Wärmewende : Vier Hebel für mehr Gebäude-Investitionen

Henning Ellermann
Geschäftsführer der Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (Deneff) Foto: Marco Urban/Deneff

Deutschland braucht mehr Investitionen in die energetische Ertüchtigung des Gebäudebestands. Dafür bleibt die Förderung der wichtigste Hebel. Doch wenn der finanzielle Spielraum für höhere Fördersätze begrenzt ist, muss die Politik weitere flankierende Maßnahmen ergreifen, damit mehr Investitionen entstehen, schreibt Deneff-Geschäftsführer Henning Ellermann.

von Henning Ellermann

veröffentlicht am

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen

Mit bestehendem Konto anmelden

Die energetische Modernisierung des Gebäudebestands ist eine der großen Investitionsaufgaben der kommenden Jahre. Sie hilft, Energieimporte zu verringern, Kostenrisiken für Eigentümerinnen, Mieter und Unternehmen zu senken und Wertschöpfung im Land zu halten. Dafür bleibt die verlässliche Förderung zentraler Hebel. Attraktive Fördersätze sind oft entscheidend, um größere Einzelmaßnahmen und umfassendere Modernisierungen leistbar und wirtschaftlich zu machen. Allerdings ist der Spielraum für höhere Zuschüsse zurzeit begrenzt. Gleichzeitig soll Ordnungsrecht mehr Freiheiten lassen und die Preisentwicklung im Emissionshandel eher gedämpft werden. Wie lässt sich unter diesen Rahmenbedingungen mehr Investitionsbereitschaft erzeugen?

Klar ist: Die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) muss langfristig attraktiv bleiben. Sie kann die nötige Anreizwirkung für eine echte Investitionswelle aber nicht allein stemmen. Sie sollte deshalb stärker von Instrumenten flankiert werden, die Eigentümer, Unternehmen und andere Investoren dazu bringen, eine Förderung effektiv in Anspruch zu nehmen. Wer andere Hürden aus dem Weg räumt, erhöht die Wirkung der Förderung, ohne dafür deutlich höhere Fördersätze finanzieren zu müssen. Vier Ansätze können dabei helfen, mehr Investitionsprojekte anzustoßen.

Verlässliche Orientierung geben

Erstens wäre nach den Querelen und Problematisierungen der letzten Jahre jetzt der Zeitpunkt für die Politik, kommunikativ den Schalter umzulegen: auf allen Ebenen positiv und konstruktiv über die energetische Modernisierung des Gebäudebestands sprechen, um aus Verunsicherung wieder Investitionsbereitschaft zu machen. Denn im Kern geht es um zukunftssichere, freiwillige, private Investitionen – ein Gewinnerthema mit Wachstumspotenzial, das bereits heute 600.000 Jobs in Deutschland sichert und für 2,5 Prozent des BIP steht.

Mit der Definition des „Nullemissionsgebäudes“ bietet das GModG erstmals einen Orientierungspunkt für Gebäudebesitzerinnen, wohin die energetische Reise bis Mitte des Jahrhunderts gehen sollte. Viele wollen wissen, womit sie auf der sicheren Seite sind, wenn sich bei ohnehin geplanten Instandhaltungs- oder Reparaturmaßnahmen an Heizung, Hülle und Technik Gelegenheitsfenster für energetische Verbesserungen auftun. Die griffige Vermittlung einer solchen Orientierung könnte helfen, bestehende Anlässe besser zu nutzen und die Sanierungsrate zu steigern.

Die politischen Rahmenbedingungen müssen aber auch verlässlich sein. Eigentümer und Unternehmen brauchen die Sicherheit, dass sie ihre Investitionsentscheidung nicht wenige Monate später aufgrund neuer Vorgaben grundlegend neu bewerten müssen. Das gilt auch für die Förderung. Die von der Bundesregierung zugesagte Kontinuität der BEG sollte deshalb ernst genommen werden. Ein KTF ohne Mittelabflüsse in den Kernhaushalt sowie eine bis mindestens 2035 verlängerte BEG-Förderrichtlinie würden Investoren, Planenden und Handwerksbetrieben mehr Sicherheit geben, sich schrittweise auf den Weg zu machen.

