Kohlenstoffspeicherung : CCS ist eine teure Scheinlösung
Kaum eine Technologie werde mit so viel Vorschusslorbeeren, überzogenen Erwartungen und falschen Versprechungen bedacht wie die Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS), kritisieren Sophia van Vügt und Karsten Smid in ihrem „Contra“-Beitrag zu der Technik. Dabei werden die Chancen von CCS über- sowie Kosten und Risiken unterschätzt, argumentieren die Experten von Greenpeace Deutschland. Einen CCS-„Pro“-Beitrag von Katharina Schubert (NRW Energy4Climate) hatten wir vergangene Woche publiziert.
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CCS ist eine ineffiziente und teure Risikotechnologie. Konsequent umgesetzt, würde sie die dringend notwendige Energiewende und Industrietransformation ausbremsen. Die Versuche, „Carbon Capture and Storage“ (CCS) im großen Maßstab zur Emissionsvermeidung zu betreiben, sind weitgehend gescheitert: Die wenigen existierenden Projekte wie Sleipner und Snøhvit in Norwegen kämpfen mit massiven technischen Problemen, und es gibt keine Langzeitstudien zur Sicherheit der CO2-Endlager.
CCS ist eine alte Technologie, die schon immer dazu diente, fossile Industrien grün anzustreichen. Dabei wurden jedoch kaum Projekte realisiert: 88 Prozent aller weltweiten CCS-Pilotprojekte seit 1972 sind gescheitert. Von den über 800 CCUS-Projekten, die heute in der Datenbank der Internationalen Energieagentur gelistet sind, sind nur zehn CO2-Speicherprojekte tatsächlich in Betrieb. Alle von ihnen bleiben weit hinter den geplanten Speichervolumen zurück. Das Projekt des Agrarkonzerns ADM in Illinois (USA) ist undicht, das Projekt in Salah wurde aufgrund von Bodenhebungen und Wanderung des CO2 aufgegeben.
Statt erfolgreich die Wirtschaft zu dekarbonisieren, öffnet CCS die Büchse der Pandora – und hohe gesellschaftliche und finanzielle Folgen stehen am Ende. Den besonders treibhausgasintensiven Industrien wird ein „Weiter so“ suggeriert. Statt Emissionen durch technologische und strukturelle Maßnahmen schnell zu vermeiden, wie es das IPCC fordert, drohen fossile Lock-ins.
Deutsche Pläne für CCS sind unrealistisch
CCS ist unerprobt: Im norwegischen Vorzeigeprojekt, dem Kohlenstoffdioxid-Endlager Sleipner, in das jährlich eine Million Tonnen CO2 gepumpt werden sollten, wurden in den letzten zwei Jahren gerade einmal 0,1 Millionen Tonnen in den Untergrund verpresst.
Das dort entsorgte CO2 machte sich viel schneller als erwartet auf den Weg Richtung Meeresoberfläche und sammelte sich in einer Schicht, die es nach geologischen Modellen eigentlich gar nicht geben dürfte. Diese sogenannte „9. Schicht“ war bisher nicht nur unbekannt, sie liegt mit einer Tiefe von etwa 800 Metern auch viel näher an der Oberfläche, als in der Planung als sicher für die Speicherung angenommen wurde.
Die in der deutschen Nordsee geplante Injektionsrate von zehn Millionen Tonnen CO2 pro Jahr übertrifft die des norwegischen Sleipner-Projekts um das Zehn- bis 100-fache und erscheint bei näherer Betrachtung der Standorte äußerst unrealistisch. Zudem ist die Wirksamkeit der geologischen Barrieren, die das CO2 für Tausende von Jahren einschließen sollen, keineswegs gesichert.
CO2 ist ein Abfallstoff und kein Wirtschaftsgut
Der Einsatz von CCS stellt ein Risiko für Umwelt und Klima dar. Bislang gibt es keine Langzeitstudien, die die Sicherheit und Zuverlässigkeit von CO2-Endlagern belegen. Wenig vertrauenerweckend ist dabei, dass die Verantwortung für die geplanten CO2-Endlager in Deutschland bereits 40 Jahre nach der jeweiligen Stilllegung von den Unternehmen auf die Allgemeinheit übergehen soll.
Nach den Plänen der Bundesregierung soll CO2 aus diversen Industriezweigen sowie von Kraftwerken und Müllverbrennungsanlagen gesammelt und über ein 5000 bis 6000 Kilometer langes Pipelinenetz quer durch Deutschland an die Küste transportiert werden. Von „unvermeidbaren Restemissionen“ kann keine Rede sein. Für diese würde sich der Aufbau einer derartigen Infrastruktur auch nicht lohnen. An der Küste soll das Kohlenstoffdioxid entweder unter hohem Druck verflüssigt und per Schiff transportiert oder über Pipelines zu den Endlagern gepumpt werden.
