EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung : Warum eine CSRD Lite zu Informationslücken für Investoren führen könnte
Die nachhaltige europäische Finanzwirtschaft befindet sich seit Jahren in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess. Taxonomien, Offenlegungspflichten und Berichtsrahmen wurden weiterentwickelt, um ein besseres Verständnis dafür zu gewinnen, worin tatsächlich investiert wird. Die CSRD sollte dem Struktur verleihen. Nun möchte Brüssel aber die Berichterstattungsregeln verwässern, die nachhaltige Finanzierungen erst ermöglichen, moniert Sadaf Poursheikhani vom Vermögensverwalter Federated Hermes.
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Die CSRD wurde als Rückgrat des europäischen Nachhaltigkeitsökosystems geschaffen und sollte eine einheitliche, vergleichbare und entscheidungsrelevante Datenbasis bereitstellen.
Neben diesem ambitionierten Anspruch stellt sich jedoch eine berechtigte Frage: Sollte sich Regulierung darauf beschränken, zu erfassen, was Unternehmen unterlassen, anstatt gezielt zu unterstützen, was die Wirtschaft für den Übergang tatsächlich leisten muss? Dieser Einwand ist nachvollziehbar: Offenlegung allein macht die Wirtschaft nicht nachhaltiger – entscheidend sind Investitionen. Diese setzen wiederum belastbare Informationen voraus, und genau an diesem Punkt gewinnt die Debatte an Schärfe.
Chancen nutzen, Transparenz bewahren
Das „Vereinfachungspaket“ sieht zwei Formen der Verschlankung vor. Zum einen betrifft es die Frage, wer Informationen offenlegen muss, indem die Schwellenwerte für die Unternehmensgröße angehoben werden. Zum anderen betrifft es die Frage, was offengelegt werden muss, indem die Menge oder der Detailgrad der erforderlichen Informationen reduziert wird. Die Anpassung der Unternehmensgröße ist für viele Investoren vergleichsweise unproblematisch: Größere Unternehmen mit umfangreichen Ressourcen können zunächst berichten, während kleinere Unternehmen schrittweise einbezogen werden sollten, ohne überfordert zu werden. Bei der Reduzierung der Inhalte hingegen bestehen echte Risiken: Weniger Unruhe ist wünschenswert, doch der Verlust entscheidender Daten würde einen Rückschlag darstellen.
Das eigentliche Problem liegt im Fehlen praxisnaher Tests. Die Regeln wurden mit guten Absichten entwickelt, ohne jedoch ausreichend zu berücksichtigen, wie Unternehmen in unterschiedlichen Branchen sie realistisch umsetzen können. Ohne eine solche branchenspezifische Prüfung können selbst die besten regulatorischen Rahmenwerke scheitern. Denn die unangenehme Wahrheit lautet: Nachhaltige Finanzierungen funktionieren nur, wenn Informationen fließen. Fehlen diese Informationen, entstehen entscheidende Transparenzlücken.
Weniger Daten, mehr Unsicherheit
Nach den vorgeschlagenen Änderungen könnte ein erheblicher Teil der Unternehmen, insbesondere mittelständische Firmen, von der Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung befreit werden. Weniger Verwaltungsaufwand mag auf den ersten Blick positiv erscheinen, die finanziellen Konsequenzen sind jedoch nicht eindeutig.
Man kann es sich vorstellen wie bei einem Piloten, dem die Instrumente im Cockpit entfernt werden, um das Armaturenbrett übersichtlicher zu machen – das Fliegen bleibt zwar theoretisch möglich, doch die Risiken steigen erheblich.
Investoren benötigen konsistente Daten nicht aus Interesse an umfangreichen Berichten, sondern weil ihre Entscheidungen – von Bonitätsprüfungen über Portfoliokonstruktionen bis hin zu Risikomodellen, Versicherungsgeschäften und Kreditentscheidungen – auf verlässlichen, vergleichbaren Informationen basieren. Fehlen diese Daten, wird eine fundierte Analyse unmöglich und Annahmen treten an die Stelle belastbarer Erkenntnisse.