Unterstützung vor Ort stärken

Zweitens muss Betroffenen vor Ort stärker geholfen werden. Mit dem Fortschreiten der kommunalen Wärmeplanung und den letzten Veränderungen bei Gesetzen und Förderprogrammen ist der Informationsbedarf enorm gestiegen. Alle Betroffenen müssen verstehen, was an ihrem Gebäude konkret sinnvoll und machbar ist. Aktuell bietet sich ein kritisches Kommunikationsfenster für die aktive Ansprache durch vertrauenswürdige lokale Akteure.

Die Bundesregierung sollte die kommunale Ebene damit nicht allein lassen. Den EU-rechtlich ohnehin geforderten Aufbau regionaler Anlaufstellen für Beratung und Umsetzungsbegleitung könnte sie nutzen, um einen Pakt mit Ländern, Kreisen, Kommunen, Verbraucherzentralen und regionalen Energieagenturen zu initiieren. Basierend auf diesem Pakt sollten bestehende Best Practices standardisiert, unterstützt und zügig ausgerollt, privatwirtschaftliche Initiativen und Angebote dabei genutzt und angedockt werden.

Weitere wichtige Schritte kann der Bundestag bereits jetzt gehen: Die laufende Novelle des Baugesetzbuches sollte planerisch-praktische Hindernisse für Gebäudemodernisierungen ausräumen und die Ausweisung energetischer Sanierungsgebiete auf Basis bestehender Wärmepläne erleichtern. In den Haushaltsverhandlungen sollte zudem verhindert werden, dass das KfW-Programm für die „energetische Stadtsanierung“ gestrichen wird – ausgerechnet in dem Moment, in dem der größte Beratungs- und Unterstützungsbedarf besteht. Das Programm war stark nachgefragt.

Die Vertriebsstärke des Finanzsektors nutzen

Ein dritter Hebel liegt bei der Zusammenarbeit mit Finanzinstituten. Banken, Sparkassen und Bausparkassen erreichen Eigentümerinnen häufig genau dann, wenn über eine Modernisierung entschieden wird. Eigene Finanzprodukte erhöhen ihre Motivation in der Beratung. Die KfW könnte Finanzierern mit Endkundenkontakt vergünstigte Refinanzierungsmöglichkeiten für eigene „Energiespardarlehen“ zu festgelegten Konditionen anbieten. In Zeiten steigender Zinsen macht das einen großen Unterschied und nutzt die vertrieblichen Möglichkeiten der Branche effektiver.

Energiedienstleister als Umsetzungspartner einbinden

Viertens müssen Investitionsentscheidungen nicht an knapper Zeit, Fachwissen und Personal scheitern. Eigentümer müssen nicht jede technische und organisatorische Frage selbst lösen. Professionelle Energiedienstleister können von der Planung bis zur Umsetzung und dem Betrieb auch komplexe Lösungen aus einer Hand anbieten und Investitionen bei Bedarf vorfinanzieren. Das kann die Schwelle zur energetischen Modernisierung deutlich senken.

Damit solche Modelle ihr Potenzial entfalten können, müssen sie gleichberechtigten Zugang zu den Förderinstrumenten erhalten. Auch die öffentliche Hand sollte sie stärker nutzen. Die in der Energieeffizienzgesetz-Novelle vorgesehenen Prüfpflichten für die Einbindung von Energiedienstleistungen etwa bei der Modernisierung öffentlicher Gebäude können hier deutlich mehr Tempo in die Umsetzung bringen.

All diese Maßnahmen ersetzen die BEG nicht. Förderung bleibt die zentrale Säule der energetischen Modernisierung. Aber die BEG kann mehr Investitionen auslösen, wenn sie nicht alleinsteht. Eine klare Orientierung für zukunftsfeste Modernisierungen, starke Unterstützungsangebote vor Ort sowie die systematische Einbindung von Finanzinstituten und Energiedienstleistern können die Wirkung des Förderrahmens deutlich erhöhen – ohne Bevormundung, ohne Verbote, ohne hohe Zusatzkosten. Wenn Bundesregierung und Bundestag diese vier Hebel konsequent nutzen, wird aus jedem Förder-Euro mehr. Mehr Investitionen, mehr Aufbruchsstimmung, mehr gesellschaftlicher Konsens.

Henning Ellermann ist seit 2023 Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. – Deneff. Er führt die Initiative in einer Doppelspitze mit Christian Noll. Ellermann ist seit 2016 bei der Deneff. Mit Energieeffizienz hatte er bereits in seinem vorherigen Job als Berater der Germany Trade & Invest zu tun.

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen

Mit bestehendem Konto anmelden