Das Kernnetz wird 2 : Das Potenzial für den Wasserstoffhochlauf ist groß, die Unterstützung zu klein
Vor zwei Jahren genehmigte die Bundesnetzagentur das Wasserstoff-Kernnetz. Der Hype um den Energieträger ist seitdem abgeflaut. Das Konzept der vorausschauenden Infrastrukturplanung aber weiterhin richtig und aktueller denn je, schreiben Barbara Fischer, Geschäftsführerin FNB Gas und Dr. Matthias Jenn, Vorstandsvorsitzender FNB Gas.
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Die Entscheidung für den Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes war wegweisend. Sie fiel in eine Phase hoher Erwartungen an Wasserstoff und sollte dem entstehenden Markt frühzeitig Orientierung und Planungssicherheit geben. Heute ist klar: Der Hochlauf verläuft langsamer und anspruchsvoller als damals angenommen. Das macht die Entscheidung für das Kernnetz jedoch nicht weniger richtig. Im Gegenteil: Die Grundidee hat sich bewährt. Das Kernnetz hat eine konkrete Perspektive geschaffen und damit ein wichtiges Aufbruchssignal an Unternehmen und Investoren gesendet. Denn neue Märkte entstehen nicht allein durch Angebot und Nachfrage. Sie brauchen auch das Vertrauen, dass die notwendige Infrastruktur rechtzeitig zur Verfügung steht. Genau dafür steht das Wasserstoff-Kernnetz. Es schafft die Voraussetzung, künftige Erzeugungs- und Importstandorte mit den Verbrauchszentren zu verbinden und einen überregionalen Wasserstoffmarkt zu ermöglichen.
Das Konzept einer vorausschauenden Infrastrukturplanung und die Beweggründe für den Aufbau des Kernnetzes bleiben weiter gültig – und haben sich sogar noch verstärkt. Angesichts multipler, geopolitischer Krisen wird es immer notwendiger, unsere Energieversorgung zu diversifizieren und resilienter aufzustellen als in der Vergangenheit. Klar ist zudem, ohne Wasserstoff ist die Dekarbonisierung der deutschen Industrie nicht möglich und klar ist auch, dass der Aufbau der Wasserstoffwirtschaft nachhaltig positive Effekte auf die regionale Wertschöpfung haben kann. Wasserstoff leistet darüber hinaus einen unverzichtbaren Beitrag für die Energiewende, denn als molekülbasierter Partner der erneuerbaren Energie, kann Strom aus Wind und Sonne gespeichert statt abgeregelt werden. Zudem kann Wasserstoff aus innereuropäischen Herkunftsquellen sicher pipelinegebunden importiert werden. Wasserstoff wird also im Energiesystem der Zukunft eine Schlüsselrolle einnehmen.
Ein kurzer Blick zurück
Mit der Genehmigung des Wasserstoff-Kernnetzes am 22. Oktober 2024 durch die Bundesnetzagentur begann der Aufbau der Infrastruktur. Diesem Start waren zahlreiche Diskussionen zwischen den Fernleitungsnetzbetreibern und den zuständigen Ministerien, der Bundesnetzagentur und den politischen Entscheidungsträgern im Bundestag vorangegangen. Dabei ging es um die Fragen, welche Aufgaben das Kernnetz erfüllen soll, wie es angesichts fehlender Kunden in der Anfangsphase überhaupt finanziert werden kann und wer für den Aufbau verantwortlich sein soll.