Nachhaltigkeit ohne Daten
Verlässliche Daten sind entscheidend, damit Nachhaltigkeit messbar wird und Investitionen fundiert getroffen werden können. Vor der Einführung der CSRD war die Bewertung seines Nachhaltigkeitsprofils vergleichbar mit einem Vorstellungsgespräch ohne Lebenslauf: Viele selbstbewusste Aussagen wie „Teamplayer“, „sehr engagiert“ oder „extrem umweltbewusst“ lagen vor, doch überprüfbare Informationen fehlten. Mit der CSRD wurde erstmals ein strukturierter, überprüfbarer und vergleichbarer „Nachhaltigkeits-Lebenslauf“ geschaffen.
Würde Europa nun die Pflicht zur Berichterstattung weitgehend aufheben, wäre dies, übertragen auf das Bild des Lebenslaufs, vergleichbar damit, einem Bewerber ohne Nachweise blind zu vertrauen – eine Entwicklung, die Transparenz und Vergleichbarkeit erheblich einschränken würde.
Blindspots sind teuer
Ohne eine umfassende CSRD-Berichterstattung ergeben sich erhebliche Informationslücken:
- Vermögensverwalter können nicht zwischen führenden und zurückbleibenden Unternehmen unterscheiden.
- Banken haben Schwierigkeiten, das mit Nachhaltigkeit verbundene Kreditrisiko zuverlässig zu bewerten.
- Versicherer sehen sich mit höherer Unsicherheit bei der Risikoprüfung konfrontiert.
- Regulierungsbehörden erhalten unvollständige Daten.
- Kunden erhalten Produkte, deren Integration von Nachhaltigkeitskriterien weniger zuverlässig ist.
Paradoxerweise könnten gerade mittelständische Unternehmen, die durch die Entlastung profitieren sollen, von höheren Finanzierungskosten betroffen sein, da Investoren die Unsicherheiten einpreisen.
Nachhaltige Finanzwirtschaft als vernetztes Ökosystem
Nachhaltige Finanzwirtschaft wird nicht durch eine einzelne Vorschrift oder ein einzelnes Akronym zusammengehalten. Sie funktioniert als ein Ökosystem, in dem SFDR, Taxonomie, Klimabenchmarks und CSRD sich gegenseitig in ihrer Glaubwürdigkeit stützen. Das Problem liegt nicht in der Vereinfachung an sich, sondern in ihrem Ansatz. Ein übersichtlicheres Regelwerk ist wünschenswert, doch die Entfernung grundlegender Elemente der Berichterstattung würde das System gefährden.
Die CSRD – sorgfältig konzipiert – dient nicht der kosmetischen Optimierung von Jahresberichten. Sie soll gewährleisten, dass Nachhaltigkeit tatsächlich Substanz besitzt. Wird zu viel zu schnell gestrichen, besteht die Gefahr, dass zentrale Elemente der Nachhaltigkeitsberichterstattung verloren gehen. Unternehmen können schließlich nicht für Verpflichtungen zur Rechenschaft gezogen werden, die nicht mehr erfasst oder gemessen werden.
Was man nicht sieht, kann man auch nicht verbessern
Europa ist führend im Bereich der nachhaltigen Finanzwirtschaft, weil es auf Transparenz, Struktur und Rechenschaftspflicht setzt. Die Einführung der CSRD ist der richtige Schritt, auch wenn die Umsetzung noch nicht perfekt ist. Jede weitere Verzögerung oder übermäßige Verwässerung wäre mehr als eine regulatorische Anpassung. Sie würde einen strategischen Rückzug bedeuten, gerade in einer Zeit, in der stärkere, nicht schwächere Standards erforderlich sind.
Vereinfachungen sind sinnvoll, das Aufgeben von Verantwortung jedoch nicht. Wenn Europa im Bereich der nachhaltigen Finanzwirtschaft weiterhin Maßstäbe setzen und nicht nur übernehmen will, muss ein Grundsatz unverhandelbar bleiben: Sichtbarkeit ist keine Belastung, sondern die Grundlage für wirksamen Wandel. Wer selbst im Dunkeln steht, kann den Wandel nicht gestalten.
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