten Arten eine Existenz geben, also Namen und Gesichter und Bilder und Geschichten dazu. Dann wäre es auch keinem mehr wurscht. Wenn das tausendfach, millionenfach passieren würde, dann könnte die Menschheit einfach nicht mehr ignorieren, was da vor sich geht. Das heißt, Sie würden keine Forderung aufstellen wie „Wir müssen die Erderwärmung bei 1,5 Grad begrenzen“? Doch! Aber das allein bringt gar nichts. Weil die Hauptgründe des Artensterbens noch der Landverbrauch und die Umweltverschmutzung sind. Momentan killt die industrielle Landwirtschaft die meisten Arten. Und wenn man das nicht abstellt, dann bringt Klimaschutz nichts. Also müssten wir zuerst etwas in der Landwirtschaft tun? Ohne das wird es überhaupt nicht gehen. Wenn Landwirtschaft weiter so Land verbraucht und die Umwelt vergiftet, macht das die Böden und die Organismen kaputt. Das hat Auswirkungen weit über die eigentlich besprühte Fläche raus. Über Gewässer und Wind werden die Pestizide überall hin verbreitet. Es ist eine reine Illusion, dass sie lokal verwendbar sind. Landwirtschaft muss sich massiv ändern, das heißt, unsere Ernährung muss sich massiv ändern. Im ökologischem Landbau gibt es keinen synthetischen Pestizideinsatz und keinen chemischen Dünger, der ja ein Riesenenergiefaktor ist. Kunstdünger herzustellen verbraucht sehr viel Energie und damit produziert man sehr viel CO2. Auch intensiver konventioneller Anbau von Energiepflanzen geht meist auf Kosten der Umwelt und Artenvielfalt. Dann geht es weiter mit dem Fleischverbrauch. Der wird sich nicht weiter steigern lassen, ohne weitere Urwälder zu roden, was man tunlichst bleiben lassen sollte. Also vom Fleischkonsum müssen wir weg und andere sollten den gar nicht erreichen. Und wir müssen weg vom kurzfristigen Profit, der ja eigentlich gar keiner ist: Natur- und Umweltschäden gehören genauso eingepreist wie die Kosten für Gesundheits- und Sozialsysteme. Dann müsste die EU ihre Agrarpolitik reformieren, was ja gerade diskutiert wird. Ja, wir müssen verstehen, dass, wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff kriegen, es mit dem höheren Leben auf der Welt nicht funktionieren wird. Und wenn wir das Artensterben nicht in den Griff kriegen, dann nützt uns der Klimawandel-Rettungsoptimismus auch nichts. Das hängt zusammen, das müssen wir beides schaffen. Michael Schrödl: Unsere Natur stirbt. Warum jährlich bis zu 60.000 Tierarten verschwinden und das verheerende Auswirkungen hat. Komplett-Media, 220 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3831204786
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