Standpunkt : Die Förderung schleifen? Fragen Sie mal die Hausbesitzer
Richard Lucht, VP beim Wärmepumpeninstallateur Thermondo antwortet auf den Standpunkt von Levi Henze vom Dezernat Zukunft zur grundlegenden Reform der Gebäudeförderung. Wer die BEG vor allem als Effizienzproblem betrachtet, übersieht die entscheidende Frage: Was passiert am Küchentisch, wenn ein Hausbesitzer zwischen Gasheizung und Wärmepumpe entscheiden muss?
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Wer täglich mit Hausbesitzern spricht, der weiß: Die Entscheidung für oder gegen eine Wärmepumpe fällt nicht auf Basis von Gesamtsystemstudien. Sie fällt am Küchentisch, mit dem Taschenrechner in der Hand. Und dort zählt eine Zahl: Wann rechnet sich die Investition gegenüber einer neuen Gasheizung?
Die Antwort ist bei heutigen Energiepreisen, mit aktueller Förderung: nach knapp fünf Jahren. Eine Wärmepumpe kostet nach Abzug der Zuschüsse aus der Bundesförderung für energieeffiziente Gebäude (BEG) rund 15.500 Euro – nur 3.500 Euro mehr als eine neue Gasheizung. Wir gehen dabei aus der Erfahrung unserer Angebote von durchschnittlichen Kosten von 32.000 Euro für die Wärmepumpen-Installation im Komplett-Paket (mit Planung, Heizlastberechnung, Altgeräte-Entsorgung, Installation von Außen- und Innenkomponenten, Fundament, Elektrik und HEMS-Anbindung) vor Abzug der Förderung aus – und setzen den für unsere Wärmepumpen-Modelle üblichen Fördersatz von 55 Prozent an.
Gleichzeitig spart sie ab dem ersten Tag Heizkosten: rund 745 Euro jährlich. Die höheren Anschaffungskosten sind nach weniger als fünf Jahren amortisiert, danach spart der Hausbesitzer Jahr für Jahr bares Geld. Jedes Förderprozent weniger verlängert diese Amortisationszeit um rund ein Jahr. Wer die Förderung auf 40 statt 55 Prozent senkt, macht aus einer klaren wirtschaftlichen Entscheidung eine Rechenaufgabe mit ungewissem Ausgang. Und wer rechnet und zweifelt, der bestellt eine neue Gasheizung – weil sie heute günstiger in der Anschaffung ist.
Genau hier liegt der blinde Fleck in Henzes Analyse. Er spricht von Mitnahmeeffekten und davon, dass knapp die Hälfte der Haushalte die Maßnahmen auch ohne Förderung durchgeführt hätte. Doch die andere Hälfte hätte es eben nicht getan. Und genau diese Hälfte entscheidet darüber, ob die Wärmewende gelingt oder zum Konjunkturprogramm für die Gasindustrie wird.
Jeder Fördereuro löst das Vierfache aus
Was in der akademischen Debatte über Mitnahmeeffekte regelmäßig untergeht: Die BEG ist kein Zuschuss ins Nichts. Bereits 2024 hat eine Evaluation von Prognos gezeigt: Jeder Euro Förderung löst rund vier Euro private Investition aus.
Bei einem durchschnittlichen Wärmepumpen-Projekt von 32.000 Euro fließen über die Mehrwertsteuer allein rund 6.000 Euro direkt an den Staat zurück. Hinzu kommen Einkommensteuer und Sozialabgaben der Handwerker, die diese Anlagen installieren. Aktuell sichert die Wärmepumpenbranche knapp 300.000 Arbeitsplätze in Industrie und Handwerk. Die BEG ist damit nicht nur Klimapolitik — sie ist Wirtschafts- und Industriepolitik.
Henze hat Recht, wenn er sagt, dass die Förderung treffsicherer werden muss. Aber treffsicherer heißt nicht weniger. Es heißt klüger. Und vor allem: planbarer.