Die Behandlung des abgeschiedenen CO2 als Wirtschaftsgut ist dabei grundfalsch. Es handelt sich um eine Entsorgungsstruktur; das CO2 ist ein Abfallstoff, der unter dem Meer entsorgt werden soll. Als solcher sollten für ihn auch die strengen Vorgaben des Abfallrechts gelten und nicht, wie geplant, „überragendes öffentliches Interesse“. Diese Fehlbehandlung würde die Infrastruktur sogar gegenüber dem Bau von Windkraftanlagen auf See bevorzugen und damit dem Klimaschutz in doppelter Weise einen Bärendienst erweisen.
CCS kann Ökosysteme beschädigen
Die Nordsee ist ein wertvolles Ökosystem, das bereits heute unter enormem Druck steht. CO2-Leckagen am Meeresboden können zur Versauerung des Wassers führen – mit tödlichen Folgen für Meeresbewohner wie Korallen und Fische. Der Lärm der Schallkanonen, die für die Suche nach CO2-Endlagerstätten und das Monitoring unter dem Meeresboden unerlässlich sind, belastet die ohnehin gefährdete Schweinswalpopulation.
Potenziell ebenso weitreichende Folgen für unsere Lebensgrundlagen hätte die Verpressung von CO2 an Land. Sie birgt erhebliche Risiken für unsere Trinkwasservorräte. Eine Gefährdung, die wir uns in Zeiten sinkender Grundwasserstände kaum leisten sollten. Die Aufsicht über die Infrastruktur soll im Übrigen bei den Betreiberfirmen liegen – unabhängige Kontrolle ist bislang nicht vorgesehen.
Es ist unmöglich, den Verlust der Ökosystemleistung der Nordsee oder mögliche Trinkwasserengpässe mit der Klimawirkung von CCS gegenzurechnen. Ob CCS dem Klimaschutz dient, steht hiermit aber einmal mehr in Frage.
Exorbitante Kosten
Branchenvertreter stellen Deutschland teilweise so dar, als würde es in der Etablierung einer CO2-Infrastuktur allen anderen hinterherhinken. Doch Fakt ist, dass bislang kaum ein Land nennenswerte Baumaßnahmen geschaffen hat. Und das aus gutem Grund.
Norwegen ist bislang das einzige europäische Land, das CO2 verpresst. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Das Land führte 1991 als eines der ersten weltweit einen CO2-Preis ein und schuf damit einen Markt für den Abfallstoff. Zudem ist es Europas Gas-Nation Nummer eins und verfügt daher über große finanzielle Förderspielräume und ebenso mächtige Industrieinteressen, die CCS-Technologie als neuen Wirtschaftszweig zu etablieren. Denn die Wirtschaftlichkeit von CCS ist, vergleichbar mit der Atomenergie, äußerst abhängig vom Zufluss von Steuergeld.
Anders sieht es zum Beispiel in Großbritannien aus. Das Land setzt klimapolitisch stark auf CCS. Es tappt damit aber in eine Kostenfalle: Bis 2050 möchte das Vereinigte Königreich knapp 58 Milliarden Euro an Subventionen zur Verfügung stellen. Diese würden, Stand heute, acht Prozent der CCS-Pläne abdecken, wie das „Institute for Energy Economics and Financial Analysis” berichtet. Aufgrund des niedrigen CO2-Preises sei kaum zu erwarten, dass die Industrien selbst in CCS investieren werden. Die Folge: 75 Prozent der Investitionen (470 Milliarden Euro) werden an die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler sowie Stromkunden weitergereicht werden. Mit vorhersehbar negativen sozialen Folgen.
CO2 vermeiden statt verpressen
Verfechterinnen und Verfechter von CCS argumentieren gerne, dass es für die „unvermeidbaren Restemissionen“ unumgänglich sei. Dabei gibt es eine Reihe innovativer CO2-freier Produkte und Produktionsverfahren, die uns tatsächlich in eine kohlenstoffarme Wirtschaft führen können. Die Energiewende ist mit erneuerbaren Energien, grünem Wasserstoff, Effizienzgewinn und Speichertechnologien machbar.
Stahl kann unendlich oft recycelt oder mit grünem Wasserstoff CO2-neutral hergestellt werden. Bei Zement werden alternative Bindemittel erprobt und Recyclingmethoden entwickelt. In vielen Fällen könnte Beton durch alternative Baustoffe ersetzt werden. In diese Technologien gilt es zu investieren.
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