Neue Erbengeneration : Die Ära des philanthropischen Eigenkapitals
Geld so einsetzen, dass es immer wieder neu in nachhaltige Entwicklung fließt: Felix Oldenburg vom Start-up Bcause und Till Wahnbaeck, ehemaliger Chef der Welthungerhilfe und Gründer von Impacc, zeigen in ihrem Standpunkt mit „Philanthropic Equity“ eine neue Spendenkultur, die mehr Wirkung für Soziales und Ökologie verspricht als gängige Hilfsangebote. Und sie sehen mächtige Verbündete: Die neue Erbengeneration, die mehr bewirken möchte, als nur einmal zu helfen.
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Es gibt in der Tiefenstruktur unserer Gesellschaft eine Verschiebung, die zwar still daher kommt, aber unaufhaltsam ist und alles verändern kann: Nie hat mehr Vermögen die Generation gewechselt. In den nächsten Jahren werden die Schenkungen und Erbschaften auf schätzungsweise rund 400 Milliarden Euro ansteigen. In der Hitze der Debatte um Erbschaftssteuer, Umverteilung und Freibeträge geht dabei oft unter, worin die eigentliche Chance liegt: Die neue Erbengeneration tickt anders.
Die neue Erbengeneration möchte Gutes tun
Wer heute Verantwortung für dieses Kapital übernimmt, ist mit Klimakrisen, Globalisierung und einer offeneren Debatte über Ungleichheit groß geworden – und denkt damit anders über Wirkung als noch vor zehn Jahren. Das macht die Nachfolgerinnen und Nachfolger nicht automatisch besser oder klüger als frühere Generationen, aber es verschiebt den Maßstab.
Engagement soll schneller ankommen, nachvollziehbar sein und Menschen mehr Entscheidungsmacht geben. Darin liegt eine enorme Chance für unsere Gesellschaft: Bei Summen dieser Größenordnung ließe sich viel bewegen. Vorausgesetzt, die richtigen Möglichkeiten erlauben es.
Studien beschreiben genau diesen Anspruch: Die neue Generation möchte Gutes tun. Sie sehen, wie sich die Welt in vielen Bereichen zum Schlechteren verändert und wollen mit ihrem Geld etwas bewirken. Doch zugleich besteht Unsicherheit gegenüber klassischen Impact-Produkten, hohen Einstiegsschwellen und Papierkram.
Was gewünscht wird, ist ein Instrument, das ohne Renditeanspruch auskommt und trotzdem professionell funktioniert, die Eigenständigkeit vor Ort stärkt und sich nicht am Projektende ausläuft. Es geht weniger um das Gefühl, „etwas Gutes getan zu haben“. Wichtiger sind Nachvollziehbarkeit, Tempo und die Frage, wie Kapital nicht nur hilft, sondern auch mehr Gleichberechtigung schafft.
Wenn Spenden Eigenkapital werden
Doch gibt es zwischen klassischen Spenden und Investments einen Weg, der tatsächlich strukturell wirkt? Die Antwort lautet Philanthropic Equity, zu deutsch: philanthropisches Eigenkapital. Eine Spende, die wie Eigenkapital arbeitet und potenzielle Rückflüsse wieder in neue Chancen lenkt.
Philanthropic Equity ist dabei kein neues Investmentprodukt, sondern eine Weiterentwicklung der Spende. Das Prinzip ist einfach und zugleich ungewohnt: Spenden fließen als Eigenkapital in lokale Unternehmen. Wenn diese Unternehmen erfolgreich werden und Geld verdienen oder Anteile verkauft werden können, landet der Rückfluss nicht bei den Gebenden, sondern in einem zweckgebundenen Topf – und finanziert die nächste Start-up-Beteiligung. So entsteht ein Kreislauf, der aus einer Spende eine Wirkungskette macht.
Greifbar wird das dort, wo aus der ersten Finanzierung eine Klinikfiliale in einer Apotheke wird, aus der zweiten die Ausweitung in den Nachbarbezirk und aus der dritten die Ausbildung zusätzlicher Fachkräfte. Kein Projektende nach der Förderperiode, sondern ein Staffelstab, der weitergegeben wird. Geld, das seine Wirkung vervielfältigt.
Geld, das Wirkung vervielfältigt
Warum dieser Weg? Weil das, was Menschen und ihre Familien am stärksten stabilisiert, nicht die einmalige Zuwendung ist, sondern verlässliche Erwerbsmöglichkeiten. Für eine Näherin sind es planbare Aufträge, für einen Pfleger sichere Schichten, für eine Bäuerin die garantierte Ernte. Solche Strukturen entstehen in kleinen und mittleren Unternehmen, also genau dort, wo Bankkredite fehlen und klassische Investoren noch nicht einsteigen.
Philanthropic Equity schließt diese frühe Lücke, stellt das fehlende Startkapital bereit und verschiebt damit Einkommen und Entscheidungsmacht dorthin, wo sie gebraucht werden. Aus Equity im finanziellen Sinne wird damit ein Hebel für Equality im gesellschaftlichen Sinne. Und wie passt Bargeld als Soforthilfe in dieses Bild? Digitale Direktzahlungen geben, ähnlich wie Beteiligungen, Eigenständigkeit, aber nur auf kürzere Sicht. Sie sind ein probates Mittel – abseits von Spenden – Menschen in ihrer Eigenständigkeit zu unterstützen. In Krisen sind sie zudem oft die beste Option: schnell, würdevoll, ohne Umwege über Sachspenden. Sie verschaffen Luft und lassen Familien selbst entscheiden.
Doch wer langfristig Strukturen verändern will, sollte lokale Geschäftsmodelle stärken, die morgen noch tragen. Darum gehört beides zusammen, ohne sich zu überlagern: Cash, wenn es brennt. Philanthropic Equity, wenn es nachhaltig wachsen soll.
Nachhaltig ist auch der Blick auf diese Art der Finanzierung. Viele denken bei Sustainable Finance zuerst an Emissionen. Doch soziale Nachhaltigkeit ist genauso konkret: faire Chancen, verlässliche Einkommen, Verantwortung vor Ort. Philanthropic Equity passt genau hier hinein.
Es braucht keine großen Worte, sondern eine einfache, bedienbare Architektur: Eine philanthropische Tranche, die gemeinnütziges Eigenkapital bereitstellt und Rückflüsse reinvestiert; klare, verständliche Bedingungen; digitale Prozesse, die so leicht sind wie eine Überweisung – nur mit dem Unterschied, dass der Euro weiter investiert wird. Für die neue Erbengeneration ist das anschlussfähig: Es liefert Überblick, reduziert Bürokratie, ermöglicht Austausch auf Augenhöhe.
Keine klassische Ausschüttung als „Return“
Wer so gibt, erhält keine klassische Ausschüttung. Der „Return“ ist anders und, aus unserer Sicht, relevanter: Mehr Menschen, die von eigener Arbeit leben; mehr Entscheidungen, die vor Ort getroffen werden; mehr Gleichheit in Beziehungen, weil Kapital nicht Kontrolle bedeutet, sondern Vertrauen.
Philanthropic Equity ist kein Allheilmittel. Unternehmen können scheitern, die Ideen ihrer Chefs zu früh am Markt sein. Aber die Alternative, auf die wir jahrzehntelang gesetzt haben, ist gescheitert – nur leiser. Zwischen Spendenquittung und Renditebericht klafft eine Lücke, in der zu viele gute Vorhaben liegen bleiben. Sie zu schließen ist kein moralischer Luxus, sondern solides Handwerk für eine Generation, die Wirkung sehen will.
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