Genehmigt wurde dann ein Wasserstoff-Transportnetz von 9.040 km und für die Finanzierung wurde ein in ganz Europa neuartiger Mechanismus entwickelt: der intertemporale Kostenallokationsmechanismus in Verbindung mit einer staatlichen Absicherung, die es den Netzbetreibern ermöglichen sollte, mit der Finanzierung der Infrastruktur in Vorleistung zu gehen und eine deutschlandweite Infrastruktur aufzubauen, die die wesentlichen großen Verbrauchs- und Erzeugungsregionen für Wasserstoff in Deutschland verbindet und ausbaufähig ist. Indem sich das Kernnetz vorrangig aus der vorhandenen Gasinfrastruktur entwickeln soll, kann ein effizienter und kostenschonender Infrastrukturaufbau erfolgen. So werden 60 Prozent der Leitung umgestellt und nur 40 Prozent neu gebaut. Bis Mitte dieses Jahres waren bereits 537 km realisiert und im kommenden Jahr kommen etwa 900 km hinzu.
Auch im Regulierungsbereich wurde das Fundament für die Nutzung der Kernnetzes auf den Weg gebracht und befindet sich in der Umsetzung: Die Bundesnetzagentur hat ein Hochlaufentgelt festgelegt und im März dieses Jahres startete bereits ein bundesweit koordinierter Vermarktungsprozess, der mit 6 GW zahlungspflichtigen Reservierungen die Erwartungen der Kernnetzbetreiber weit übertraf. Das zeigt: Der Hochlauf beginnt.
Was jetzt zu tun ist
Trotzdem können wir mit dem Erreichten noch nicht zufrieden sein. Zu schleppend entwickelt sich der Hochlauf und in zu vielen Bereichen stehen dem erfolgreichen Wasserstoffhochlauf noch Hürden im Weg. Mit Blick auf die Regulatorik stehen an erster Stelle Hindernisse, die in Brüssel beseitigt werden müssten, etwa mit Blick auf die strengen Kriterien zur Erzeugung von RFNBO, die den Wasserstoff unnötig teuer machen. Auch eine strenge „Farbenleere“, die den blauen Wasserstoff in der Hochlaufphase schlechter stellt, können wir uns nicht leisten. Hausaufgaben gibt es aber auch noch für den nationalen Gesetzgeber. So ist das europäische Gas- und Wasserstoffpaket immer noch nicht umgesetzt. Es fehlen finanzielle Grundlagen für den Aufbau einer dem Kernnetz nachgelagerten Verteilnetzinfrastruktur, die den über 1,8 Millionen Gewerbe- und kleineren Industriebetrieben einen Weg in die klimaneutrale Zukunft ermöglicht. Für einen funktionierenden Wasserstoffmarkt braucht es zudem neben einer leistungsfähigen Transportinfrastruktur Wasserstoff-Speicher, für die es ebenfalls bislang keine finanziell tragfähige Perspektive gibt.
Wenn es uns hier nicht gelingt, die Nachfrage anzureizen, z.B. durch grüne Leitmärkte oder Klimaschutzverträge und ein Angebot zu wettbewerbsfähigen Preisen für den Wasserstoff zu schaffen, auch in dem die europäischen Importkorridore entwickelt und finanzierbar gemacht werden, wird Deutschland seine Spitzenposition in Europa an die es sich mit dem Kernnetz gesetzt hat, schnell wieder verlieren. Der Wasserstoff-Hochlauf braucht hier politische und finanzielle Unterstützung. Die Verzögerungen beim Markthochlauf machen das Kernnetz als Grundlage für die marktliche Entwicklung keineswegs überflüssig. Vielmehr sollten die Voraussetzungen geschaffen werden, um die Weiterentwicklung des Kernnetzes im Rahmen der integrierten Netzentwicklungsplanung flexibel an den Hochlauf anzupassen, ohne das Konzept der vorausschauenden Planung komplett aufzugeben. Gleichzeitig müssen sich die u.a. hochlaufbedingten Risiken der Netzbetreiber adäquat in ihrem Finanzierungsrahmen widerspiegeln, damit die Investitionen kapitalmarktfähig sind.
Das Kernnetz wird heute 2 Jahre alt. Wir wünschen uns zu seinem Geburtstag Zuversicht, die politische Ambition und Durchhaltevermögen, um den Wasserstoff-Hochlauf zu einer deutschen Erfolgsstory zu machen.
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