Gasspeicher : Drohende Gasmangellage macht Biogas-Kürzungen zum Risiko
Magere Gasspeicherfüllstände, fehlende Befüllanreize und ein fragiler LNG-Weltmarkt: Deutschland könnte bei einem harten Winter gleich in die nächste Gaskrise rutschen. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt sägt die Bundesregierung laut Thomas Karle, Präsident im Fachverband Biogas, an gleich mehreren Standbeinen der resilienten und nachhaltigen Biogasbranche.
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Zum Ende des Jahres sollen laut Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) erste Eckpunkte einer Grüngasquote für den Wärmemarkt vorgelegt werden. Dabei soll der Anteil klimafreundlicher, erneuerbarer Gase schrittweise erhöht und fossiles Erdgas systematisch aus den Netzen verdrängt werden – so der Plan. Gleichzeitig werden aber bei den Abstimmungen zum Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) Überlegungen diskutiert, wonach es Gasnetzbetreibern ermöglicht werden soll, neue Biomethananlagen bereits nach nur 10 Jahren nach Anschluss wieder vom Netz zu trennen.
Die angestrebte Stärkung der wirtschaftlichen Freiheit für Netzbetreiber birgt ein enormes Risiko für Anleger: Weil die Amortisation von Energieanlagen in Millionenhöhe nicht gesichert ist, droht ein vollständiger Investitionsstopp in der Biomethanaufbereitung. Dabei wären es jene Wirtschaftsakteure, die bereit wären, unsere Biomethanproduktion von heute knapp 13 Terawattstunden (TWh) auf zukünftig bis zu 78 TWh anzuheben und uns langfristig unabhängiger von fossilen Gasimporten zu machen.
Biomasse-Ziel von 9,5 GW im EEG widerspricht dem Koalitionsvertrag
Auch der Gesetzentwurf des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verkauft uns derzeit eine gefährliche Mogelpackung: Im Kabinettsentwurf wird suggeriert, dass das „Ausbauziel“ (also die Ausschreibungsvolumina) zu einer Stabilisierung der Stromerzeugung aus Biomasse führen würde. Doch mit einem Ausschreibungsvolumen von knapp 4,5 Gigawatt (GW) bis 2032 würde lediglich die aktuell installierte Leistung erhalten bleiben, nicht aber die daraus produzierte Energiemenge von knapp 45 TWh.
Aufgrund der aktuellen Anforderungen an die Flexibilisierung von Biogasanlagen dürfen die Motoren nicht mehr 24/7 durchlaufen, sondern müssen bedarfsgerecht Energie zur Verfügung stellen, wenn diese gebraucht wird. Dies führt unterm Strich zu einer Reduzierung der Strom- und Wärmemenge aus Biogas um bis zu 35 Prozent. Und das, während wir sehenden Auges auf die nächste Gasmangellage zusteuern.
Ein Blick auf die aktuellen Zahlen zeigt, wie ernst die Lage bereits ist: Mit Füllständen von nur gut 56 Prozent hinken die deutschen Gasspeichern dem Vorjahr um fast 20 Prozentpunkte hinterher. Selbst die Bundesnetzagentur räumt inzwischen ein, dass die gesetzlichen Füllziele für den November kaum noch zu erreichen sind.
Das Kostenargument greift nicht in einem Szenario mit hochflexiblen Biogasanlagen
Wenn wir Biogasanlagen richtigerweise nur noch an wenigen Stunden des Tages betreiben wollen, muss das Ausschreibungsvolumen für die installierte Leistung entsprechend deutlich auf 2,5 Gigawatt pro Jahr angehoben werden. Mittelfristig bis 2030 könnte so der Biogaskraftwerkspark auf bis zu 12,6 GW Leistung ansteigen, was dem politischen Ziel der vergangenen Jahre entspricht. Dieses Potenzial könnte wohlgemerkt ohne den Anbau zusätzlicher Substrate bewerkstelligt werden.
Eine jüngst im Mai dieses Jahres veröffentlichte Metastudie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Namen „Hochflexible Biogas-Speicherkraftwerke“ zeigt, dass sich der volkswirtschaftliche Nutzen der Förderung hochflexibler Biogasanlagen gegenüber konventionellen, fossil betriebenen Großkraftwerken lohnt.
Durch den Merit-Order-Effekt und die damit verbundene Strompreisdämpfung, die Einsparung fossiler Brennstoffe und Importe, eingesparte EU-ETS-Emissionsrechte sowie die unterstützte Netzdienlichkeit und Verteilnetzentlastung können laut den Autoren jährlich Systemkosten in Höhe von 7,8 Milliarden Euro eingespart werden. Demgegenüber stehen Förderkosten von lediglich 5,3 Milliarden Euro. In besonders brisanten Gasmangeljahren wie im Jahr 2022 hätte ein Biogaspark mit etwa 12 GW installierter Leistung die Verbraucher um bis zu 18 Milliarden Euro entlastet.
Wir müssen uns endlich die Frage stellen, ob wir weiterhin am internationalen Tropf fossiler Energien hängen wollen – ähnlich einem Mieter, der jeden Monat seine Miete überweist, anstatt in ein eigenes Dach zu investieren – oder ob wir unser Energiesystem endlich resilient und unabhängig aufstellen. Hierbei ist Biogas sicherlich nicht die alleinige Antwort, aber ein relevantes Puzzlestück im Bild einer erneuerbaren Energiewende.
Biogasanlagen, die einmal vom Netz gehen, werden später nicht wieder in Betrieb genommen. Kürzungen von heute kommen uns morgen teurer zu stehen.
Thomas Karle ist Landwirt, Betreiber einer Biogasanlage und seit letztem Jahr Präsident des Fachverband Biogas.
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