Wir können uns den Rückfall zu Gas nicht leisten
Die Wärmepumpe ist laut Absatzstatistik des BDH bereits Deutschlands beliebteste Heizung. Ihr Absatz stieg im ersten Halbjahr 2025 um 55 Prozent, während gasbasierte Heizungen um 41 Prozent einbrachen. Dieser Trend ist kein Zufall — er ist das Ergebnis einer klaren wirtschaftlichen Überlegenheit der Wärmepumpe, die in der Gesamtkostenbetrachtung auf der Förderung basiert.
Wer diese Förderung jetzt abrupt kürzt oder grundlegend umstrukturiert, riskiert genau das, was Henze selbst als schlechteste Reform bezeichnet: einen faktischen Rückfall zu fossilen Heizungen. Das können wir uns weder wirtschaftlich leisten – weil die Betriebskosten fossiler Heizungen durch den CO2-Preis absehbar steigen werden, noch energiepolitisch – weil jede neue Gasheizung uns für weitere 20 Jahre an Gasimporte bindet, noch sicherheitspolitisch – weil Energiesouveränität kein abstraktes Konzept ist, sondern eine Lehre aus dem Februar 2022, die in den letzten Wochen wieder drastisch an Aktualität gewonnen hat.
Die Branche muss erwachsen werden – mit Fahrplan
Eines ist aber auch klar: Die Wärmepumpenbranche kann sich nicht dauerhaft auf staatliche Förderung verlassen. Wir müssen Installationskosten senken, Prozesse effizienter machen und Produkte entwickeln, die sich auch ohne Zuschuss rechnen. Die Industrie hat in Europa bereits sieben Milliarden Euro in den Hochlauf investiert. Dieses Geld braucht einen Markt, keine politischen Volten.
Deshalb ist die beste Reform der BEG keine Revolution, sondern ein planbares Abschmelzen über mehrere Jahre. Konkret schlagen wir eine jährliche Absenkung um 2,5 Prozentpunkte vor. Das hätte drei Effekte, die Henzes berechtigte Kritikpunkte adressieren, ohne den Markt abzuwürgen:
Erstens würde es die Nachfrage verstetigen. Wenn Hausbesitzer wissen, dass die Förderung nächstes Jahr geringer ausfällt, entscheiden sie sich jetzt. Das ist der stärkste Kaufimpuls, den es gibt — stärker als jede Werbekampagne.
Zweitens würde es die Staatskasse sukzessive entlasten. Statt eines binären Schalters zwischen Vollförderung und Streichung entsteht ein Gleitpfad, der haushaltspolitisch berechenbar ist.
Drittens – und das ist der entscheidende Punkt – würde es allen Beteiligten endlich Planungssicherheit geben. Hausbesitzern, die wissen, wann sie investieren sollten. Handwerkern, die ihre Kapazitäten planen können. Und der Industrie, die weiß, wofür sie investiert.
Planungssicherheit ist die beste Förderpolitik
Henze schreibt, Stillstand wäre der falsche Schluss. Da bin ich ganz bei ihm. Aber der richtige Schluss ist nicht, ein funktionierendes Instrument durch ein akademisch eleganteres zu ersetzen, dessen Umsetzbarkeit ungewiss ist. Der richtige Schluss ist, die BEG weiterzuentwickeln: planbar, transparent und mit einem klaren Zielpunkt, an dem die Wärmepumpe ohne Förderung wettbewerbsfähig ist.
Diesen Punkt werden wir erreichen — durch sinkende Technologiekosten, steigende CO2-Preise und eine niedrigere Stromsteuer. Aber wir sind noch nicht so weit. Und bis dahin brauchen die 16 Millionen Eigenheimbesitzer in Deutschland eine Förderung, die ihnen am Küchentisch eine klare Antwort gibt.
Richard Lucht ist VP Brand, Communication und Public Affairs bei Thermondo, Deutschlands größtem Wärmepumpeninstallateur.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden